Ärztekammerpräsident Niedermoser: Stresstest wurde „super“ bestanden

Für Ärztekammerpräsident Peter Niedermoser müssen Lehren aus der Krise gezogen werden

Ärztekammerpräsident Peter Niedermoser
Ärztekammerpräsident Peter Niedermoser © ÄK

VOLKSBLATT: Seit fünf Monaten leben wir mit dem Coronavirus und noch immer ist es für die einen eine Art Grippe und den anderen könnte der Lockdown nicht lange genug dauern. Für wie gefährlich halten Sie das Virus?

NIEDERMOSER: Das wird sich wohl erst in ein oder eineinhalb Jahren wirklich zeigen, wenn wir die gesamten Daten haben. Bei der Grippe 2017/2018 schätzt die AGES, dass rund 400.000 in Österreich an Influenza erkrankt sind und es gab rund 2850 Tote, die der Grippe zum Opfer gefallen sind. Momentan hat man den Eindruck, dass bei Covid die Sterberate höher ist.

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Es war ein Stresstest für das Gesundheitssystem. Hat es bestanden?

Unser System hat das super bestanden. Auch bei den Altersheimen. Ich weiß, das kostet Geld, aber das hat sich rentiert. Zweitens hat die Zusammenarbeit in Oberösterreich gut funktioniert. Natürlich gab es dort und da Probleme, aber das ist auch kein Wunder. Bei der Schutzkleidung muss man dem Land zu Gute halten: Sie haben gehandelt und nicht lange diskutiert. Aber natürlich sollte man jetzt klären, wer künftig dafür verantwortlich ist. Diesmal wurde es wie eine heiße Kartoffel zwischen Bund, Ländern und Sozialversicherung hin und hergeschoben. Und man hat auch gesehen, dass man sich bei wichtigen Dingen – egal, ob Schutzkleidung oder Grundbestandteile der Medikamente – nicht vom Ausland abhängig machen darf.

Und anders: Was könnte man behalten, Stichwort Medikamentenverschreibung?

Grundsätzlich ist es schon wichtig, dass man ab und zu in die Praxis kommt. Es kann sich ja etwas in der Symptomatik geändert haben. Und man hat im Lockdown gesehen, dass die Patienten Angst vor dem Virus hatten und sich nicht in Ordination und Krankenhäuser getraut haben – und das war in gewissem Ausmaß auch erwünscht. Aber leider gibt es Kollateralschäden – auch das muss man in künftige Planungen einbeziehen.

Was bringt die Ampel?

Wir haben nun schon mehr Daten und sehen, dass etwa Kinder nicht die Verteiler sind und dass der Verlauf auch oft ohne Komplikationen verläuft. Wir haben andererseits Risikopatienten, die wir unbedingt vor einer Infektion schützen sollten. Das sind Menschen mit Vorerkrankungen und alte Menschen. Und wir müssen die Gesundheits- und Pflegestrukturen schützen. Darauf sollte man sich konzentrieren. Es ist sicher nicht notwendig, wenn ein Kind Schnupfen hat, einen Covid-Test zu machen. Und es geht darum, dass man erkrankte Menschen in Quarantäne schickt und damit die Infektionsketten unterbricht. Vielleicht sollte man in der Hysterie etwas zurückgehen.

Warum sollten den niedergelassenen Ärzten alle durch Corona entstandenen Ausfälle abgegolten werden?

Derzeit wird in vielen Bereichen verhandelt. Und die Forderung sehe ich durchaus ein, obgleich man ehrlicherweise sagen muss: Ärzte sind eine Berufsgruppe, die gebraucht wird und sie hatten auch weder Kurzarbeit noch Arbeitslosigkeit zu fürchten. Aber jetzt wird verhandelt und wir sind in guten Gesprächen. Es waren durchgängig rund 80 Prozent der Ordination offen und es wurde auch telefonisch erledigt.

Zumindest bei den Krankenkassen hadert man mit den finanziellen Folgen, werden die Patienten die Corona-Rechnung zahlen müssen?

Wenn der Staat das nicht ausgleicht, dann werden natürlich die Strukturen nicht mehr in dem Ausmaß finanziert werden können. Aber es wird wieder eine Pandemie kommen und dann werden wir unser System brauchen. Denn eines hat sich gezeigt: Es ist gut, dass man es hat, wenn man es braucht.

75 Primärversorgungseinheiten hätten bis 2021 errichtet werden sollen, es werden aber höchstens 29. War der Plan zu ambitioniert?

Es ist ein völlig neues Arbeiten und das braucht seine Zeit und vielleicht auch einen Generationswechsel. Man hat vielleicht am Anfang diese Schwierigkeiten unterschätzt.

Sie galten als scharfer Kritiker der Kassenreform. Sehen Sie sich bestätigt?

Das hat sich klar und deutlich bestätigt, die regionalen Strukturen haben besser gearbeitet. Wenn wir im Land nicht zusammengehalten und auf den Bund gewartet hätten, hätte es nicht so gut funktioniert.

Ein Dauerthema ist der Ärztemangel – kann man Entwarnung geben?

Nein. Es wird zu wenig ausgebildet. Und wir müssen schauen, dass die Rahmenbedingungen weiter verbessert werden, damit die jungen Kollegen nicht auf die Idee kommen, ins Ausland zu gehen. Und vielleicht haben sie auch mitbekommen, dass unser System doch besser ist, denn in Österreich ist genau ein Kollege in Ausübung seines Berufs an Covid erkrankt und gestorben, in anderen Ländern schaut es ganz anders aus. Bei uns können sie sich sicher sein, dass die Gefahr für die Ärzte ernst genommen wird und dass für die Sicherheit alles getan wird.

Mit Ärztekammerpräsident PETER NIEDERMOSER sprach Herbert Schicho

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