50 Jahre im Einsatz

Benno Hofer (67) war schon der Nikolaus für viele Kinder und mehrere Generationen. Auch für mich. Außerdem ist er ein Freund von meinem Papa und deshalb hab‘ ich ihn schon als kleiner Knopf als irdisches Wesen entlarvt. Aber auch sonst läuft der gute Mann Gefahr, erkannt zu werden und zwar an seiner schönen Stimme. Denn die ist in Bad Leonfelden mindestens genauso bekannt wie der Nikolo. Als der macht sich Benno heuer seit 50 Jahren auf den Weg zu seinen Schützlingen.

„Nikolaus“ Benno Hofer besucht die Kinder seit vielen Jahren, auch die Kleinsten und er hat stets lobende Worte im Gepäck. © privat

Text: Melanie Wagenhofer

Unlängst ruft mich die „Frau vom Nikolaus“ an, um mir von dessen Jubiläum zu erzählen. Da werden Erinnerungen wach: Wie meine Schwester und ich als Kinder im Wohnzimmer auf den heiligen Mann gewartet und Angst hatten, dass einer seiner finsteren Gesellen, die wir draußen mit den Ketten rasseln hörten, auch mit hereinkommt. Und dann war er da, die alles überstrahlende Gestalt, die sich bücken musste, um mit ihrer Bischofsmütze durch die Tür zu kommen. Der Nikolaus schlug sein großes Buch auf und wir lauschten respektvoll und erstaunt den allwissenden Ausführungen über unser Benehmen im letzten Jahr. Und mittendrin schoss es mir wie ein Blitz durch den Kopf und dann gleich aus dem Mund heraus: „Das ist doch der Hofer Benno!“ Zum Glück hat das nur meine Mama gehört und der Nikolaus konnte ungestört sein Werk zu Ende bringen, übergab uns die heiß ersehnten roten Säckchen und machte sich auf den Weg zu den nächsten Kindern. Ich hab‘ dann bei den Eltern weiter nach der Identität gebohrt. Die schwiegen beharrlich und der Nikolaus, der kam nächstes Jahr zu meiner Erleichterung wieder.

Kein Jahr ausgelassen

Erkannt hätten ihn immer wieder Kinder, aber keines habe sich je getraut, ihn direkt darauf anzusprechen, erzählt mir der lang gediente Nikolaus, als ich ihn ein paar Tage später treffe. Kein Wunder, wenn man in seinem Heimatort unterwegs ist. Bennos erster Einsatz fand 1966 für die Pfarrjugend statt. Da allerdings noch als Gefährte vom gütigen Mann: „Zwei Jahre bin ich als Krampus mit marschiert, bis der Nikolaus zu mir gesagt hat, dass ich mit meiner tiefen Stimme für seine Aufgabe besser geeignet wäre. Ich war 17, als wir die Rollen getauscht haben“, erzählt Benno. Und es ist dabei geblieben. Seitdem hat Benno kein einziges Jahr als Nikolaus ausgelassen: „Mir ist es wichtig, das Brauchtum weiter zu pflegen und es bereitet mir viel Freude, in diese Rolle zu schlüpfen.“

Seinen Nikolaus habe er seit jeher so angelegt, dass das Väterliche, das Gute und Gütige im Vordergrund steht. Das war früher nicht so leicht, denn damals war der strenge, mahnende Nikolaus erwünscht und die Kramperl, die ihn begleiteten, kamen nicht selten mit der Rute zum Einsatz. Das hat sich dann ab Mitte der 70er-Jahre zum Glück allmählich verändert. „Heute lassen sich die finsteren Gesellen nur blicken, wenn es gewünscht wird, nähern sich leise und vorsichtig den Kindern, um sie nicht zu erschrecken“, sagt Benno. Für ihn sei es seit jeher wichtig gewesen, die Kinder auch zu loben und nicht nur zu tadeln. Und während früher die Eltern dem Nikolaus vor der Tür schnell ein paar Worte über ihre Kinder gesagt und ihm ein Sackerl in die Hand gedrückt haben, bekommt Benno heute oft fix und fertige Texte zum Verlesen. Dann plaudert er mit den Kindern über seine Rolle, den Bischof von Myra. Die Kinder singen etwas, sagen ein Gedicht auf oder beten gemeinsam. Die Geschenke fallen in manchen Haushalten jetzt auch wieder kleiner aus, stellt Benno mit Wohlwollen fest: „Das Fest selbst rückt wieder ein wenig mehr in den Vordergrund.“ Weil er die meisten Familien, die er besucht, gut kenne, nutze er manchmal die Gelegenheit, auch die Großen mit einem Augenzwinkern zu ermahnen. „Dann sag ich schon einmal zu einem Papa, er soll nicht immer so lang im Gasthaus sitzen. Das ist zwar nicht besonders pädagogisch, unterhält aber die Kinder“, sagt er schmunzelnd. Manche Kinder fassen auch gleich Vertrauen zu ihm und erzählen Persönliches munter drauflos. Auch den eigenen Nachwuchs besuchte Benno als Nikolo. Da hat er sich immer bemüht, seine Stimme zu verstellen. Dafür hat seine Tochter dann gemeint, die Augen vom Nikolaus würden aussehen wie die vom Papa.

Einen Bart als Reserve

Dass der Langzeit-Nikolaus sein eigenes Kostüm hat, versteht sich von selbst. Es handelt sich dabei um einen abgelegten Vespermantel vom Bad Leonfeldner Pfarrer. Die Bischofsmütze hat Benno selbst gebastelt und früher, als der Bart noch aus Watte war, immer einen zur Reserve mitgehabt: „Der Niglo lasst‘s Wasser a“, lautet eine alte Bauernregel. Es kam immer wieder vor, dass das Wetter stürmisch und nass war, wenn der Nikolaus von Haus zu Haus ging, und der Bart bald durchnässt und unbrauchbar. Und der Nikolaus tut natürlich alles, um die Kinder nicht zu enttäuschen: Im Schneechaos hat er sein Auto schon einmal anschieben müssen. Und auch mit anderen Pannen musste er in all den Jahren zurechtkommen: Einmal hat er seinen Stab bei einem Einsatz beinahe verloren. Als er ihn am Eingang eines Hauses abstellte, ist der durch ein Gitter in den Keller gefallen und der Benno mit der Schnecke in der Hand zurückgeblieben. Zum Glück hat der Herr des Hauses das gute Stück herausholen und der Nikolaus in ganzer Montur seinen Auftritt erledigen können.

Waren es in den Anfangsjahren rund 60 Hausbesuche, die sich zwei Nikoläuse geteilt haben, so gibt es heute rund ein Drittel weniger in der Mühlviertler Stadt und nur mehr einen Pfarrnikolaus. Je nachdem, wie die „Bestellungen“ einlangen, teilt der Benno seine Route ein und ist dann rund um den 6. Dezember an zwei bis drei Tagen unterwegs. Der Reinerlös aus den freiwilligen Spenden der Familien, die der Nikolaus besucht, kommt stets wohltätigen Zwecken zu.

Benno selbst hat aus Kindertagen keine Erinnerungen an den Nikolaus. „Meine Mama ist als junges Mädchen von Perchten so erschreckt worden, dass sie immer Angst hatte. Deshalb kam zu uns kaum der Nikolaus.“ Gefeiert wurde der Tag des Heiligen aber schon: „Wir haben die Stiefel vor die Tür gestellt und der Nikolaus hat etwas eingelegt.“

Ans Aufhören denkt der pensionierte Bäcker- und Konditormeister und Berufsschullehrer nicht, der auch als Sänger im Familienquartett viel unterwegs ist. „Solange der Nikolaus gefragt ist, mache ich das weiter.“ Irgendwann würde er den Bischofsstab aber schon gern weitergeben, ein Nachfolger ist noch nicht in Sicht: „Das muss schon jemand sein, dem das auch ein Anliegen ist, denn die Kinder spüren, ob man das oberflächlich macht oder ob es von Herzen kommt.“ Zum 50-Jahr-Jubiläum freut er sich auf den Besuch bei einer Familie ganz besonders: Dort war er nämlich schon der Nikolaus für drei Generationen. Wer weiß, vielleicht kommt ja irgendwann noch eine dazu.