Abschwören oder vertrieben werden

Das Theater in der Josefstadt spielt Schönherrs „Glaube und Heimat“

Raphael von Bargen (Christoph Rott) und Swintha Gersthofer (Der Spatz) © Moritz Schell

Von Renate Wagner

Schwere Kost verordnet das Theater in der Josefstadt seinen Besuchern mit Karl Schönherrs „Glaube und Heimat“. Der Tiroler Dramatiker (1867-1943), einst mit sozial- und geschichtskritischen Stücken so erfolgreich wie sein Zeitgenosse Arthur Schnitzler, wirkt heute ein wenig aus der Zeit gefallen. Wenn er die Geschichte jener Tiroler Protestanten erzählt, die im 17. Jahrhundert im Zug der Gegenreformation ihre Heimat verlassen mussten, wenn sie nicht „abschworen“, greift er schon tief in die Kiste der herzzerreißenden Effekte. Die Tragödie als vordergründiges Lehrstück.

Zwischen Religion und Heimatverbundenheit

Andererseits kann man es den Menschen nachfühlen, die zwischen den wichtigsten Elementen ihres Lebens — religiöser Überzeugung und überaus starker Heimatverbundenheit — regelrecht zerrissen wurden. Die nur die Wahl hatten, unter ihrem Gewissen zu leiden oder die unerträgliche Trennung von Grund und Boden, denen sie so verhaftet waren, hinzunehmen. Schönherr blättert an einer Handvoll Schicksale auch viel Fragen auf: Loyalität (der alte Rott verleugnet den „evangelischen“ Sohn), unerschütterliche Glaubensstärke (die Sandpergerin lässt sich lieber erschlagen als ihre Luther-Bibel herzugeben), Widerstand bis zum Tod (der Rott-Enkel lässt sich nicht biegen und brechen), brutale Machtausübung (der Reiter des Kaisers, der für die Austreibung der Protestanten sorgt und Heuchlern auf der Spur ist).

Alles starker Tobak, auch wenn die Josefstadt eine Inszenierung liefert, die zwar nicht unterspielt, aber all das seelische Elend und die körperlichen Grausamkeiten, die Schönherr auf die Bühne gebracht hat, auch nicht über die Maßen ausreizt.

Tatsächlich hat Regisseurin Stephanie Mohr in einer nur wenig stilisierten Ausstattung (man fühlt sich in Tiroler Stuben), mit wenig „modernistischen“ Einsprengseln (ein Sänger, gelegentlich „chorische Szenen“), unter Vermeidung der akustischen Tiroler Unverständlichkeit (die Sprache bleibt in Wortwahl und Syntax immer noch „eigen“ genug) versucht, das Stück erträglich auf seine menschliche Tragödie hinzupolen. Da ist der Reiter des Kaisers, der kommt, um den Katholizismus mit dem Schwert gnadenlos durchzusetzen — Claudius von Stolzmann spielt nicht den brutalen Bösewicht schlechthin, sondern liefert eine differenzierte, vor Nervosität flackernde Studie. Ihm steht die kraftvolle Verschlossenheit entgegen, die Raphael von Bargen dem Christoph Rott gibt. Als alter Rott ist Michael König allerdings weder so stark noch so moribund, wie es die Figur vorsieht. Voll stiller Kraft hingegen sind die Frauen, an der Spitze die Rottin der Silvia Meisterle. Viel Mühe für ein Stück, das an sich einfach zu stark gestrickt, auch zu theatralisch ist, so dass man es kaum noch ertragen kann.

Vorstellungen: 26. Februar; 16., 17. und 18. März; Karten: 01/42700300

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