„2021 möchten wir einen guten Neustart ermöglichen“

Kultur-Direktorin Margot Nazzal über ihre ersten Monate im Amt, Corona und das neue Kulturleitbild

Die meisten Mitarbeiter der Kultur-Direktion sind im Home Office, das Führungsteam mit Margot Nazzal an der Spitze arbeitet noch im Büro.
Die meisten Mitarbeiter der Kultur-Direktion sind im Home Office, das Führungsteam mit Margot Nazzal an der Spitze arbeitet noch im Büro. © Land OÖ

Seit Anfang August leitet Margot Nazzal die neu formierte Direktion Kultur und Gesellschaft des Landes Oberösterreich.

Im VOLKSBLATT-Interview spricht die 39-jährige Juristin über die Herausforderungen, die Corona mit sich bringt, das gerade beschlossene neue Kulturleitbild des Landes und die notwendigerweise flexible Planung für das Jahr 2021.

VOLKSBLATT: Wie haben Sie die ersten Monate in Ihrem neuen Aufgabenbereich gestaltet?

MARGOT NAZZAL: So weit wie möglich mit vielen persönlichen Gesprächen sowohl in der Landeskulturdirektion inklusive dazugehöriger Institutionen, aber auch mit vielen Kunst- und Kulturschaffenden im Land. In letzter Zeit mussten wir die persönlichen Kontakte leider wieder stark zurückgefahren, aber wir versuchen, über Videokonferenzen in Kontakt zu bleiben. Parallel dazu bereiten wir uns auf anstehende Großprojekte vor.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage im Kunst- und Kulturbereich im Land?

Als sehr herausfordernd, mit vielen sehr dringenden Anliegen, die uns erreichen, wo wir halt schauen, dass wir möglichst schnell zielgerichtete, gute Lösungen insgesamt, aber auch in jedem Einzelfall, zustande bringen. Gerade der Bereich der Förderungen beweist in diesen Tagen, ein verlässlicher Partner für unsere Künstler zu sein.

Mit welchen Anliegen kommen die Künstler jetzt?

Das unmittelbare sind freilich finanzielle Sorgen, die wir versuchen, möglichst abzufedern. Dann natürlich Veranstaltungsabsagen und was jetzt auch immer mehr Thema wird, ist der teilweise recht unsichere Blick in Richtung 2021, was da an Veranstaltungen möglich sein wird. Die große Frage ist, in welcher Dimension man da planen kann, auch die Budgets. Wir versuchen, gemeinsam die verschiedensten Varianten zu denken, und vom bestmöglichen bis zum schlechtesten Fall alles realistisch abzudecken.

Wie geht es mit der Auszahlung von Hilfsgeldern und Fördermitteln voran?

Die bestehenden Programme werden in diesen Wochen mit voller Energie abgewickelt. Parallel beschäftigen wir uns damit, was es an zusätzlichen Initiativen bräuchte, um den Bedarf aus der Praxis möglichst gut abzudecken, damit niemand durch die Finger schaut. Gerade auch Richtung 2021 möchten wir einen guten Neustart ermöglichen und den Betroffenen Planungssicherheit bieten.

Inwiefern verändert die Pandemie die kulturelle Landschaft?

Veränderungen wird’s wahrscheinlich geben, das bestätigen mir auch die Kunstschaffenden. Auf jeden Fall ist festzustellen, dass die persönliche Begegnung, der persönliche Austausch gerade im Kunst- und Kulturbereich das Um und Auf ist. Bei aller Digitalisierung — die meisten freuen sich wieder auf das volle Programm, auf den direkten Genuss, der für das Publikum in der Gemeinschaft, aber auch für die Künstlerinnen und Künstler ein unersetzbares Erlebnis darstellt.

Widmen wir uns dem gerade im Landtag beschlossenen Kulturleitbild. Was ist neu daran?

Neu ist schon einmal der Weg dorthin, ein Prozess, der im Frühjahr 2019 gestartet wurde und jetzt im Herbst seinen Abschluss gefunden hat: diese sehr breite Einbindung von Interessierten im Rahmen von Workshops in den Regionen. Aber auch die Inhalte, die in strategischen Handlungsfeldern definiert sind und uns in den nächsten Jahren anleiten sollen, wurden weiterentwickelt. Neu sind da Schlüsselthemen wie Künstliche Intelligenz oder das Textilland OÖ. Und wir gehen weg von klassischen, starren Umsetzungsberichten, die es nur mehr alle drei Jahre geben wird, hin zu jährlichen Veranstaltungen, mit denen wir ganz aktuell an kulturpolitisch relevanten Fragestellungen dran sein wollen.

Wie kann man sich „kooperative Pilotprojekte“, wie sie das Leitbild anregt, vorstellen?

Wir haben da mit dem OÖ. Kultursommer bereits ein Beispiel. Es geht darum, in verschiedensten Bereichen Kompetenzen zu bündeln, um stärker wirksam sein zu können. Da ist viel möglich und denkbar, wenn ich z. B. an die Weiterentwicklung unserer Traditionen im Textilbereich denke: Da gibt es von ausgezeichneten Traditionen wie dem Blaudruck über innovative Museumsarbeit wie in Haslach bis hin zu europaweit sichtbaren universitären Kompetenzen an der Kunstuniversität, eine große Palette, die zeigt, was Oberösterreich in seinem Kern ausmacht.

Im Kulturleitbild ist auch die Zusammenarbeit mit der Stadt Linz festgeschrieben …

Die bestehenden Bezüge zu Linz sollen entsprechend genutzt und ausgebaut werden. Wir sind mit der Stadt inhaltlich zum Beispiel im Gedankenaustausch Richtung Brucknerjahr 2024. Wir überlegen auch, wie wir uns bei großen Themen wie Ars Electronica inhaltlich aktiver einbringen können.

Ein besonderes Augenmerk soll auch auf Frauen liegen …

Frauen als Kunst- und Kulturschaffende sollen entsprechend repräsentiert sein. Der Ausgewogenheit in Gremien und Jurys soll etwa ein Augenmerk geschenkt werden, aber auch, wenn es um Auszeichnungen und damit die Sichtbarmachung des künstlerischen Schaffens geht. Themen wie „Fair pay“ werden wir auch mit dem Landeskulturbeirat angehen.

Welche Rolle werden Sonderausstellungen künftig spielen?

Eine Große, weil die kulturellen Leitveranstaltungen des Landes ein großer Bestandteil im Kulturleben Oberösterreichs sind. In welcher Form das dann genau passieren wird, dazu führen wir einen guten Austausch mit der Landeskultur GmbH. Anlässe für Sonderausstellungen gibt es genug, ein Teil davon werden Jubiläen und Gedenkjahre sein. Auch der Blick in die Zukunft ist immer wichtig. Wenn kulturpolitisch relevante Themen auftauchen, kann das auch Anlass für Sonderausstellungen bieten.

Volkskultur und kulturelles Erbe sind ein wichtiges Thema: Wie kann es gelingen, Vereine und Ehrenamt zu stärken und an heutige Lebensrealitäten anzupassen?

Was sicherlich in vielen Vereinen ansteht, sind Generationenwechsel. Da gilt es auch, möglichst gute Strukturen zu haben, damit das in die nächste und übernächste Generation weitergetragen werden kann. Das ist sicher eine Herausforderung, wo wir als Land versuchen, die Vereine bestmöglich zu unterstützen, vor allem in der Arbeit der Verbände.

Unter dem Titel „Nachwuchsschmiede“ geht es um die Förderung junger Menschen. Möchte man die Musikschulen mehr öffnen, weg vom klassischen Musikunterricht hin zu modernen Formaten?

Das Modell der Musikschulen ist ein etabliertes und bewährtes. Sie leisten ganz tolle Arbeit gerade in der Nachwuchsförderung. Ob das auf die Musik beschränkt bleibt oder ob man weitere Themenfelder mit aufnimmt, ist zu überlegen – aber das hat sich ja immer weiterentwickelt. Es gibt ja jetzt schon Angebote abseits klassischer Instrumente wie Tanz oder musikalische Früherziehung, und wir hatten bereits Pilotprojekte mit anderen künstlerischen Arbeitsweisen. Da ist viel im Fluss. Den Stellenwert der Landesmusikschule als Basisausbildung für viele, aber auch für mögliche Spitzen im Land zu forcieren, wird uns sicher in den nächsten Jahren beschäftigen. Aktuell stellen die Musikschulen wieder auf Distance Learning um. Es würden wichtige Fortschritte verloren gehen, wenn die Kinder jetzt zu lange keinen Musikunterricht hätten.

Sind Sie mit dem Input, den das Kulturleitbild liefert, insgesamt zufrieden?

Absolut. Es ist gelungen, die vielen verschiedenen Interessen, die ja das Kulturland OÖ abbilden sollen, auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, der aber durchaus nicht klein ist. Auch innovative Themen konnten darin Fuß fassen neben „klassischen“ Themen. Das ist ein ausgezeichnetes Papier, mit dem wir ab 2021 und darüber hinaus die Arbeit unsererseits weiter gestalten können.

Mit Kultur-Direktorin MARGOT NAZZAL sprach Melanie Wagenhofer

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