Acht Millionen Tote & ein verwüstetes Europa

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Der Prager Fenstersturz — hier in einer Darstellung von Matthäus Merian (1593-1650) — löste den Dreißigjährigen Krieg aus. © Foto: wiki/Abelinus

Der Dreißigjährige Krieg hat laut Schätzungen ungefähr acht Millionen Opfer gefordert und ein verwüstetes Europa hinterlassen. Beginnend mit dem Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 ist eine Spirale gewaltsamer Konflikte losgebrochen, die erst mit dem Westfälischen Frieden 1648 ein Ende fand. Die Ursachen waren ebenso machtpolitisch wie konfessionell gelagert.

Der Augsburger Friede hatte 1555 zunächst eine Phase des Friedens zwischen den Katholiken und Protestanten eingeläutet. Die dabei geprägte Formel „Cuius regio, eius religio“ („Wessen Gebiet, dessen Religion“) ermächtigte den jeweiligen Landesherrn dazu, die Religion seiner Untertanen zu bestimmen. Wem das nicht passte, der durfte das Land ungestraft verlassen („ius emigrandi“). Trotzdem gab es immer wieder Spannungen zwischen den Lagern, die schließlich 1608 zur Bildung von Verteidigungsabkommen in Form der Katholischen Liga und der Protestantischen Union führten.

Der Prager Fenstersturz löste den Krieg aus

Der direkte Auslöser des Dreißigjährigen Krieges war der (zweite) Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618, als protestantische böhmische Adelige Beamte des Kaisers aus der Prager Burg warfen. Dem vorausgegangen waren Proteste der böhmischen Reichsstände gegen den katholischen Kaiser Matthias und dessen Bruder, den 1617 zum Nachfolger gewählten böhmischen König Ferdinand von Steiermark (nach 1619 Kaiser Ferdinand II.). Konkret fürchteten die Protestanten um ihre von Kaiser Rudolf II. im Majestätsbrief von 1609 zugestandene Religionsfreiheit. 1620 schlugen die kaiserlichen Truppen in der Schlacht am Weißen Berg den Böhmischen Aufstand nieder, was die Stellung der Habsburger in Böhmen für viele Generationen festigte.

Nach den Siegen des Kaisers in Böhmen und in der Kurpfalz stand König Christian IV. von Dänemark und Norwegen den protestantischen Fürsten militärisch bei. 1629 musste er sich geschlagen zurückziehen, die Protestanten erlitten verheerende Niederlagen. Davon beflügelt, erließ Kaiser Ferdinand II. am Höhepunkt seiner Macht 1629 das Restitutionsedikt, das die Rückerstattung aller seit 1555 von protestantischen Fürsten eingezogenen geistlichen Besitztümer vorsieht. Wie sich herausstellte, ein schwerer politischer Fehler: Das Edikt markierte einen Wendepunkt im Krieg, stachelte es doch den Widerstand der Protestanten erneut an. Statt des erhofften Friedens bewirkte Ferdinand eine Eskalation des Krieges.

Der schwedische König Gustav II. Adolf trat 1630 in den Krieg ein, protestantische Fürsten schlossen sich ihm an. Nach erfolgreichen Feldzügen und einem weiten Vorstoß ins Reich kam der „Löwe aus dem Norden“ am 6. November 1632 im Gefecht gegen die kaiserlich-katholischen Truppen unter Albrecht von Wallenstein ums Leben. Ab 1635 wandelte sich der Charakter des Konfliktes. Der Versuch, in Prag einen Frieden zu schließen, scheiterte. Konfessionelle Auseinandersetzungen traten in den Hintergrund, es ging um die Vorherrschaft in Europa. Frankreich wollte Schweden unterstützen und Ferdinand II. davon abhalten, Spanien zu helfen. So dauerte der Krieg noch weitere 13 Jahre an.
Der Westfälische Friede von 1648 beendete den Krieg. Das Abkommen stellte den Augsburger Religionsfrieden von 1555 wieder her und bestimmte das Verhältnis zwischen Kaiser und Reichsständen neu. Frankreich und Schweden gewannen Gebiete hinzu, die Niederlande und die Schweizer Eidgenossenschaft wurden unabhängig.

Freiheitskampf der Bauern

Schon früh fand der Protestantismus auch in Oberösterreich große Verbreitung, vor allem in den Städten. So pflegte etwa Steyr intensive Beziehungen zu deutschen Handelsstädten und war offen für die Ideen der Reformation. Am Land hing die Situation vom jeweiligen Grundherrn ab. Vom Kriegsgeschehen ab 1618 selbst war Oberösterreich wenig betroffen. Als die Gegenreformation, die vielerorts für den wirtschaftlichen Niedergang sorgte, einsetzte, war es v. a. die bäuerliche Bevölkerung, die sich hierzulande auch wegen ihrer schlechten sozialen Lage auflehnte. Die schwerste kriegerische Auseinandersetzung auf österreichischem Boden war der Bauernaufstand von 1626. Zur Zeit der Gegenreformation wurden viele Protestanten wegen ihres Glaubens vertrieben, ganze Landstriche so entvölkert. „War Freistadt noch im 16. Jahrhundert eine blühende Handelsstadt, so kam mit der Gegenreformation die Armut“, berichtet Fritz Fellner, Kustos des Schlossmuseums Freistadt. Allein aus Freistadt seien 290 Familien dokumentiert, die wegen ihres Glaubens nach Franken gingen, darunter viele Händler. „In Freistadt stand 1630 jedes dritte Haus leer und war eine Ruine.“ Aus dem ganzen Mühlviertel wanderten tausende Familien aus. Die durchziehenden Landsknechte — in diesem Krieg kämpften vorwiegend bezahlte Soldaten — mordeten und plünderten überall, wohin sie kamen, und hinterließen schlimme Krankheiten wie die Pest, die in weiten Teilen des Mühlviertels wütete. Wer den Kaiser unterstützte, ging jedoch siegreich hervor. Protestantische Herrschaften wurden enteignet, katholische eingesetzt: Auf Schloss Weinberg wurden die protestantischen Zelkinger vertrieben, an ihrer Stelle kamen die katholischen Thürheims. Als Ferdinand II. für die Schlacht am Weißen Berg 1620 Unterstützung von Herzog Maximilian von Bayern benötigte, verpfändete er dafür das Land ob der Enns an ihn. Bereits 1624 zwang ein kaiserliches Patent evangelische Prediger, Pfarrer und Schulmeister, das Land zu verlassen. An ihrer Stelle kamen katholische Priester. 1625 erlässt der bayerische Statthalter Adam Graf Herberstorff das sogenannte „Religionspatent“ über Auftrag Ferdinand II.: Bis Ostern 1626 sollen alle Einwohner des Landes ob der Enns katholisch sein oder auswandern. Herberstorff war es auch, der 1625 in Frankenburg das schreckliche Gericht abhielt, das als Frankenburger Würfelspiel in die Geschichte eingegangen ist. Es führte schließlich 1626 zum Bauernaufstand unter Stefan Fadinger, der rund 12. 000 Aufständische das Leben kostete und von kaiserlichen und bayerischen Truppen niedergeschlagen wurde. Die Folge war eine starke Auswanderungswelle, nicht nur der Bauern und Bürger, sondern auch beim Adel. Es sollte bis 1848 dauern, bis die Bauern endliche ihre volle Freiheit erhielten.

M. Wagenhofer