Abseits vom runden Leder

Die Spiele der Fußball-WM 2018 werden in elf Städten Russlands ausgetragen, die auch abseits vom runden Leder viel zu bieten haben.

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MOSKAU ist das Machtzentrum Russlands. Die Zwölf-Millionen-Stadt mit der reichen Geschichte verfügt über weltbekannte Kulturinstitutionen: Das Bolschoi-Theater ist die prominenteste Opern- und Ballettbühne Russlands. Das Puschkin-Museum zählt ebenso wie die Tretjakow-Galerie zu den wichtigsten Museen der Welt. Wer wissen will, welche Bedeutung moderne Kunst im heutigen Russland hat, schaut in dem 2008 von Dasha Zhukova und Roman Abramovich gegründeten Garage-Museum vorbei, das am Gorki-Park zu Hause ist. Und natürlich ist kein Moskau-Besuch vollständig ohne eine Visite am Roten Platz. Der weltbekannte, weitläufige Platz mit Basilius-Kathedrale und Kreml steht auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste.

ST. PETERSBURG ist die zweitgrößte Stadt Russlands und eine Top-Destination für Kulturtouristen. Die großteils im berühmten Winterpalast untergebrachte Eremitage ist eines der größten und bedeutendsten Kunstmuseen der Welt. Das von Dominique Perrault mit einem riesigen, modernen Neubau ergänzte Mariinski-Theater ist Heimstätte des Kirow-Balletts. Die Innenstadt der 1703 von Zar Peter I. als „Fenster nach Europa“ gegründeten Stadt an der Newa ist mit ihren unzähligen Palästen und Kirchen UNESCO-Welterbe und wird wegen ihrer engen Verbindung zum Wasser auch als „Venedig des Nordens“ bezeichnet. Spaziergänge werden auch durch starke Kontraste geprägt: Neben top-renovierten Prestigebauten finden sich pittoreske Viertel und Straßenzüge, in denen die Zeit stillzustehen scheint und die reiche Geschichte der Stadt, die geprägt ist von weltbekannten Dichtern wie Dostojewski oder Puschkin und Komponisten wie Tschaikowski oder Schostakowitsch, zum Greifen nahe scheint. Die Gegenwart ist vor allem durch Vielfalt geprägt: 80 Museen, 30 Theater und rund zehn Konzerthäuser soll es in der Stadt geben, die von 1924 bis 1991 Leningrad hieß.

ROSTOW AM DON, 1749 gegründet und 46 Kilometer von der Einmündung des Flusses ins Asowsche Meer gelegen, ist eine der größten Städte im europäischen Teil Russlands und das kulturelle Zentrum Südrusslands. Eines der bekanntesten Gebäude ist das Gorki-Theater, ein Meisterwerk des Konstruktivismus, gebaut in der Form eines gigantischen Traktors. Die 1,16 Mio. Einwohner-Stadt gilt als junge und frische Metropole. Dementsprechend hat auch die Avantgarde ihren Platz im kulturellen Treiben der Stadt, etwa in bekannten Experimentaltheatern. Zu den ungewöhnlichsten Denkmälern der Stadt zählen die Keramikbildwände im sowjetischen Stil, die die Fußgängerunterführungen im Zentrum verzieren. Rostow ist aber auch die Heimat der Don-Kosaken. Zahlreiche Veranstaltungen haben das Leben der Don-Kosaken zum Inhalt, in der Nähe der Stadt liegt mit „Staniza“ eine der typischen Kosakensiedlungen.

SOTSCHIS Reichtum an landschaftlicher Schönheit durch die Lage am Schwarzen Meer sowie die Dichte an kulturellen Highlights konnte man schon 2014 bei den Olympischen Spielen entdecken, denen mittlerweile sogar ein „Olympisches Museum“ gewidmet ist. Doch setzt man in der 340.000-Einwohner-Stadt in der südrussischen Region Krasnodar nahe der Grenze zu Georgien nicht nur auf Bombast: Vielmehr finden sich hier Schmuckstücke wie das Museum „Datscha der Sängerin Barsowa“, in dem die Operndiva (1892-1967) einst Schüler unterrichtete. Besuchen kann man auch die Datscha von Josef Stalin. Auch über eine Sammlung von Matrjoschkas verfügt man in der Stadt: In einem eigenen Museum finden sich über 1.000 Stück in unterschiedlichen Formen und Größen. Für Open Air-Veranstaltungen gibt es das „Grüne Theater“ im Riviera-Park, wo im Sommer nicht nur Pop-Konzerte, sondern auch etwa Kabaretts stattfinden. Darüber hinaus verfügt die Stadt sowohl über ein Sommer-, als auch ein Wintertheater. Noch im Entstehen begriffen ist jenes Kulturzentrum, das der ehemalige Chef des Linzer Brucknerhauses, Hans-Joachim Frey, derzeit in Sotschi aufbaut. 2019/20 soll das Festivalhaus fertig sein.

KALININGRAD ist die Hauptstadt der russischen Enklave zwischen Polen und Litauen. Als bekannteste Persönlichkeit der früheren deutschen Stadt Königsberg (1525-1945) gilt der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804), dem auch ein Museum gewidmet ist. Wahrzeichen der Stadt ist der wiederaufgebaute Königsberger Dom. Die deutsche Vergangenheit spiegelt sich in Kaliningrad noch allerorts im Stadtbild, etwa im Friedländer Tor oder dem Königstor, in dem seit 2005 das Weltmeeresmuseum untergebracht ist. Die Museumswohnung „Altes Haus“ lässt die typischen Gewohnheiten der Königsberger Bürger vom Beginn des 20. Jahrhunderts wieder auferstehen. Die Kaliningrader Kunstgalerie umfasst eine große Sammlung von Werken russischer, deutscher und sowjetischer Künstler des 20. Jahrhunderts.

Die 1586 als zaristische Festung gegründete Stadt SAMARA zieht sich 50 Kilometer an der Wolga entlang und ist bekannt für ihre schier endlose Uferpromenade. Die sechstgrößte Stadt Russlands ist aber auch verbunden mit den Namen mehrerer bekannter Schriftsteller, die sich hier aufhielten: Leo Tolstoi (1828-1910), Alexei Tolstoi (1883-1945), in dessen Herrenhaus ist heute das Literarische Museum Gorki untergebracht, und Maxim Gorki (1868-1936). Die Stadt ist heute das Luft- und Raumfahrtzentrum Russlands. Vor dem Museum „Samara Kosmitscheskaja (Samara im Weltraum)“ erinnert eine Sojus-Rakete an den ersten Weltraumflug des sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin mit einer in Samara gebauten Rakete. Eines der am besten gehüteten Geheimnisse der Sowjetunion ist der 1942 als Ausweichquartier für die Regierung heimlich errichtete Stalin-Bunker in Samara. Der 1991 zufällig entdeckte Bunker beherbergt heute ein Museum.

SARANSK, Hauptstadt der Republik Mordwinien, zählt mit seinen rund 300.000 Einwohnern zu den lebenswertesten Städten Russlands. Einblick in die Geschichte und die Sitten der Mordwinen, die finno-ugrischen Ursprungs sind, bieten in Saransk gleich mehrere Museen. In Saransk begraben ist der international anerkannte Bildhauer Stepan Ersja (1876-1959), dem ein Museum gewidmet ist. Saransk ist auch die Wahlheimat des französischen Schauspielers und Wahl-Russen Gerard Depardieu, seit 2013 besitzt er eine Wohnung in der Industriestadt. Traurige Bekanntheit erlangte Mordwinien seit den 1920er-Jahren mit seinen zahlreichen Arbeitslagern. In einem dieser Lager war 2013 etwa die Pussy Riot-Sängerin Nadeschda Tolokonnikowa inhaftiert.

JEKATERINBURG: Die viertgrößte Stadt Russlands ist mehr von Industrie als von Kultur geprägt. Neben einigen Kirchen, darunter die Kathedrale auf Blut, die an der Stelle steht, wo die Bolschewiki 1918 den letzten Zaren und seine Familie ermordeten, gilt das von einer großen Parkanlage umgebene, im 18. Jahrhundert gebaute Herrenhaus Rastorgueva-Charitonow als eines der schönsten Baudenkmäler der Stadt, die auch über zahlreiche Beispiele des sozialistischen Klassizismus verfügt. Das wichtigste Museum ist das Museum für Geschichte, Architektur und industrielle Technik des Urals in einem alten Fabriksgelände.

WOLGOGRAD, das frühere Stalingrad (1925 bis 1961), vormals Zarizyn, hat seinen Platz im kollektiven Gedächtnis vor allem durch die geschichtsträchtige „Schlacht von Stalingrad“ im Winter 1942/43 erworben, bei der die Stadt fast vollkommen zerstört wurde. Heute ist Wolgograd mit über einer Million Einwohner ein industrielles Zentrum mit Schiffbau, Erdölverarbeitung sowie Stahl- und Aluminiumproduktion. Durch den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Stadt von der typischen Architektur des Spätstalinismus der 1950er und 1960er-Jahre geprägt. Heute erinnert eine Gedenkstätte auf dem Mamajew-Hügel an die Schlacht: Die 82 Meter hohe und 8.000 Tonnen schwere „Mutter-Heimat-Statue“. Auch die größte Lenin-Statue Russlands befindet sich in Wolgograd. Weitere Museen wie das Panoramamuseum, das Museum der Schlacht von Stalingrad und das Stalin-Museum widmen sich vor allem der Geschichte. Als einziges Kunstmuseum zeigt das Maschkow-Kunstmuseum vor allem russische und regionale Kunst. Die darstellende Kunst ist im Neuen Experimentaltheater, der Zarizyn-Oper sowie im Wolgograder Musiktheater zuhause.

NISCHNI NOWGOROD, die Geburtsstadt des Schriftstellers Maxim Gorki (1868-1936), nach dem die Stadt von 1932 bis 1990 benannt war, liegt an der Einmündung der Oka in die Wolga und wird als Architektur-Mekka Russlands bezeichnet: Der zu Beginn des 16. Jahrhunderts erbaute Kreml ist bis heute erhalten geblieben, im auf dem Gelände befindlichen Arsenal finden nunmehr Kunstausstellungen statt. Neben den zahlreichen, aus verschiedenen Epochen stammenden Kirchen und Klöstern strömen kulturell interessierte Besucher auch ins Kunstmuseum, das neben russischer Kunst auch westeuropäische Meister in seiner Sammlung hat. Mit ihren 4,3 Millionen Objekten zählt auch die Nowgoroder Universitätsbibliothek zu den Juwelen der Stadt, die auch über eine Oper und das Gorki-Theater verfügt.

Als Hauptstadt der Teilrepublik Tatarstan ist das im 12. Jahrhundert gegründete KASAN eine der ältesten russischen Städte. Die an der Wolga gelegene Hauptstadt der ölreichen Teilrepublik gilt als Beispiel für ein Miteinander der Kulturen — hier stehen Moscheen muslimischer Tataren neben orthodoxen Kirchen christlicher Slawen, was sich auch architektonisch niederschlägt. Der Kasaner Kreml wurde aufgrund seiner Pracht in die Liste der Weltkulturerbestätten aufgenommen. Einen Überblick über russische Kunst von altrussischer Ikonenmalerei bis hin zur Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts findet sich im Staatsmuseum der bildenden Künste. Kasan ist die Geburtsstadt von Aida Garifullina: Die Sopranistin studierte in Wien, wo sie auch Mitglied der Staatsoper und derzeit in Verdis „Rigoletto“ zu hören ist.