110-KV-Leitung: „Es wird im Almtal wieder gebaut“

Energie-AG-Generaldirektor Steinecker über die Auswirkungen der Energiewende und neue Leitungen

Energie-AG-Generaldirektor Werner Steinecker ist zuversichtlich, nach der Bau-Wiederaufnahme im Almtal im kommenden Jahr auch im Innviertel mit der 110-KV-Leitung beginnen zu können. © Energie AG, Netz Oberösterreich

Energie-AG-Generaldirektor Werner Steinecker sieht höhere Strompreise sowie mehr Abhängigkeit von Russland durch die Energiewende kommen.

VOLKSBLATT: Klimaschutz lautet augenscheinlich das Gebot der Stunde. Vor allem in Deutschland wird Druck gemacht, der Atomausstieg 2022 ist beschlossen, der Kohle-Ausstieg könnte von 2038 nach vorne verschoben werden. Welche Folgen wird das auch für Österreich haben.

STEINECKER: Die Konsequenz für Österreich werden langfristig sicher steigende Strompreise sein.

Wo kann der Preis noch hingehen?

Das ist momentan schwer zu sagen, es kommt auch darauf an, welche Maßnahmen die nächste Bundesregierung in Sachen Wind- und Photovoltaik plant. Derzeit liegt der Preis bei 50 Euro die Megawattstunde. Aber auch ein Preis von 90 Euro für die Megawattstunde ist langfristig nicht auszuschließen.

Gibt es Versäumnisse in Deutschland?

Die Deutschen haben in ihrer Musterschülermentalität mit gewaltigen Alternativenergie-Maßnahmen begonnen, mit Windkraft im Norden und einer hohe Photovoltaik-Dichte im Süden. Doch es ist nicht davon auszugehen, dass es in Deutschland die erforderlichen Leitungen von Norden nach Süden zum Abtransport der gewaltigen Windstromkapazitäten geben wird. Viele der zu schließenden Atomkraftwerke stehen im Süden, das wird auch für Österreich spürbar werden.

Wie kann die Energiezukunft dann funktionieren?

Bei der Photovoltaik werden in Deutschland pro Jahr mit Müh und Not 1000 Stunden Produktion erreicht, auch bei Wind kann man Offshore nur mit 3000 Stunden rechnen. Das Problem ist, dass das Jahr aber 8760 Stunden hat. Zur Vollversorgung braucht man daher entsprechende Alternativen. Wenn der Ausstieg aus Atom und Kohle kommt, wird man mehr Importe brauchen, hauptsächlich aus russischer Produktion. Dazu werden durch die Umstellung Gaskraftwerke in Deutschland einen Boom erleben.

Das heißt aber auch mehr Abhängigkeit von Russland. Das von den USA kritisierte Projekt North Stream 2 muss also kommen?

Absolut, die Hauptgasmenge für Europa kommt nun mal aus Russland.

Wird die Energiewende negative Auswirkungen haben?

Was nützt mir die wohlfeilste Lösungsfantasie zum Thema Klimaschutz, wenn ich dafür andere Dinge opfern muss – etwa im Bereich der Versorgungssicherheit. Unsere Gesellschaft ist schon bei geringfügigen Stromausfällen extrem sensibel. Wenn die Ausfälle dann länger dauern, dann kommen wir schon in den Grenzbereich zu bürgerkriegsähnlichen Reaktionen.

Ist die Dezentralisierung der Stromversorgung über kleine Anlagen also nicht der Weisheit letzter Schluss?

Das Wunschdenken, ich mache alles alternativ mit kleinen Anlagen und dezentral, löst die Grundanforderungen an eine sichere Stromversorgung nicht. Ich brauche Sicherheit in der Frequenz- und Spannungshaltung. Wenn ich das auf lauter kleine Anlagen fokussiere, fehlen mir die großen Einheiten, die es schon aus Prinzip braucht. Die kleinen Anlagen können ergänzen, aber Probleme wird man damit nicht lösen.

London und Argentinien haben in der Vergangenheit große Stromausfälle erlebt. Wie groß ist die Gefahr eines Blackouts in Österreich?

Das österreichische Netz ist nicht so strukturiert wie etwa jenes zwischen Argentinien und Uruguay, wo von einer großen Erzeugungseinheit eine große Leitung weggeht. In Österreich gibt es Tausende Einspeisepunkte von großen Kraftwerken. Die Blackout-Gefahr in Österreich ist schon sehr minimalisiert. Bei uns passieren eher großräumige Stromunterbrechungen durch wetterbedingte Einflüsse wie Stürme oder Schneedruck, das wird es immer wieder geben.

Für die Stromversorgung braucht es entsprechende Leitungen. Die 110-KV-Projekte sind immer wieder umstritten. Wie ist hier der aktuelle Stand?

Die Bereitschaft des immer empfindlicher werdenden Bürgertums, diese Leitungen zu akzeptieren, ist überschaubar. Aber mit dem Bau der Almtal-Verbindung wird aktuell wieder begonnen (siehe Kasten rechts). Auch hat die Energie AG mittlerweile das Projekt Mühlviertel übernommen. Hier wird aktuell das Projekt ausgearbeitet und dann mit den Grundeigentümern Kontakt aufgenommen ehe das Vorhaben eingereicht wird. Auch im Innviertel sind wir sehr weit, hier wollen wir nächstes Jahr im Frühjahr zu bauen beginnen.

Mit den Stadtwerken Leipzig hat man ein Testprojekt für die Blockchain-Technologie gestartet, wie weit ist man hier?

Das Thema Blockchain ist noch ein sehr junges. Es wird aber immer mehr an Bedeutung gewinnen, je mehr lokale Produktion samt Peer-to-Peer-Trading es gibt, wir sind hier sehr gut aufgestellt. Insgesamt haben wir im Bereich der Digitalisierung schon viel weitergebracht. Etwa im Bereich des Vertriebs, hier aber ist auch noch viel möglich.

Aufgrund der Niedrigzinsen hat ihr Finanzvorstand einmal angedacht, das Geld künftig in den Tresor anstatt auf die Bank zu legen. Haben sie schon einen größeren Tresor angeschafft?

Wir investieren derzeit mit im Schnitt 240 Millionen Euro in den kommenden Jahren sehr viel, heuer sogar noch mehr. Da gibt es keinen großen Bedarf, das Geld in den Tresor zu legen.

Energie-AG-Generaldirektor WERNER STEINECKER sprach Christoph Steiner

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