Agententhriller: Spur nach OÖ

Abgesprungener türkischer Geheimdienstler belastet Grauen Wolf: Mordaufträge?

Graue Wölfe ohne Scheu mit verbotenem Gruß auf Linzer Hauptplatz.
Graue Wölfe ohne Scheu mit verbotenem Gruß auf Linzer Hauptplatz. © Screenshot Facebook

Diese Geschichte hat alle Zutaten für einen Agententhriller: Es geht um zwielichtige Geheimdienstler, halbseidene Milieus, Erpressung, Verrat und Mordaufträge.

Begonnen hat es untypisch: Der Bösewicht schreitet nicht zur Tat, sondern mutiert zum Guten und stellt sich den Behörden. Am 15. September meldet sich der italienische Staatsbürger Feyyaz Ö. beim Wiener Landesamt für Verfassungsschutz, um dort ein spektakuläres Geständnis abzulegen.

Er sei nach Wien geschickt worden, um im Auftrag des türkischen Geheimdienstes MIT Anschläge auf die kurdischstämmige Grünen-Politikerin Berivan Aslan und weitere Zielpersonen zu verüben. Im Visier: Kritiker des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Graue Wölfe ohne Scheu mit verbotenem Gruß auf Linzer Hauptplatz. ©Screenshot Facebook
Graue Wölfe ohne Scheu mit verbotenem Gruß auf Linzer Hauptplatz. ©Screenshot Facebook

Der gebürtige Türke, der zu dem Mordkommando erpresst worden sein will, gibt Informationen über weitere MIT-Agenten preis. Der Verfassungsschutz nimmt die Sache ernst. Aslan befindet sich seither unter Polizeischutz.

„Auftragskiller“ in OÖ…

Denn auch wenn vom in U-Haft genommenen Feyyaz Ö. keine Gefahr ausgeht, lassen seine Aussagen keine Entwarnung zu. Laut Ö. sollen nämlich weitere potenzielle Auftragskiller im Land sein.

Damit wechselt dieser Thriller auf den Nebenschauplatz Oberösterreich, wo die Grauen Wölfe (Ülkücü) ins Spiel kommen. Feyyaz Ö. nannte nämlich Namen. Und zwar den eines ob der Enns lebenden Türken.

… weist Verdacht von sich

Wie ernst zu nehmen sind die kolportierten Aussagen? Immerhin so ernst, dass sie dem türkischstämmigen Ilham K. (Name geändert, der Redaktion bekannt) 34 Tage U-Haft einbrachten. Feyyaz Ö. soll VOLKSBLATT-Informationen zufolge ausgesagt haben, K. sei einer von denen, die auf Befehl aus der Türkei Kurden und Aleviten töten würden. Welche Erkenntnisse die Einvernahmen von K. brachten, ist unbekannt. Die Staatsanwaltschaft Wien hält sich bedeckt. Verschlusssache! Das heißt: Nicht die geringste Auskunft an Medien. Sprecherin Nina Bussek bestätigt dem VOLKSBLATT nur, dass Feyyaz Ö. nach wie vor in U-Haft sitzt.

Doch es gibt eine Bestätigung für die belastenden Aussagen gegen K.. Und die kommt vom Beschuldigten selbst. Unter falschen Namen machte K. nämlich die gegen ihn erhobenen Vorwürfe auf Facebook publik – für seine 2900 Freunde, darunter übrigens der Erste Imam der Islamischen Religionsgemeinde Linz, Murat Baser. Ob diesem die wahre Identität von K. bekannt ist, ließ sich nicht verifizieren. Das VOLKSBLATT jedenfalls fand sie heraus: Es handelt sich um eine regionale Größe der Grauen Wölfe im Raum Wels, was auf dem mit Symbolen der rechtsextremen Gruppierung gefluteten Facebook-Profil auch für Baser leicht erkennbar wäre.

Feyyaz Ö. war in OÖ

Der offensichtliche Protagonist der Ülkücü-Bewegung, die unter anderen 1981 Papst-Attentäter Mehmet Ali Agca hervorgebracht hat, bestreitet allerdings die Aussagen von Feyyaz Ö., der sich im Frühjahr während des ersten Lockdowns einige Tage in Oberösterreich aufhielt. Und zwar bei K., der eigenen Angaben zufolge über das Graue-Wölfe-Netzwerk ersucht worden war, dem Landsmann Unterschlupf zu gewähren. Kurden oder Aleviten töten würde er aber niemals, beteuert K.. Er habe Ö. nur drei Tage beherbergt, ihm 100 Euro Taschengeld und 87 Euro für ein Ticket nach Wien gegeben haben.

Das wirft Fragen auf: Zahlt der türkische Geheimdienst seinen Leuten keine Spesen, war die Bedürftigkeit Tarnung oder stimmt Feyyaz Ö.s Mördergeschichte gar nicht? Die türkische Botschaft in Wien jedenfalls bestreitet, dass Ö. etwas mit dem türkischen Geheimdienst zu tun habe.

Wolfgruß-Orgie…

Gegen Ilham K. dürfte zumindest kein dringender Tatverdacht mehr bestehen, da er sich offensichtlich wieder auf freiem Fuß befindet und auf Facebook weiter eifrig Einschlägiges postet: „Ich werde nur verfolgt, weil ich ein Grauer Wolf bin!“ Doch nicht einmal das scheint zuzutreffen. Denn auch nach der U-Haft präsentiert K. unzählige Fotos von sich oder im Rudel mit Gesinnungsgenossen bei verbotenem Tun. Ob auf dem Linzer Hauptplatz oder vorm Trauner Rathaus: K. und seine Freunde sind keine scheuen Wölfe, sondern zeigen stolz ihren Gruß, auf den seit 2019 bis zu 10.000 Euro oder sechs Wochen Haft stehen. In seinem Facebook-Verlauf ist seit Inkrafttreten des Verbotes der Wolfsgruß 330 malzu sehen.

… ohne Konsequenzen

Nach Angaben des Innenministeriums wurden 2019 in ganz Österreich nur 71 Anzeigen nach dem Symbole- bzw. Abzeichengesetz erstattet. Dabei sind alle Verstöße erfasst, auch solche mit NS-Symbolen. Wie viele der 71 Anzeigen auf den Wolfsgruß entfielen, kann das Ministerium nicht sagen. Auf jeden Fall ist das nur ein Bruchteil der allein auf Ilham K.s Seite sichtbaren und offensichtlich nicht unterbundenen Verstöße.

Für die Sicherheitsbehörden gäbe es also viel zu tun. Auch wenn dieser Agententhriller doch gar keine Mordsgeschichte sein sollte…

Von Manfred Maurer

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