Als politischer Bettelmönch beim Sultan

Franziskus von Assisi – Namensfest 4. Oktober – zählt zu den bekanntesten und beliebtesten Heiligen der Katholischen Kirche. Sein „Sonnengesang“ und seine Ehrfurcht vor der gesamten Schöpfung bis hin zum kleinsten Käfer machen ihn gerade in der heutigen Zeit der Gefährdung von Natur und Umwelt zu einer Symbolfigur. Doch dieser „radikal Arme“ aus der Zeit der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert war, was heute oft übersehen wird, auch ein eminent „politischer“ Mensch, der sich aktiv in die Kreuzzüge einschaltete und der um die Aussöhnung des Christentums mit dem Islam bemüht war. Ein neues Buch mit dem Titel „Provokation Inspiration Irritation“ (Tyrolia Verlag) beleuchtet diese Facette im Leben und Wirken des Gründervaters der Franziskaner.

Francesco Bernardone (1182–1226) wird im italienischen Assisi geboren. In einer Zeit sich bekämpfender Klassen und permanenter Kriege. Der Vater ist ein angesehener und gut situierter Kaufmann.

Der Sohn sollte dieselbe Laufbahn einschlagen, was Franziskus vorerst auch tut. Tanzen, Feste feiern, aber auch Teilnahme an kriegerischen Auseinandersetzungen – einschließlich einer einjährigen Gefangenschaft in Perugia – prägen anfänglich sein Leben.

Eines Tages allerdings – die Legende sagt, es sei bei einem Tanzumzug durch die Stadt geschehen – hat Franziskus eine „Erleuchtung“. Er ändert radikal sein Leben, wird zum Bettler und widmet sich ab diesem Zeitpunkt dem Einsatz für die Armen ebenso wie für die Kranken und für die gesellschaftlich Geächteten, vor allem die Aussätzigen. Dazu kommt eine tiefe, mystische Religiosität.

Binnen kurzer Zeit schließen sich immer mehr Gleichgesinnte dem Mann der radikalen Armut an, bis am Ende der Papst den neuen Orden der „Minderbrüder“ anerkennt. Die weibliche Seite der Idee der Nachfolge Christi in evangelischer Armut wird von der zu dieser Zeit etwa 30 Jahre alten Gefährtin des Franziskus, Klara von Assisi, verwirklicht. Auf Klara geht der Frauenorden der Klarissen zurück.

Gefährliche Mission

Die Zeit des Franziskus ist auch die Zeit weiterer Kreuzzüge, also von der Kirche sanktionierter und politisch, religiös und wirtschaftlich motivierter Kriege im Nahen Osten und speziell im Heilige Land. 1217 bis 1221 findet ein Kreuzzug statt, der nach der Stadt Damiette in Ägypten benannt ist. Dorthin unternimmt Franziskus im Jahr 1219 eine „Missionsreise“. Der Theologe Johannes Schneider im oben erwähnten neu erschienenen Buch zu den Motiven des Franziskus: „Das erste Motiv ist die Sehnsucht nach dem Martyrium, das zweite der Wunsch, Nicht-Christen den christlichen Glauben zu verkünden, also Zeugnis und Verkündigung“.

Der Bettelmönch aus Assisi wird im Lager der Kreuzritter in Damiette nicht gerade positiv aufgenommen. Erst recht hört man nicht auf den „prophetischen Narren“, als er die Kreuzritter warnt, sie sollen nicht in die Schlacht ziehen, ansonsten würden sie eine katastrophale Niederlage erleiden. Was schließlich auch geschieht. Doch Franziskus, so berichten die Quellen, habe nicht als Prophet triumphiert, „vielmehr packte ihn Mitleid mit den vielen Gefallenen und Gefangenen“ (Schneider).

Interesse statt Kopfgeld

Was dann geschieht, erstaunt auch heute noch. Franziskus setzt alles daran, zum Sultan vorgelassen zu werden. Und obwohl Sultan al-Kamil Muhammad al-Malik auf jeden Christen ein Kopfgeld ausgesetzt hat, empfängt er den Bettelmönch, ja, er zeigt sich an dessen Botschaft auch durchaus interessiert. Franziskus nützt die Gelegenheit und predigt „mit Geisteskraft und Glut den einen, dreifaltigen Gott und den Erlöser aller Menschen Jesus Christus“. Dass Franziskus aufgrund dieser Rede nicht das von ihm in Kauf genommene Martyrium erleidet, erklärt die Theologin Margareta Gruber in dem erwähnten Buch so: „Die Predigt des Franziskus ist von Religionspolemik offensichtlich frei gewesen, obwohl auch er die Kreuzzugsrhetorik vom Islam als dem Satan und Mohammed als Sohn des Verderbens im Ohr hatte.“

Und was nach Ansicht der Autorin bisher zu wenig beachtet worden sei, das muss die geistige Atmosphäre im Umfeld des Sultans gewesen sein. Dieser ist ein gebildeter, großmütiger und weiser Mann, der sich mit ebensolchen Beratern umgibt. Es dürfte auch die Ähnlichkeit des Bettlers aus dem Abendland mit den islamischen Sufis – einer asketischen Richtung von Gottbegeisterten – gewesen sein, die dem Sultan gefiel. Die muslimischen Gesprächspartner des Franziskus haben vielleicht festgestellt, „dass sich der christliche Bettelmönch von der materialistischen Mentalität der Kreuzfahrer unterschied und dass seine Armut auch einen kritischen Impuls gegenüber der mächtigen Kirche bedeutete“.

Respekt — aber erfolglos

Historisch möglich sei es also, so Autorin Gruber, dass es zwischen dem Sultan und Franziskus ein Religionsgespräch gab, „das in Respekt und Ernsthaftigkeit geführt wurde“. Durchaus beispielgebend auch für den heutigen Dialog der Weltanschauungen. Vielleicht endete dieses Gespräch sogar mit einem gemeinsamen Mahl. Aber: „Der Wunsch des Franziskus, die Muslime durch seine Bereitschaft zum Martyrium zu Christus zu führen, wurde jedoch nicht erfüllt. So gesehen war die Mission erfolglos“. Doch sie habe gewaltlos begonnen und auch gewaltlos geendet und sie sei der Beginn der bis heute andauernden Präsenz der Minderbrüder in den Ländern des Islam gewesen, schreibt Gruber abschließend.

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