„Aida“ zurück in Salzburg: Zweiter Anlauf für Shirin Neshat

Die Wiederaufnahme hat Neshat stärker bebildert © APA/BARBARA GINDL

Die Salzburger „Aida“ ist wieder da. Mit der ersten Opernarbeit von Shirin Neshat – 2017 erstmals im Festspielhaus zu sehen – gibt es heuer nach der „Zauberflöte“ für eine weitere Produktion aus früheren Jahren eine zweite Chance. Neshat hat dafür ihre einst als zu schwach kritisierte Handschrift mit dickerem Stift nachgezogen. Das sorgt für üppigere Bebilderung, einen poetischen Kommentar, manchmal auch eine Unterwanderung des Stücks. Aber Bilder machen noch keine Regie.

Fünf Jahre ist es her, dass Neshat, als Künstlerin und Filmemacherin bekannt, in Salzburg erstmals Oper machte. „Aida“ von Giuseppe Verdi, so seltsam, so logisch. Eine iranische, weibliche Perspektive, bekannt für ihre dezidierte Bildsprache im poetisch-politischen Spannungsfeld, als zeitgemäße Frischekur für Verdis heute problematische Exotikoper. Das klang nach Erfolgsrezept – wurde 2017 aber zur szenisch schmerzlich einfallslosen Deko für Anna Netrebkos fulminantes Titelrollendebüt. Sie habe sich zu wenig getraut damals, sagt Neshat heute. Dass dabei auch Riccardo Muti mit seinen kristallklaren Vorstellungen eine gewisse bremsende Rolle gespielt haben mag, meinte man annehmen zu dürfen.

Nun also ohne Muti, auch ohne Netrebko, dafür mit Alain Altinoglu und Elena Stikhina. Der schlichte weiße Kubus, der die Drehbühne dominiert, ist geblieben und die folkloristischen Kostümierungen der Geistlichen, aber vieles ist auch neu, lebendiger, choreografierter, mit Videokunst bestrahlt und mit symbolischen Handlungen, Ritualen und Gesten aufgeladen. Zwischen den Akten werden riesige Porträtfotos eingeblendet und weibliches Geflüster. Statt großer Roben wie einst La Anna trägt diese Aida ein schlichtes schwarzes Kleid. Das alles hat der Produktion gut getan und gibt die Chance, in Neshats eigenwillige Symbolwelt einzutauchen. In ihre poetischen Gegensatzpaare, schwarz und weiß, Männer und Frauen, Gewalt und ihre Opfer.

Es tut der „Aida“ auch gut, dass ihre kriegerischen und ihre kolonialistischen Töne und Zwischentöne in Neshats meditativem Bilderkreisel zwischen dem Ritus und dem Individuum auf sich selbst zurückgeworfen werden und hier gelingen ihr auch – wie schon 2017 – die stärksten Szenen. Sie alle passieren aber parallel zur Oper, zur Handlung, zu den Protagonisten, und nicht mit ihnen. Personenführung sucht man auch diesmal vergeblich, gesungen wird erneut statisch an der Rampe, für die Lebendigkeit der Szene sind andere, nicht aber die Hauptakteure, zuständig.

Mit Eve-Maud Hubeaux, die kurzfristig und eindrucksvoll für Anita Rachvelishvili als Amneris übernommen hat, mit Piotr Beczala als verlässlich strahlendem Radames und mit Elena Stikhina in der Titelrolle ist auch diese „Aida“ reich mit vokalen Schätzen beschenkt. Stikhina, die 2019 in Salzburg als „Medée“ gefeiert wurde, fesselt mit intensiv emotionaler Pianokultur und einem warmen Farbenspiel in allen Lagen, als Figur bleibt sie mangels Konturierung durch die Regie aber ebenso verschwommen wie Amneris und Radames.

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Klare Konturen und frische Akzente waren auch aus dem Orchestergraben selten zu vernehmen. Mit den Wiener Philharmonikern gelangen insbesondere in den schlanken, kammermusikalisch oder solistisch besetzten Teilen kostbare Beziehungen zwischen Stimmen und Instrumenten, auch das Gleichgewicht der Massenszenen beherrscht Altinoglu gefahrlos – in dem großen, von Verdi so farbprächtig ausgestalteten Raum dazwischen hätte man sich aber mitunter mehr Dynamik gewünscht.

Dass Festspielintendant Markus Hinterhäuser mit der „Zauberflöte“ und der „Aida“ zwei Inszenierungen eine Wiedergeburt geschenkt hat, die beim ersten Mal aus verschiedenen Gründen nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen konnten, ist ein unkonventioneller Akt der Gnade, wie er in der Oper so oft besungen wird. Für die Stücke war dieses Upcycling zweifelsohne ein Gewinn – ob das allein ihre Neuauflage rechtfertigt, ist allerdings diskussionswürdig. Im Fall der „Aida“ konnte das Publikum die Frage zwischen freundlicher Zustimmung und einigen hartnäckigen Buhrufen jedenfalls nicht eindeutig beantworten.

„Aida“ von Giuseppe Verdi. Musikalische Leitung: Alain Altinoglu, Regie: Shirin Neshat. Mit Elena Stikhina, Eve-Maud Hubeaux, Piotr Beczala, Erwin Schrott, Luca Salsi u.a. Wiener Philharmoniker. Weitere Termine am 15., 19., 23., 27., 30. August. Großes Festspielhaus. salzburgerfestspiele.at

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