Adalbert-Stifter-Institut in Linz feierte 70 Jahre

Corona-gedämpfter, aber vielschichtiger Abend

V. l.: Regina Pinter, Petra-Maria Dallinger (Stifterhaus), LAbg. Elisabeth Manhal, Renate Plöchl (Oö. Landesbibliothek) und Margot Nazzal, Direktorin Kultur und Gesellschaft
V. l.: Regina Pinter, Petra-Maria Dallinger (Stifterhaus), LAbg. Elisabeth Manhal, Renate Plöchl (Oö. Landesbibliothek) und Margot Nazzal, Direktorin Kultur und Gesellschaft © Stifterhaus

Adalbert Stifter heute im Stifterhaus? „Den Genius loci (Hausherrn bzw. „-geist“, Anm.) würde manches vielleicht verwundern“, sagt Petra-Maria Dallinger. Die Direktorin des Linzer Literaturhauses mit einem hübschen Gedankenexperiment zum 1868 verstorbenen Dichter.

Seine musealisierte Wohnung könnte ihn überraschen, auch Frauen im öffentlichen Dienst, „nicht zuletzt im eigenen Haus“. Mit dem Thema Pandemie wäre Stifter hingegen einigermaßen vertraut. Ihn hätten, sagt Dallinger, „wiederkehrende Cholera-Wellen aus dem ohnehin fragilen Gleichgewicht gebracht“.

Forschung zu Literatur, Veranstaltungen und Lesungen, Museum und literarischer Knotenpunkt für Oberösterreich: Das Linzer Adalbert-Stifter-Institut feierte am Dienstag seinen 70-Jährigen.

Die Stimmung wegen Eh-schon-wissen war gedämpft, dennoch freudvoll. Prominenz und Freunde des Hauses feierten mit, Besucher mussten wegen beschränkter Platzzahl abgewiesen werden.

Bildung und Literatur

Landtagsabgeordnete Elisabeth Manhal überbrachte Glückwünsche von Landeshauptmann Thomas Stelzer, ein Vorgänger hatte in einem „mutigen Akt und einem Akt der Zuversicht“ (Manhal) die Gründung des Stifterhauses vorangetrieben. Linz war im Jahr 1950 noch in zwei Besatzungszonen geteilt, materielle Not nach dem Krieg, Heinrich Gleißner sah in Bildung und Literatur den immateriellen Schatz für die Zukunft. Gleißner, ein Verehrer Stifters, wie Manhal ausführte, den Idealen des Dichters verpflichtet: „sittliche Größe, Freiheit und Maß“.

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Große Worte? Der Anspruch legitim und notwendig, doch Stifter selbst erfuhr die Kluft zwischen hehren Idealen und garstigem Leben zur Genüge.

1850 zum Inspektor für Volksschulen im „Kronland Oesterreich ob der Enns“ ernannt, unternahm er manchmal tagelange Reisen und berichtete als „der Gefertigte“ — so mordsspaßig klingt Bürokratie — seinen Vorgesetzten.

Stifter hält humanistische Ideen hoch und fragt Schulkinder „nach dem Sinn des Gelesenen“. Er fordert aber auch eine „Comission für Aborte“ im „Schulhause Schörfling“ oder muss „wegen Schulzerwürfnissen nach Hörsching“.

Kammerschauspieler und TV-Liebling („Julia“) August Schmölzer las die Berichte Stifters mit gebotener Ernsthaftigkeit, daraus resultierte auch untergründiger Humor. Sorgfalt und charmante Pedanterie des Beamten, oder hat sich Stifter beim Abfassen der Berichte auch heimlich eins gelacht? Lachte Stifter?

Der abgründige Stifter

Humorfrei und klassisch Stifters Erzählung „Der Waldbrunnen“. Geschrieben, nachdem sich seine Nichte Juliane das Leben genommen hatte. Wunderbar vorgetragen von Schmölzer, spürbar der abgründige Stifter, dem bereits Thomas Mann „eine Neigung zum Exzessiven, Elementar-Katastrophalen, Pathologischen“ bescheinigt hatte. Eine chaotische Welt in sanfte Bahnen gelenkt, ein „wildes Mädchen“ (namens Juliana!) durch pädagogische Güte eines älteren Herrn besänftigt. Diesen Text psychoanalytisch durchzuackern wäre mehr als ergiebig.

Schöner und interessanter Abend, Ansage von Hausherrin Dallinger: „Wir feiern bestimmt nach.“

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