21 Athleten aus fünf Sportarten unter Doping-Verdacht

Der Blutdopingskandal um einen deutschen Arzt aus Erfurt hat größere Ausmaße als zunächst bekannt war. Oberstaatsanwalt Kai Gräber nannte am Mittwoch bei einem Pressetermin in München Zahlen: Demnach hat Mark S. nach aktuellem Stand Blutdoping an 21 Athleten aus acht europäischen Ländern vorgenommen bzw. vornehmen lassen. Fünf Sportarten seien betroffen, davon drei aus dem Wintersport.

Bisher sind neun Aktive als Kunden des Arztes aus dem Skilanglauf (unter ihnen die Österreicher Max Hauke und Dominik Baldauf) und dem Radsport (Stefan Denifl und Georg Preidler) bekannt, wobei ein Kasache sein Geständnis widerrufen hat. Gräber nannte eine dreistellige Zahl von Entnahmen und Rückführungen von Eigenblut, die “weltweit” stattgefunden hätten.

So seien zwei Mitarbeiter aus dem Netzwerk des Arztes – sie erhielten pro Tag eine Aufwandsentschädigung von je 200 Euro – zu diesem Zweck bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang und auch auf Hawaii gewesen. Weder zu weiteren Namen – laut Gräber betrifft ein kleiner Prozentsatz Frauen – noch zu den betroffenen Sportarten machte Gräber aus ermittlungstaktischen Gründen genaue Angaben. Dass es sich bei den zwei Sommersportarten um Radsport und angesichts des Schauplatzes Hawaii um Triathlon handelt, bestätigte der Staatsanwalt indirekt. Für den Wintersport schloss Gräber die Nordische Kombination auf Nachfrage aus.

Der Arzt, der früher im Radsport aktiv war, hat laut den Ermittlungen der vor zehn Jahren gegründeten Schwerpunktstaatsanwaltschaft München I für Dopingvergehen im Sport seit Ende 2011 an Profisportlern Blutdoping betrieben. Der Mediziner mit Praxis in Erfurt und vier seiner Helfer befinden sich in Untersuchungshaft. Nach dem Arzt und einem Mann in Erfurt sowie einer Frau (sie hat in Innsbruck gegen ihre Auslieferung Beschwerde eingelegt) und einem bereits von Österreich an Deutschland ausgelieferten Mann wurde laut Gräber am Montag eine fünfte Person aus dem Netzwerk festgenommen. Der 38-jährige Deutsche habe Blutbeutel transportiert und ohne medizinische Ausbildung Blutdoping an anderen durchgeführt.

Dem Arzt drohen zwischen einem Jahr und zehn Jahren Haft, sagte Gräber auf APA-Anfrage. “Ich bin sehr sicher, dass es ohne Strafverfolgungsbehörden nicht geklappt hätte, den Mann zu überführen”, betonte der Staatsanwalt. Die den Behörden bekannten 21 Namen stammen nicht nur vom Arzt, sondern auch aus anderen Quellen. “Es sind auch Athleten im Fokus, von denen wir keine Blutbeutel gefunden haben”, erklärte Gräber.

Bei den Ermittlungen (Abhören von Telefonen, Überwachung von Personen und Gebäuden) war laut Gräber das Zollfahndungsamt München mit Sitz in Lindau federführend. Die Zusammenarbeit mit den österreichischen Behörden, die Razzien während der Nordischen Ski-WM in Seefeld am 27. Februar vorgenommen hatten, habe hervorragend geklappt.

Bei der “Operation Aderlass” waren in Seefeld auch Hauke und Baldauf festgenommen worden und hatten Blutdoping gestanden. Ausgelöst wurden die Ermittlungen durch eine TV-Dokumentation der ARD über den österreichischen Skilangläufer Johannes Dürr, der angegeben hatte, auch auf deutschem Gebiet Eigenblutdoping betrieben zu haben.

In Erfurt wurden in einem Verschlag in einer Garage Kühlschränke und ein spezieller Tiefkühlschrank für Temperaturen bis minus 80 Grad aufgefunden. Einen Kühlschrank und eine Blutzentrifuge, die in einer Wohnung in Erfurt sichergestellt wurde, habe Mark S. laut Gräber “von einem zuvor in Österreich verurteilten Mann” um 50.000 Euro gekauft. Der ehemalige Sportmanager Stefan Matschiner hatte zuletzt gegenüber Medien erklärt, er habe das Gerät weitergegeben. 2018 habe Mark S. laut Gräber auch noch eine neue Zentrifuge gekauft. Neben Gerätschaften für das Blutdoping seien auch Wachstumshormon sowie weitere vorerst nicht identifizierte Präparate gefunden worden.

Für seine Dienste hat der Arzt laut Staatsanwalt zwischen 4.000 und 12.000 Euro pro Saison verlangt. Das ergibt nach vorsichtigen Schätzungen mindestens 100.000 Euro pro Saison.

Laut Gräber wurden 40 bis 50 Blutbeutel sichergestellt. Er gehe davon aus, dass diese auch ohne DNA-Abgleich zugeordnet werden könnten. Der DNA-Abgleich diene dann als Bestätigung. Alle gefundenen Gegenstände würden aktuell kriminaltechnisch untersucht. Mit Ergebnissen wie der Nennung weiterer Namen sei in den nächsten Tagen nicht zu rechnen.

Zu den Motiven von Mark S. wollte Gräber auf APA-Anfrage keine Stellung nehmen. Der Hauptbeschuldigte und seine Helfer hätten sich jedenfalls sicher gefühlt. Denn zuletzt wurde noch ein Telefonat abgehört, in dem der Arzt nach der TV-Sendung mit Dürr sagte, er habe alle Unterlagen geschreddert.

Bei dem aktuellen Fall drängt sich ein Vergleich mit dem Skandal um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes nach der Jahrtausendwende auf. “Damals wurden mehr Blutbeutel gefunden, aber hier werden mehr Sportler ermittelt”, sagte Gräber. “Ich glaube daher, dass es schon ein großer Fall ist. Es sind längst nicht alle Kapitel geschrieben.”

Der Münchner Oberstaatsanwalt Kai Gräber hat in seinem Bericht über die “Operation Aderlass” auch die Gefährlichkeit des praktizierten Blutdopings herausgestrichen. So sei etwa die Rückführung des Blutes von Personen ohne medizinische Ausbildung durchgeführt worden, an einem Aktiven wurde ein unbekanntes Präparat getestet.

Erst am Montag sei in Erfurt ein Mann als fünfte Person in diesem Fall in Untersuchungshaft genommen worden, der ohne medizinische Ausbildung Blutdoping an anderen durchgeführt habe. Zudem wies der Staatsanwalt darauf hin, dass in Seefeld, wo am 27. Februar vier Skilangläufer nacheinander an drei verschiedenen Orten gedopt wurden bzw. werden sollten, keine sterilen Bedingungen geherrscht hätten.

“Einmal wurde ein Präparat angewendet ohne zu wissen, was drinnen war”, erklärte Gräber. Man habe einen Sportler ausgesucht, an dem das Produkt ausprobiert werden sollte. “Als sich Nebenwirkungen einstellten, hat man es wieder abgesetzt”, sagte der Leiter der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Dopingvergehen im Sport in München.

Bei Überwachungen habe man gesehen, wie ein Sportler nach dem Blutdoping wie unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln aus dem Haus gekommen sei. Ein anderer habe nach der Rückführung beide Arme bis zu den Schultern in den Schnee gesteckt. Risikoreich sei auch die Zuführung von einem Liter Blut vor Langstreckenflügen gewesen.