„18 Grad und Pulli oder Industriewachstum?“

Experten diskutierten in Berlin die Energiewende im Schatten eines militärisch und wirtschaftlich geführten Kriegs

Diskutierten am Pioneer One Schiff in Berlin über die Energiewende und die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs (v. l): Gabriel Felbermayr, Karoline Edtstadler, Michael Strugl, Günther Öttinger
Diskutierten am Pioneer One Schiff in Berlin über die Energiewende und die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs (v. l): Gabriel Felbermayr, Karoline Edtstadler, Michael Strugl, Günther Öttinger © Verbund

Am Montag beginnt Russland seine Wartungsarbeiten an der für Europa so wichtigen Pipeline Nord Stream 1. Dann fließt mal fix kein Gas mehr. Anberaumt für elf Tage weiß niemand ob Russlands Führer Wladimir Putin den Gashahn danach auch wieder aufdreht.

Diese ungewisse Zukunft spiegelte sich auch bei einem Expertengespräch auf Einladung des Verbund in Berlin wider. Nicht nur einmal fiel dabei das Wort Kriegswirtschaft. Und das man ehrlicher mit der Bevölkerung sein müsse.

Von Corona als einer Krise zum Warmmachen sprach etwa Europaministerin Karoline Edtstadler. Es werde Wohlstandsverluste geben, stellte sie klar. Womit nun auch eine österreichische Politikerin jenes Narrativ übernahm, das man aus Deutschland schon länger kennt. Aus Deutschland kamen auch die markigsten Sprüche des Abends. Mit der selben Schlagrichtung. Der ehemalige EU-Energieminister Günther Oettinger skizzierte sein Szenario für den kommenden Herbst und Winter.

„Man muss sich entscheiden, 22 Grad in der Wohnung oder Industriearbeitsplätze. Entweder oder. Eher daheim und Kurzarbeitergeld oder Wertschöpfung“, so der Deutsche. „Beides zugleich, warme Wohnung und wachsende Wirtschaft wird es nicht gehen. Ich plädiere für 18 Grad und Pullis“, so Öttinger, der auch betont, dass man die Bürger darauf vorbereiten muss.

Öettinger macht klar Putin für diese Entwicklung verantwortlich. Er sieht wenige Alternativen, auch wenn es andere Pipelines als Nord Stream 1 gäbe. Er spricht von großen Veränderungen. Selbst im Kalten Krieg waren Gas, Öl, Kohle, Weizen nie ein Instrument des Krieges, das sei nun nicht mehr so, so seine Beurteilung der Lage.

Verbund-Chef Michael Strugl sprach beim drohenden Gasmangel in Anleihe an die Corona-Pandmie von einer „wirtschaftlichen Triage“, also dass man entscheiden müssen, wer bedient wird.

Wenig positiver der Ausblick auch auf anderer Seite: Wifo-Chef Gabriel Felbermayr rechnet mit einem weiteren Anstieg der Inflation auf neun Prozent. Wenn es aber über den Winter nicht genug Gas gibt, könnte sich die Inflation noch einmal verdoppeln – das wären 18 Prozent. „Da schlummert gewaltiges soziales Konfliktpotenzial“, warnt der Wifo-Chef. Dann werde vieles nicht mehr nach marktwirtschaftlichen Regeln über die Bühne gehen.

Doch grundsätzlich war man sich einig: Europa wird – wenn gemeinsam – gestärkt aus der Krise kommen, auch wenn es kurzfristig weh tut.

Von Christoph Steiner

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