Albertina modern widmet Nobuyoshi Araki eigene Ausstellung

Araki-Festspiele in Wien: Nach der Eröffnung der Doppelschau „Arakiss“ in den Galerien Westlicht und Ostlicht vergangene Woche widmet ab Mittwoch nun auch die Albertina modern dem japanischen Fotostar Nobuyoshi Araki eine eigene Ausstellung. Anstatt ebenfalls eine Art Werkquerschnitt zu versuchen, konzentriert man sich hier mit der „Ich-Fotografie“ auf eine spezielle Ausdrucksform innerhalb seines Oeuvres – mit der Serie „Sentimental Journey“ als Höhepunkt.

„Die Akt- und Bondage-Aufnahmen, für die Araki berühmt ist, verdecken andere Teile seines Werkes“, erklärte Co-Kurator Walter Moser bei einem Vorabbesuch der APA. Daraus sei der Anspruch entstanden, andere Ansätze zu finden und die Entstehung der „Ich-Fotografie“ – diesem dezidiert subjektiven und es mit der Wahrheit nicht so genau nehmenden (Ein-)Blick auf die Welt und das eigene Leben – nachzuzeichnen. Denn ohne diese wäre die zeitgenössische Fotografie beispielsweise a la Juergen Teller nicht vorstellbar, ist Moser überzeugt.

Anhand von 285 Aufnahmen, die der Albertina modern allesamt als Dauerleihgabe der Jablonka-Galerie zur Verfügung stehen und bis auf wenige Ausnahmen eher kleinformatig und in Schwarz-Weiß gehalten sind, wird einem dieser Araki-Aspekt im Untergeschoß nähergebracht. Es beginnt mit einigen der frühesten Bilder, die 1962/63 entstanden sind: „Satchin und sein Bruder Mabo“ werden in einem desolaten Tokioter Viertel von der Kamera begleitet. Obwohl einem sozialdokumentarischen Ansatz verpflichtet, blitzt Arakis Humor in den Aufnahmen durch.

In den folgenden Räumen und dort gehängten Bildergruppen zeigt sich die zunehmend radikale Subjektivität Arakis. Der manische Dauerknipser, der in seinen Fotos nicht selten selbst vorkommt, streift durch seine Heimatstadt Tokio und zeigt anhand nackter Körper und Straßenszenen, wuchernder Stadträume und trivialer Konsumperipherien eine Megacity im Modernisierungsrausch. Formale Experimente durch manuelles Weiterdrehen des Films („The Past“, 1972) oder das Spiel mit Authentizität durch manipulierte Datumsangaben an den Fotorändern („Pseudo Diary“, 1980) zeigen die vielen Spielarten und Entwicklungsschritte der „Ich-Fotografie“.

All diese Bilder sind in der Ausstellungskonzeption allerdings nur als Vorbereitung und Hinführung zum letzten Raum gedacht: Darin wird die dreiteilige Reihe „Sentimental Journey“ – sie wird im West-/Ostlicht nur gestreift – mit weit mehr als 100 Fotografien präsentiert. Sie markiert den eigentlichen Beginn der „Ich-Fotografie“ und ist für Kurator Moser „eine der besten Serien, die die Fotogeschichte hervorgebracht hat und die mich zu einem Araki-Fan gemacht hat“.

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Teil eins entstand 1971 und zeigt den Künstler mit seiner Frau Yoko auf fünftägiger Hochzeitsreise. Alltagseindrücke und sehr intime Szenen wechseln sich ab in dieser nur gut zwei Dutzend umfassenden Bilderfolge, mit der sich der damals in einer Werbeagentur beschäftigte Araki von der ihm bekannten „verlogenen“ Fotografie absetzen wollte. Die auf einem Boot zusammenkauernd liegende Yoko – auch das Titelbild der Ausstellung – und ein verwaistes Ehebett wirken in der Nachbetrachtung wie eine gruselige Vorahnung auf den zweiten Teil, der Anfang der 1990er-Jahre entstand.

Dieser äußerst berührende Zyklus „Winter Journey“ erzählt in Wort und Bild vom frühen Sterben seiner Frau. Sechs Monate lang – von der Krebsdiagnose bis zum Tod – nimmt der Ehemann mit der Kamera schmerzhaft Abschied, ohne dabei voyeuristische Bedürfnisse zu befriedigen. Ist Yoko am Anfang selbst noch auf den Fotos zu sehen, verschwindet sie zusehends aus den Motiven. Statt ihrer geben trostlose Straßenecken, Arakis leerer Balkon und düstere Stadtaufnahmen eine schmerzliche Ahnung von Einsamkeit und Trauer. Fast tröstend wirkt es, dass Chiro, die Katze des Paares, verstärkt als Familienmitglied in den Bildern auftaucht. Zehn Jahre später muss der Künstler auch von ihr Abschied nehmen – und ist mit „Spring Journey“ damit vorläufig am Ende seiner sentimentalen Reise angelangt.

(S E R V I C E – „Araki“ in der Albertina modern, Karlsplatz 5, 1010 Wien, 26. Mai bis 29. August, Online-Eröffnung am 28. Mai, 18.30 Uhr, )

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