Älter als die Republik

„Am 1. August werde ich 103. Wie man so alt wird, weiß ich selber nicht. Ich wollt das gar nicht“, sagt Herta Turnowsky. Die zierliche Seniorin wurde 1915 in Innsbruck geboren und kam 1947 nach Linz — der Liebe wegen. „Linz hat mir am Anfang gar nicht gefallen.“ Mittlerweile fühlt sie sich aber daheim und verfolgt die Entwicklung der Stadt nach wie vor mit Interesse.

63
102 und noch immer äußerst agil und an vielem interessiert: Die in Linz lebende Herta Turnovsky erinnert sich im Gespräch an die letzten hundert Jahre. © APA/fotokerschi.at/W. Kerschbaummayr

Text: Ulrike Innthaler

Herta Turnowskys Vater starb, als sie zwei Jahre alt war. Er hatte sich im Ersten Weltkrieg am Isonzo ein Nierenleiden zugezogen, dem er trotz Operation in Innsbruck erlag. „Am 5. Dezember 1917, noch bevor der Krieg aus war“, erinnert sich die Tochter. „Er war der k.u.k.-Kammerfotograf Julius Schär“, ist sie stolz und weist auf Fotografien ihrer Eltern über ihrem Bett. „Meine Mutter ist Boznerin, mein Vater Meraner“, erklärt die immer noch agil wirkende Dame in ihrem gemütlichen Ohrensessel sitzend.

Die Mutter, die sich um das Kaufmännische kümmerte, übernahm das Foto-Atelier. Tur- nowsky trat beruflich in deren Fußstapfen. „Nach der Handelsschule übernahm ich in einer Versicherung die Büroleitung für Rechnungswesen, dann kam leider der Krieg“, berichtet sie. Innsbruck sei spät bombardiert worden, „im Dezember 1943 glaube ich, da ist viel zerstört worden“. An einen Fliegeralarm, „das schlimmste Erlebnis“, erinnert sie sich genau. „Wir haben die Flieger schon gesehen und sind über die Innbrücke zum Luftschutzkeller im Felsen der Nordkette gerannt. Dabei ist meine Mutter, sie war etwa 60 Jahre alt, gestürzt. Ich hatte Angst, dass sie zertreten wird. Im letzten Moment schafften wir es in den Keller, dann sind schon Bomben gefallen.“

„Wir waren glücklicher als heute manche“

Als der Krieg aus war, „ist uns ein Stein vom Herzen gefallen, wir haben es gar nicht fassen können“. Es habe sich nicht so schnell viel geändert, „nur das Leben ist viel schöner geworden, obwohl es anstrengend war, wir mussten ja alles wieder aufbauen. Wir hatten nicht viel, aber wir waren vielleicht glücklicher als heute manche sind.“
Aber auch an schöne Momente während des Krieges kann sich die gebürtige Tirolerin erinnern, Studentenbälle und Fünf-Uhr-Tees, naturgemäß mit wenigen Männern, denn die waren ja alle eingerückt — nur ihr späterer Mann Rudolf nicht. „Er hat von Geburt an keinen oder nur einen sehr verkrüppelten kleinen Finger gehabt, jetzt musste er nicht einrücken.“ Dafür kam der Wiener als Vertreter des Bürovorstehers in „ihre“ Versicherung. Als er 1947 die Filiale in Linz übernehmen sollte, ging sie mit ihm, und 1948 kam ihr Kind zur Welt.

Wie war das damals mit der Gleichberechtigung? „In meiner Generation waren schon die Männer mehr oder weniger tonangebend. Das kommt aber auch darauf an, wie man sich das in der Familie einteilt. Ich hab‘ nicht gespürt, dass ich irgendwie unterlegen bin.“ Freilich seien Mütter wenig berufstätig gewesen. Das sei bei ihr nicht anders gewesen. Sie machte noch einmal kurz die Buchhaltung für eine Bäckerei, als ihre Tochter schon größer war, aber sonst blieb sie daheim.

Das erste Mal gewählt habe sie noch in Innsbruck. „Ich bin bis zum Schluss noch wählen gegangen, da war ich 95 und im betreuten Wohnen.“ In ihrem jetzigen Seniorenheim sei sie seit 16. Jänner 2017. „Ich war immer sehr selbstständig. Frühstück mache ich mir heute noch teilweise selber“, erklärt sie. Eine Mikrowelle und eine Kaffeemaschine in ihrem Zimmer zeugen davon.

Sie habe immer in Urfahr gewohnt, am Anfang in Untermiete. Als die russischen Besatzer 1955 abzogen, „waren wir sehr froh, weil wir mussten nach Linz über die Brücke und immer an der Kontrolle vorbei und den Ausweis zeigen“. Es habe zwar nie einen Übergriff gegeben, trotzdem sei danach Erleichterung spürbar gewesen.

Die vielen Währungswechsel, die sie schon erlebt hat, bereiteten Turnowsky nie ein Problem. „Bei der Krone war ich noch ein Baby, dann Schilling, Reichsmark, wieder Schilling und der Euro, da war ich ja noch in einem Alter, wo ich leicht mitgekommen bin (87 Jahre, Anm.).“ Sie könnte heute noch umrechnen.

In Linz habe es ihr am Anfang nicht gefallen, „da war so eine schlechte Luft, ich habe Heimweh gehabt nach Innsbruck“, gibt sie zu. Als dann ihre Tochter da war und die Stadt nach dem Krieg immer schöner und besser wurde, „da hat es begonnen, mir zu gefallen“. Die Luft wurde besser und „jetzt bin ich schon Linzerin und es ist so eine aufstrebende Stadt, da verfolge ich alles, was ich noch kann“.

Ein Jahrhundert im Spiegel der Erinnerung

Die Mondlandung 1969 war „eine Sensation“, sie habe immer viel ferngesehen. Ein Gerät hatte ihre Familie erst in den 1960ern. Es gab keine Waschmaschine, keinen Kühlschrank, erst nach und nach kamen Maschinen in den Haushalt. „Ich hab mich vorher nicht unglücklich gefühlt. Dass die Zeit so schnelllebig geworden ist und so viele Neuerungen kamen, ist in meinen letzten Lebensjahren passiert. Seit ich 90 bin, hat sich so viel verändert, das ganze Internet und alles.“

Früher sei sie gerne gereist, „zuerst mit meinem Gatten, wir haben ein kleines Auto gekriegt, einen Fiat 500, das war schon in den hohen 1950er-Jahren“. Da ging es ins Salzkammergut, gerne nach Hinterstoder und später jedes Jahr nach Italien. Dann sei ihr Mann an Alzheimer erkrankt und sie habe ihn bis zu seinem Tod 1991 daheim gepflegt. Danach sei sie das erste Mal geflogen, nach Mallorca. „Das war sehr schön, obwohl ich immer gesagt habe, ich steig in kein Flugzeug ein“. Mit über 80 war sie noch in Sizilien. Nun blickt sie nur mehr via TV ins Ausland. „Auf die Olympischen Spiele in Korea habe ich mich schon gefreut“, sagt sie. „Fußball schaue ich auch gern, wenn Bayern München mit David Alaba spielt oder unsere Nationalmannschaft.“ In jungen Jahren war Herta Turnowsky im Turnverein und fuhr gerne Ski.

Bilder der Familie, zu der zwei Enkel in Linz und Wien und ein 14-jähriger Urenkel gehören, schmücken die Wände im Zimmer. Auf dem Nachttisch liegen Zeitschriften, Frau Turnowsky liest gern, eine Lupe liegt zur Hilfe bereit. Den ORF-Teletext bezeichnet die zierliche Frau als „meine Zeitung“. Wie gesagt, sie verfolgt noch alles, was sie kann.