Als wir an Geld glaubten

Widerborstig, bildgewaltig: „Der Verschwender“ im Linzer Landestheater

Christian Higer als Lebemann Julius von Flottwell
Christian Higer als Lebemann Julius von Flottwell © H. Prammer

Von Christian Pichler

Vor dem letzten Akt tritt die Putzfrau (witzig und immer wieder eine Freude: Eva-Maria Aichner) vor den Vorhang. Sie bestäubt stoisch den Boden mit Wasser und wischt. Wenn das vornehme Pack feiert, müssen andere schuften. Vorhang auf, vom Schloss des Julius von Flottwell ist nur noch das Skelett übrig. Plastikplanen lümmeln von den Balken, der einst so selbstgewiss leuchtende Schriftzug FLOTTWELL ein schiefes, flackerndes Elend.

Düsterkeit, Dringlichkeit und eine Prise Rock’n’Roll

Die Party ist vorbei, die Fee (Isabella Campestrini) gescheitert, dem Flottwell den Weg zum wahren Glück zu weisen. „Der Verschwender“, uraufgeführt 1834, ist das letzte von Ferdinand Raimund vollendete Zaubermärchen. Regisseur Georg Schmiedleitner, Urgestein des Linzer Theater Phönix, mittlerweile Burg-gestählt und erfolgreich bei den deutschen Nachbarn, bürstet den „Verschwender“ ordentlich durch. Düsterkeit, Dringlichkeit und eine Prise Rock’n’Roll, Premiere war am Samstag im Linzer Landestheater.

Christian Higer als Flottwell wühlt sich erst noch von hinten durch die Menge, ein Lebemann in edlen Boxershorts, der nackte Oberkörper goldbestäubt. Ein übermütiges „Guten Morgen!“, sollen alle mitfeiern, der Mann knausert nicht. Doch die Brüchigkeit seiner Welt kündigt sich im starken Bühnenbild von Florian Parbs an: mit weißen Vorhängen behängte Vergnügungsstätten, wie verschobene Container übereinander geschichtet. Als wir von der Allmacht des Geldes träumten, ist das vergangen oder gegenwärtig? Auf der Drehbühne ziehen Szenen wie Traumfetzen vorüber. Der biedermeierlichen Bangigkeit Raimunds trotzt Schmiedleitner mit der Wucht eindringlicher Optik. Bilder wie gemalt, der im Vorfeld gebrauchte Vergleich mit „Lost Highway“-Filmregisseur David Lynch plausibel.

Überlebensgroß das Gesicht des Bettlers (eine Bühnengewalt: Vasilij Sotke), warnender Spiegel Flottwells. Die Partymeute vergnügt sich im Halbschatten, wabert in Masken mit Hirschgeweihen vorüber. Tiere blicken zurück auf die, die Jagd auf sie machen.

Grotesker Humor im surrealen Ambiene

Grotesker Humor im surrealen Ambiente, der Juwelier (Jan Nikolaus Cerha) stellt sich mit eitlen Ballettsprüngen ein. Helmuth Häusler als Flottwells Kammerdiener Wolf in altösterreichischer Radlerhaltung, buckelt nach oben und tritt nach unten. Treue und — Obacht! — Menschlichkeit zeigt hingegen der Diener Valentin (bodenständig komisch: Julian Sigl). Der will den gestrandeten Flottwell aufnehmen, wäre da nicht Anna Rieser als sein Weib Rosa. Sonderapplaus für ihre atemlos-beherzte Standpauke, neben drei zu stopfenden Kindermäulern geht sich ein weiterer Esser eben nicht aus.

Das berühmte Hobellied Valentins wenig versöhnlich, von der E-Gitarre brummend untermalte Skepsis. Der Beifall am Ende guter Durchschnitt, dieser widerborstige „Verschwender“ ist mit lauernder Wut inszeniert. Er liefert mehr als ein Morälchen, er will auch wehtun.

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