Alien, Clown, Popstar und „normaler Mensch“

„Ich bin ein geborener Bibliothekar mit einem Sexualtrieb.“ So lässt sich das Dasein als Popstar auch beschreiben. Ein herrlicher Fotoband würdigt den 2016 verstorbenen David Bowie, die Pop-Ikone würde heute ihren 75. Geburtstag feiern.

David Bowie © Greg Gorman

David Bowie, die Pop-Ikone. Das berühmte Foto von Gavin Evans zeigt einen umwerfend attraktiven, reifen Bowie. Der hält den Zeigefinger vor die Lippen: „Pst!“ Vom selben Fotografen eine konträre Abbildung.

Bowie mit saphirblauen Kontaktlinsen und halb geöffneten Lippen, er blickt einen aus einem schwarzen Nichts an. Angreifbar, verletzlich, weich. Bowie selbst verlangte 2012, dass dieses Foto den Umschlag der Publikation „Bowie Is“ (Bowie ist) zieren und noch einmal auf der letzten Seite zu sehen sein solle, mit dem Satz „Bowie Is – The End“.

Man übersieht allzu einfach, dass Bowie neben einer Ikone auch ein Mensch und außerordentlich witzig war. Dieser Dialog findet sich gleich zu Beginn eines fantastischen Bildbandes, schön simpel betitelt „David Bowie Foto“. (Die englische Originalausgabe blähte sich da – auch zu Recht – schon mehr auf: „David Bowie Icon – The Definitive Photographic Collection“.) Die Anekdote also: Der Maler George Underwood und Bowie im Jahr 2014, beide 67 Jahre alt. Bowie mailt: „Jetzt sind wir alte Männer, oder?“ – „Stimmt“, antwortet Underwood: „Wenn ich in den Spiegel gucke, sehe ich meinen Vater.“ Bowie mailt zurück: „Stimmt! Wenn ich in den Spiegel gucke, sehe ich auch deinen Vater.“

Bowies Humor. Die Karriere verlief in den ersten Jahren stockend, wiewohl das Ziel von Anfang an klar war: ein Star werden. Der Fotograf Vernon DeWhurst erzählt von den Anfängen: „Ich sage David, dass er es mit Jodeln versuchen könnte, sollte seine Karriere nicht anlaufen. Als exzellenter Schauspieler, der er ist, beginnt David eine Jodel-Cowboy-Nummer inklusive Schenkelklopfen und Fußstampfen. Alle im Studio kugeln sich vor Lachen.“

1969 beginnt das Bowie-Ding richtig zu laufen. Er veröffentlicht den Song „Space Oddity“. Die BBC weigert sich vorerst, den Song über den Astronauten „Major Tom“ zu spielen. Neil Armstrong betritt am 21. Juli 1969 den Mond, BBC wartet, ob die Besatzung von Apollo 11 auch sicher zur Erde zurückkehrt. Der Fotograf Ray Stevenson: „Im Oktober stand ,Space Oddity´ weit oben in den britischen Charts. David ging shoppen: haufenweise Klamotten, ein Klavier (für mich überraschend, weil ich ihn bis dahin nie spielen hatte sehen) – und eine Kohlenschütte, ein sehr schönes Jugendstilstück.“

Der freundliche Bowie

Geboren wurde David Bowie am 8. Januar 1947 in London als David Robert Jones. Ein Verwandlungskünstler mit rund 140 Millionen verkauften Tonträgern und jeder Menge Welthits, von „Young Americans“ bis „Heroes“. Am 10. Januar 2016, zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag und der Veröffentlichung des Albums „Blackstar“, starb Bowie an Leberkrebs.

Das Buch zeigt ihn abgelichtet auf seinen wichtigen Karrierestationen, manche Schnappschüsse fangen ihn in intimeren Momenten ein, doch ist nie sicher, ob Bowie da nicht auch posiert. Androgynes Wesen („Ziggy Stardust“) und neuer Stern am Pophimmel, als nach den fruchtbaren 1960ern das Thema Pop und Rock´n´Roll schon ausgereizt schien.

Bowie posierend mit den Kollegen Lou Reed und Iggy Pop (mit ganzem Tschikpackerl im Maul – der gute Iggy demonstrierte Unersättlichkeit in jeder Hinsicht). Bowie als Rockstar, hautnah im Kontakt mit dem Publikum. Als Alien, als Clown. Mit reiferen Gesichtszügen in den 1980ern. Modisch punkiges Haar, „Let´s Dance“. Wehender Mantel, „Absolute Beginners“. Im Duett mit Mick Jagger, Bob Geldofs (westliche) Globalveranstaltung Band Aid 1985, Bowie und Jagger singen „Dancing In The Streets“.

Bowie in Pose, die Fotografen erinnern sich an Begegnungen. Immer wieder der sympathische, der greifbare Bowie. Der Mexikaner Fernando Aceves fotografierte Bowie im Zuge eines Auftritts in Mexiko-Stadt. Aceves hatte bereits mit Jagger oder Paul McCartney gearbeitet, nennt die beiden „nett“, aber stets auf ihre Außenwirkung bedacht. Hingegen Bowie, schreibt Aceves, „ein normaler Mensch: einer wie du und ich“.

Auch, wer die Aufgeganseltheit von Mode und Design sonst gerne meidet – dieses Buch ist ein Schatz. Eine Augenweide, eine Fundgrube, mit der Erkenntnis: wie Charisma entsteht aus einer einzigartigen Mischung aus Künstlichkeit und natürlichem Charme. Herrliche Würdigung eines unerreichten Gesangs- und Performancekünstlers.

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