Als die Grenzen überschritten wurden

Klaus Albrecht Schröder eröffnet „seine“ Albertina modern mit einer großartigen Schau

Gottfried Helnwein, Der höhnische Arzt, 1973 © Bildrecht, Wien, 2020

Klaus Albrecht Schröder hat es geschafft: Mit einer Pandemie-bedingten Verschiebung von elf Wochen kann „seine“ Albertina modern nun endlich dem Publikum präsentiert werden. Ohne große Eröffnung, aber Feste kann man irgendwann immer noch feiern.

Hauptsache, es ist geschafft, und bei allem Dank an den Industriellen Hans Peter Haselsteiner, der das Projekt der Restaurierung des Hauses vollinhaltlich in gewaltiger Millionenhöhe finanziert hat und für die laufenden Kosten des Betriebs aufkommt, ist es doch Schröders Leistung, die Erfüllung eines Lebenswunsches.

Wien hat nun, im Gebäude des Künstlerhauses (ganz zentral neben dem Musikverein), ein Museum für die österreichische Moderne. Ein Thema, an dem, wie Schröder sagt, noch viel gearbeitet werden muss. Er hat es für die nächsten Jahre vor.

Raum für Raum in andere Welten

Den Anfang macht – „The Beginning. Kunst in Österreich 1945-1980“ (bis 15. November). Ja, das begann 1945. Wie hat sich die Welt von damals den jungen Menschen präsentiert? Man hatte nicht nur einen Krieg, sondern auch ein totalitäres und reaktionäres Regime hinter sich — und eine ungewisse Zukunft vor sich. Mit der berechtigten Befürchtung, dass die alte Generation mit ihren alten Werten und Vorstellungen weitermachen würde. Und tatsächlich — den Begriff „entartete Kunst“ konnten sich die jungen Wilden, die mit Gewalt gegen einstige Vorstellungen anrannten und keine der bisher geltenden gedanklichen und künstlerischen Grenzen anerkannten, oft genug anhören.

Es gibt nicht eine österreichische Nachkriegs-Avantgarde, der man im Künstlerhaus auf 2000 Quadratmetern mit knapp 400 Werken faszinierend nachspürt, es gab viele. Hier haben sich Schröder und sein engagiertes Team zu einer thematischen Übersicht entschlossen, die Raum für Raum in andere Welten führt. Und es ist schier unglaublich, was damals in denkbar größter stilistischer Vielfalt alles gleichzeitig entstand — und mit welcher innovativer Kraft und künstlerischem Reichtum.

Als Schwerpunkte werden etwa die Wiener Phantastischen Realisten oder die Wiener Aktionisten gesetzt, die kinetische und konkrete Kunst oder die österreichische Ausformung der Pop-Art. Man war abstrakt, man war gesellschaftskritisch realistisch, die Frauen protestierten gegen die Enge ihrer Position in der Gesellschaft, die Männer rechneten nicht zuletzt mit dem Nationalsozialismus ab (ob Frohners KZ-Denkmal oder Hundertwassers Gasflammen).

Wobei Gottfried Helnwein 1971 das Besondere gelang, Kunst zum aktiven Faktor des gesellschaftlichen Diskurses zu machen und einen unterdrückten Skandal (rund um die Kindermorde am Spiegelgrund unter der Leitung von Heinrich Gross) mit dem Bild eines sterbenden kleinen Kindes offenbar zu machen …

Dennoch sind die Räumlichkeiten im Erdgeschoß und Untergeschoß des Künstlerhauses alles andere als ein Horrorkabinett. Schröder, der die Werke selbst gehängt hat, bringt sogar etwas wie Kulinarik in die schier unglaubliche Vielfalt des Gebotenen, wo einzelne Künstler und Künstlerinnen (Maria Lassnig und VALIE EXPORT, Friedensreich Hundertwasser und Arnulf Rainer) entsprechend ihrer Bedeutung auch eigene Räume bekommen.

Haben die Aktionisten mit ihrem Wüten gegen den menschlichen Körper bis heute nichts an provokativer Kraft verloren, darf man sich bei der Pop-Art geradezu unterhalten, so boshaft-vordergründig gingen die Künstler mit einer Gesellschaft um, die in Comics und Kitsch schwelgte und sie in bunten Farben das Grässliche auf die Schaufel nahmen. Dabei zeigt die Ausstellung nicht nur Malerei, sondern auch Skulpturen und Objektkunst, einzelne Videos laufen.

Eine Schau der großen Namen

Es ist eine Schau der großen Namen, denn viele der Gezeigten haben es hoch bezahlt nicht nur in die Auktionshäuser, sondern auch in die großen Museen der Welt gebracht. Aber Schröder will nicht nur (abgesehen von den schon Genannten) von Lehmden bis Nitsch, von Brus bis Hollegha, von Ringel bis Pongratz, von Gironcoli bis West, von Kogelnik bis Wurm (und viele mehr) jene Künstler präsentieren, die ohnedies schon breite Beachtung gefunden haben.

Er selbst bekennt, an Künstlern vorbeigegangen zu sein, auch ihnen soll nun die Gerechtigkeit widerfahren, in dieser großartigen Schau vertreten zu sein: von Auguste Kronheim bis zu der erst jüngst zu Ruhm gekommenen Dora Maurer. Wie gesagt, die Albertina modern hat noch viel vor. Immerhin – überzeugender hätte man nicht beginnen können.

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