Abrechnung mit Islam-Patriarchat

Ex-Spitzenfunktionärin Akay-Türker klagt in Buch Frauenfeindlichkeit der IGGÖ-Granden an

Fatma Akay-Türkers Abrechnung mit der IGGÖ-Männergesellschaft: „Nur vor Allah werfe ich mich nieder — Eine Muslimin kämpft gegen das Patriarchat“; erschienen bei Edition a; 224 Seiten; 22 Euro.Fatma Akay-Türker will dem Islam vom Platz am Rand zu einem in der Mitte der Gesellschaft verhelfen.
Fatma Akay-Türker will dem Islam vom Platz am Rand zu einem in der Mitte der Gesellschaft verhelfen. © Lukas Beck

Der Paukenschlag schlug vor knapp einem Jahr hohe Wellen: Fatma Akay-Türker, einzige Frau im 15-köpfigen Obersten Rat der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), protestierte mit ihrem Rücktritt als Frauenbeauftragte gegen uneingelöste Versprechen in Sachen Geschlechtergerechtigkeit.

Weil sie der Männerriege nicht länger als Feigenblatt dienen wollte, nahm sie mit dem Abgang auch den Verlust ihres Brotberufes als Religionslehrerin in Kauf.

Jetzt reicht die Historikerin und Theologin eine schonungslose Kritik an islamischen Fehlentwicklungen im Allgemeinen und der IGGÖ im Besonderen nach: Ihr Buch „Nur vor Allah werfe ich mich nieder“ ist eine Kampfansage ans Patriarchat.

Kopftuchentscheidung frei?

Ihre feministische Ader entdeckte die 1989 als 13-Jährige von ihren in Österreich lebenden Eltern aus Anatolien nachgeholte Fatma schon früh, wenngleich die Kraft noch nicht reichte, um als 17-Jährige im Heimaturlaub die Zwangsverheiratung zu verweigern. Mütterlichen Druck zum Kopftuchtragen ignoriert sie, bis sie sich mit 18 frei dafür entscheidet — nicht ohne aber heute zu fragen: „Wie frei war diese Entscheidung wirklich?“

Fatma Akay-Türkers Abrechnung mit der IGGÖ-Männergesellschaft: „Nur vor Allah werfe ich mich nieder — Eine Muslimin kämpft gegen das Patriarchat“; erschienen bei Edition a; 224 Seiten; 22 Euro.

Allen Integrationswidernissen zum Trotz schafft das Gastarbeiterkind in Wien eine akademische Karriere und möchte das theologische Wissen nützen, um „in religiöser und gesellschaftlicher Hinsicht stecken gebliebenen“ Austro-Türken eine moderne Glaubensbotschaft zu vermitteln. Denn: „Der Koran sieht Demokratie, Menschenrechte und Gleichberechtigung vor.“

Wie sehr der Kampf für Frauenrechte eine Sisyphusarbeit ist, erlebt Akay-Türker nach ihrem Sprung in die IGGÖ-Spitze, zu dem ihr eine Gruppierung verhilft, die sie für liberal und säkular hielt: Die den rechtsextremen Grauen Wölfen nahestehende Türkischen Föderation (ATF) nominiert sie Ende 2018 als einzige Frau für den Obersten Rat. „Mit der Geschichte der Grauen Wölfe habe ich mich nie auseinandergesetzt, das muss ich zu meiner Schande gestehen“, schreibt sie selbstkritisch. Mit der ATF hat sie gebrochen, weil sie doch nicht so liberal war.

Getäuscht hatte sich Akay-Türker auch im IGGÖ-Präsidenten Ümit Vural. Der öffentlich reformfreudig und weltoffen auftretende Anwalt hatte versprochen, sie werde nicht bloß „Quotenfrau“ sein. Es kam ganz anders, wie Akay-Türker in zahlreichen Anekdoten beschreibt. Die Männer, auch Vural, hätten ihr den Handschlag zur Begrüßung verweigert. Im Obersten Rat erklärt einer, warum die Frau dem Mann zu gehorchen hätte: „Sie ist sowieso aus der Schulter des Mannes erschaffen worden.“

Polygamie eine Option

Auch über Polygamie wird gesprochen und die Frauenvertreterin auf Koran-Vers 4:3 hingewiesen, der Männern bis zu vier Ehefrauen zugesteht. Sie fragt sich, was ihre Schülerinnen denken würden, „wenn sie draufkamen, dass hochrangige Funktionäre der IGGÖ die Polygamie als gerechtfertigte Option ansahen“.

Nachdem Akay-Türker in ihrer ersten öffentlichen Rede als Frauenbeauftragte für die Gleichberechtigung eingetreten war, wurde sie kein einziges Mal mehr zu einem offiziellen Auftritt eingeladen. Akay-Türker: „Nicht einmal am Frauentag durfte ich mich zu Wort melden.“ Sie habe feststellen müssen, „dass die Abwertung der Frau in der IGGÖ institutionalisiert war“. Rücktritt ist die logische Konsequenz.

Der Bruch mit der IGGÖ ist aber keiner mit dem Islam. Sie erklärt alle Probleme mit der Tradition und exkulpiert so die Religion. Ihr Buch basiert auf einer idealisierten Koran-Exegese, die ein Wunschbild zeichnet, das jedoch – wie sie selbst erfahren musste – von der Realität allzu oft konterkariert wird. „Der Islam, wie der Koran ihn vorschreibt, ist eine Religion der Mitte“, glaubt Akay-Türker weiter fest und erklärt Suren, die Kriegerisches oder Frauenfeindliches enthalten, für falsch übersetzt oder aus dem Kontext gerissen. Mit ihrem Buch will sie bewirken, „dass der Islam in Europa in der Mitte der Gesellschaft ankommen kann, statt ein Dasein am Rande zu fristen“.

Der fromme Wunsch einer Enttäuschten und Getäuschten…

Von Manfred Maurer

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