Aber es bleibt Punk

Autobiografie der Pop-Ikone und Blondie-Sängerin Debbie Harry

Blondie-Sängerin Debbie Harry bei der Vorstellung ihrer Biografie in Hamburg.
Blondie-Sängerin Debbie Harry bei der Vorstellung ihrer Biografie in Hamburg. © APA/dpa/Daniel Bockwoldt

„Als ich anfing, betrachtete man Frauen in der Rockmusik nur als Schaufensterdeko: Sie standen anmutig rum, sahen hübsch aus und trällerten ,Ooh, ooh, ooh’ und ,La, la, la’.“ Debbie Harry, Vorstadtkind aus New Jersey, zog es früh in die nahe Metropole New York.

Gärende 1960er-Popkultur, eine Abweichung vom tradierten Frauenbild Janis Joplin: „Die Körperlichkeit und Sinnlichkeit ihres Auftritts berührte mich zutiefst — sie warf sich mit allem, was sie hatte, in den Song, nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche Southern Comfort vom Piano und bellte die Texte nur so heraus. Übergeschnappte texanische Seele.“

Harry, geboren am 1. Juli 1945 als Angela Trimble, kommt als Kind mit drei Monaten zu Pflegeeltern. Sie nennen es Deborah. Der Teenager experimentiert mit Kleidung aus dem Müll, Harry färbt sich die Haare platinblond wie Marilyn Monroe, ebenfalls ein Adoptivkind: „Für mich war immer klar, dass hinter der von ihr perfekt beherrschten Rolle des dummen Blondchens mit der Stimme eines kleinen in dem Körper eines großen Mädchens eine überaus smarte Frau steckte. Die Kunstfigur Blondie war zu gleichen Teilen Marilyn-Hommage und mein persönlicher Kommentar zur guten alten Doppelmoral.“

Sie war immer Punk und ist es bis heute geblieben, schreibt Harry in der Autobiografie „Face It“. Die Anfangsjahre in New York turbulent, Chaos, Spaß und Drogen, Harry berichtet von einer Vergewaltigung. Auf den ersten Hit „Denis“ (1978) folgt eine aufreibende Zeit, Resultat des Höhenflugs ein finanzielles Desaster. 1979 landet Harry mit der Band Blondie den Welthit „Heart of Glass“, die puristische Musikkritik rätselt. Sie zaubert das Wort „New Wave“ hervor, aber es bleibt Punk. Ab 1982 pflegt Harry ihren langjährigen Lebenspartner und Blondie-Co-Gründer Chris Stein, der an einer Autoimmunkrankheit litt.

Harry kehrt als Solokünstlerin zurück, arbeitet als Schauspielerin. 1997 das Comeback von Blondie, auf dem 1999er-Album „No Exit“ der fantastische Ohrwurm und Nummer-1-Hit „Maria“. Debbie Harry eine ikonische Figur, maßgebliche Künstler säumen ihren Lebensweg. Andy Warhol „kein großer Esser“, der sein Abendessen oft für Obdachlose einpacken ließ. Der bewunderte David Bowie, der Harry seine entblößte Männlichkeit präsentierte (sie fragt sich nur, warum ihr nicht auch Iggy Pop „seinen“ gezeigt hat). Rotzig, witzig und freizügig, doch schützt Harry in „Face It“ merklich ihre privaten Grenzen. Eines der letzten Fotos im Buch zeigt die über 70-Jährige von hinten, auf dem Rücken die Aufschrift „Stop Fucking The Planet“. Der Name Deborah bedeutet hebräisch „Biene“.

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