Älpisch, urwüchsig, unecht

Ein Theatererlebnis: Felix Mitterers „In der Löwengrube“ in Wilhering

Der vermeintliche Tiroler Bauer (Sven Kaschte) drückt den Nazi Strassky (Jakob Hofbauer) zu Boden.
Der vermeintliche Tiroler Bauer (Sven Kaschte) drückt den Nazi Strassky (Jakob Hofbauer) zu Boden. © Theaterspectacel

Von Christian Pichler

So herrlich war der Verfall eines Menschen, seine Fassungslosigkeit und innere Leere noch selten zu sehen. Andreas Pühringer spielt den Theaterdirektor, dem die NS-Kulturgewaltigen einen Tiroler Kraftschauspieler vor die Nase gesetzt haben. Einen katholischen Bergbauern, der dem armen Direktor eine haarsträubende Kostprobe aus Schillers „Wilhelm Tell“ gibt. Bloß, der Naturbursch ist nicht echt. Indem er sich maskiert, demaskiert der Jude Arthur Kirsch ein mörderisches Regime.

Ein Theatererlebnis und ein Triumph

Der Dramatiker Felix Mitterer griff die wahre Geschichte des Juden Leo Reuß auf, der 1936 mit geliehener Identität in der Wiener Josefstadt triumphierte („endlich einmal wehte von der Bühne reine Tiroler Bergluft“). Mitterer geht in der 1998 uraufgeführten Tragikomödie ein paar Schritte weiter, seine Figur übertölpelt sogar Goebbels. Premiere von „In der Löwengrube“ war am Mittwoch in der Scheune des Stiftes Wilhering, das Theaterspectacel feiert 25 Jahre, Landeshauptmann Thomas Stelzer gratulierte mit kurzer Rede. Der Abend ein Theatererlebnis und ein Triumph.

Alles hängt an der Rolle des Arthur Kirsch, Sven Kaschte füllt sie hinreißend aus. Kaschte, in Wilhering bereits 2015 und 2017 zu sehen, ein aberwitzig urwüchsiger Arier, der die gedemütigte Seele hinter älpischem Outfit und Gepolter verbirgt. Hemma Clementi seine Frau Helene, Spitzname Leni und blondes Liebchen des Propagandaministers. Hemmungslos karrieregeil unter dem Deckmantel der Kunst, zum Jauchzen komisch ihr Knicks zum Hitlergruß.

Rathke spannt ein dichtes Netz an Zuschreibungen

Regisseur Joachim Rathke dirigiert minutiös dieses Theater im Theater, die Bühne in die Mitte der Scheune gesetzt (Ausstattung: Kurt Pint). Rathke spannt ein dichtes Netz an Zuschreibungen, wer ist das Andere, das Fremde, Jude oder Jüdin? Alfred Rauch als Polacek ein Nazi der ersten Stunde, wegen seiner angeblich jüdischen Visage vom „Tiroler“ denunziert. Die stille Olga (Nora Dirisamer) in notwendig absurder Selbstverleugnung, sie dient sich dem Herrenmenschen Strassky (Jakob Hofbauer) als Schlampe an. Aber bittschön keine jüdische, sondern arische Schlampe!

Harald Bodingbauer ist als Bühnenmeister Eder der gute und witzige Geist, aber die Entlarvung Kirschs rückt bedrohlich nahe. Einmal noch soll er den Tell spielen, Goebbels hat sich angesagt. Atemberaubend intensiver Auftritt von Rudi Müllehner, der als oberstes NS-Kulturmännchen absolute Macht ausstrahlt. Ein lachhafter Quatschkopf, der jedes Wort und jede Geste auskostet, die für das paralysierte Theaterhäuflein Lob oder Vernichtung bedeuten können.

Ein rundum beglückender Theaterabend, in weiteren Rollen Christian Bauer, Matthias Hack, Martina Müllner, Maximilian Bendl und Maximilian Modl. Im Publikum Felix Mitterer, im tobenden Schlussapplaus auf die Bühne geholt. Standing Ovations.

Bis 3. August

Karten: Tel. 0699/10 97 67 39

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