Altes und Neues verbinden

Für sein 800-Jahr-Jubiläum in diesem und die Landesgartenschau im nächsten Jahr hat sich das Stift Schlägl mit einem der größten Umbauten seit 150 Jahren fein herausgeputzt. Die offiziellen Feierlichkeiten zum Jubiläumsjahr beginnen am 30. September, das ist der Todestag des Gründers Kalhoch von Falkenstein. Die Gründungsurkunde ist auf den 9. Juli 1218 datiert. Zeit, einen Blick auf das jahrhundertelange Wirken der Prämonstratenser im Oberen Mühlviertel zu werfen.

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Abt Martin Felhofer steht dem Stift seit 29 Jahren vor. © Stift Schlägl, Erwin Wimmer

Text: Melanie Wagenhofer

Festen Schrittes durchmisst Abt Martin Felhofer (71) einen Raum des Stiftes um den anderen. Ich habe, ihm folgend, schon lange die Orientierung verloren. Er aber kennt das Kloster, dessen Gebäude sich auf einer Fläche von etwa einem Hektar ausbreiten, wie seine Westentasche. Schließlich hat der gebürtige Schlägler schon als kleiner Bub regelmäßig in der Stiftskirche ministriert. Auch die Volksschule befand sich früher in einem Trakt des Stiftes, wo heute Gäste untergebracht werden können. 42 Betten stehen zum Rückzug in die besondere Atmosphäre des Klosters zur Verfügung. Besinnungstage werden hier angeboten, aber auch Gastkurse buchen sich ein. Dem rührigen Abt ist es wichtig, jeden Gast persönlich zu begrüßen und er lädt ein, beim Chorgebet und bei Gottesdiensten mit dabei zu sein.

Vor allem für die Menschen da

Das Stift, die derzeit 38 Patres, sind auch sonst für die Menschen da, vor allem als Seelsorger. 27 Pfarren betreuen die Schlägler Prämonstratenser in Rohrbach und Linz, sie unterrichten an höheren Schulen in Rohrbach und haben die Seelsorge in Krankenhäusern und Altenheimen in der Gegend inne. Unter den Ordensmännern ist das Gros zwischen 60 und 70 Jahren alt. „Wir haben nur zwei Pensionisten, weil wir erst mit 80 in Rente gehen“, sagt der Abt lachend. „Nachwuchssorgen gibt es immer. Wir sind aber derzeit in der glücklichen Lage, auch einige Junge dazuhaben.“ Viele Frater sind in verschiedenen Bereichen tätig, wie Archivar, Bibliothekar und Pfarrer Petrus Bayer. Das Kloster ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Gegend und Arbeitgeber für 180 Mitarbeiter.
Anlässlich der 800-Jahr-Feierlichkeiten werden architektonisch Zeichen gesetzt: Gleich beim Eingang in den Stiftshof entsteht ein moderner Cubus – die neue Stiftspforte -, der sich trotz seiner Modernität ganz wunderbar in die altehrwürdige Umgebung einfügt. Ein mutiger Schritt, den Abt Felhofer, der nächstes Jahr nicht mehr zur Wahl steht, weil er das Alter von 70 Jahren überschritten hat, da in seiner letzten Zeit gesetzt hat. „Wir wollen die Menschen gleich am Eingang willkommen heißen“, sagt er. Man habe bewusst die Verbindung von Neuem und Altem gesucht, so Felhofer. Das passt auch gut dazu, dass jede Epoche ihre Spuren an den Gebäuden hinterlassen hat. Vor der Stiftskirche ist ein neuer Platz entstanden, das ganze Stift ist jetzt barrierefrei. Die Kirche wurde renoviert, ein neuer Andachtsraum mit viel Glas und Licht, geplant von der Wiener Künstlerin Brigitte Kowanz, entsteht. Ein weiterer Raum wird sich mit wertvollen Objekten der Geschichte des Ordens widmen, von der auch Felhofer kein unwesentlicher Teil ist: 30 Jahre wird er bei seinem Abschied als Abt der oberste Prämonstratenser in Schlägl gewesen sein, eingetreten ist er 1966. Ihm sei immer klar gewesen, wenn er Priester wird, dann Schlägler, sagt er. Erstaunlich jung – mit 42 – wurde er zum Abt gewählt.

„Dankbar, 800 Jahre hier wirken zu dürfen“

„Es geht uns nicht um ein bestimmtes Datum, wir feiern, dass wir bereits 800 Jahre hier als Orden wirken dürfen. Dafür sind wir dankbar“, sagt Archivar und Bibliothekar Petrus Bayer. Obendrein würden Zweifel an der Echtheit der Gründungsurkunde aus 1218 existieren. Tatsächlich sei das Kloster zweimal gegründet worden. Die ersten Ordensmänner, die sich hier im im oberen Mühltal niederließen, waren Zisterzienser aus Bayern. Passau strebte die Erhebung zum Fürsterzbischoftum an, die Erweiterung der Bedeutung verlangte auch eine Erweiterung des Einflussgebietes. So beauftragte man den Passauer Ministerialen Kalhoch zu Falkenstein mit der Gründung eines Zisterzienserstiftes. Ordensmänner kamen in das Gebiet, das damals weitgehend unbewohnt war, ließen sich hier nieder. Diese ersten Bestrebungen von kirchlicher Seite scheiterten jedoch. „Es heißt, sie seien zum Teil verhungert und erfroren“, erzählt Frater Petrus. Es waren Prämonstratenser aus Böhmen, die noch vor der Mitte des 13. Jahrhunderts hier dauerhaft Fuß fassen konnten. Sie erhielten große Unterstützung vom Geschlecht der Rosenberger aus Böhmen. Dazu gehörten auch die ersten Pfarren und ein Gutshof in Bayern. Beide, Passau und Böhmen, stellten Ansprüche auf das Gebiet, in diesem Zusammenhang tauchte als Beleg eine Gründungsurkunde mit dem Datum 9. Juli 1218 auf, die, so Fr. Petrus, eine Fälschung sein könnte.

Kontinuität trotz Krisen

Von da an gab es zwar eine Kontinuität, das Prämonstratenserdasein in Schlägl riss nicht mehr ab, im Laufe der Jahrhunderte erlebten die Ordensmänner aber immer wieder schwere Zeiten: So litt das Kloster im 15. Jahrhundert sehr unter der Hussitenkriegen, wurde niedergebrannt und von den Mönchen wieder aufgebaut. Auch die Reformation war existenzbedrohend: Um 1700 sei das Kloster zeitweise wie ausgestorben gewesen, so P. Petrus. 1626 das nächste Brandunglück: Während der Bauernkriege brannte das Stift erneut nieder. Unter den Reformpröbsten wie Martin Greysing wurde es dann frühbarock ausgebaut. Um 1660 lebten im neu errichteten Konvent rund 30 Ordensmänner. Auch der Josephinismus traf Schlägl, eine Zeit, in der seelsorglich viel erneuert wurde: „Positiv war die Errichtung der Pfarren, negativ wirkte sich das Zurückdrängen der Volksfrömmigkeit aus“, erklärt P. Petrus. Im 19. Jahrhundert wurden die vorher bestehenden Einzelgebäude zum Vierkanter zusammengefügt, der Schlägler Abt Dominik Lebschi war auch sieben Jahre Landeshauptmann von Oberösterreich. Erneut in große Bedrängnis geriet das Kloster zur Zeit der Wirtschaftskrise in den 1930ern.Während des Zweiten Weltkrieges wurden das Stift und seine Besitztümer zunächst beschlagnahmt und am 29. April 1941 schließlich aufgehoben, der gesamte Besitz ging an den Reichsgau Oberdonau. Die meisten Ordensbrüder kamen in Pfarren unter, einige mussten in den Krieg ziehen. Es kam zu mehreren Verhaftungen durch die Gestapo, ein Pater saß fünf Jahre lang im KZ Dachau ein.
Nach dem Krieg brach für den Orden eine neue Zeit an, es habe ein großer Aufbruch in den 50ern und 60ern geherrscht. „Das liturgische und gemeinschaftliche Leben wurde auf neue, gute Füße gestellt“, so Abt Felhofer. Die Prämonstratenser sind eine Gemeinschaft, in der sich der Abt auf Augenhöhe unter seine Mitbrüder einreiht. Davon erzählt auch die Porträtsammlung, denn anders als in andere Klöstern, wo auf Gemälden nur die Äbte verewigt wurden, wird in Schlägl seit Beginn des 19. Jahrhunderts jeder Ordensmann porträtiert. Neben der Gemeinschaft (communio) ruht der Orden auf den Säulen contemplatio (geistliches Leben) und actio (Dienst). Wie wichtig die Gemeinschaft ist, zeigen regelmäßige Zusammenkünfte der Ordensmitglieder abseits von Kapitelsitzungen. Bei Treffen im Stiftshof schauen dann auch gern die drei Stiftskatzen vorbei, die Frater Gabriel ins Haus geholt hat. Jeder Festtag und jeder Namenstag eines Mitbruders werden gemeinsam gefeiert. Die Treffen bringen auch jene Mitbrüder ins Kloster – das betrifft etwa die Hälfte des Konvents – , die draußen in Pfarren leben. Den Tag im Kloster strukturiert das Gebet, morgens die Laudes, mittags das Mittagsgebet, abends Vesper und geistliche Lesung. Dem Gebet soll nichts vorgezogen werden, heißt es. „Es gibt den Rhythmus vor, aus dem die Brüder ihre Kraft und Spiritualität schöpfen“, sagt Fr. Petrus. „Ohne Gebet könnte man nicht Seelsorger sein“, ergänzt der Abt. Man muss schon triftige Gründe haben, um fernzubleiben. Gemeinschaft gibt es auch in finanzieller Hinsicht. Alles, was die Patres verdienen, kommt in eine gemeinsame Kasse.

Der Südtiroler Bildhauer Johann Worath hat dem Stift sein frühbarockes Gepräge verpasst. Das Hochbarock konnte sich bis auf einzelne Elemente nicht durchsetzen, weil es in dieser Zeit schlicht an Geld mangelte. So kann man in der Stiftskirche die Epochen gut erkennen: gotisches Gewölbe, frühbarocke Kanzel, hochbarockes Chorgestühl. Die große Orgel stammt aus 1634 und dürfte damit eine der ältesten in Oberösterreich sein, ein großer Teil der Gemälde aus dem 19. Jh. hat August Palme geschaffen. Eines der ältesten Zeugnisse liefert die beeindruckende romanische Krypta. Als man im Zuge der Kirchenrenovierung 1989 Heizungsrohre verlegen wollte, stieß man auf ein weiteres wunderbares Kleinod: Eine Nebenkapelle aus 1400 in gotischer Scheinarchitektur wurde freigelegt, die nahezu unversehrt erhalten ist. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Bibliothek gebaut, die 60.000 Bücher fasst, insgesamt besitzt das Kloster 100.000 Werke, darunter 260 Handschriften aus dem Mittelalter. Das Stift besitzt auch eine Gemäldesammlung an, zu den bedeutendsten Werken zählt das Bild „Madonna auf Rosenbank“ aus dem 15. Jahrhundert. Herausragend ist auch eine Perlenkasel aus dem Mittelalter, das wichtigste Messkleid des Klosters: Der darauf gestickte Christus am Kreuz besteht aus Mühlviertler Flussperlen. Von Bedeutung sind u. a. auch ein Elfenbeinkreuz aus dem 17. Jahrhundert und eine Pieta von Worath.

Neben all den Aufgaben soll auch jeder Ordensmann Zeit für sich selber haben. Einer der Mitbrüder habe in den 50er-Jahren eine Briefmarkensammlung begonnen. Abt Felhofer ist ein großer Fußballfan und er trinkt fast jeden Tag von dem Bier, das seit 1580 in Schlägl gebraut wird, zum Abendessen und am liebsten „Urquell, aber auch alle anderen Sorten sind gut“. Mit berechtigtem Stolz blickt er auf das, was er und seine Mitbrüder hier geleistet haben: „Renoviert können wir das Stift in neue Hände legen.“

Zur Eröffnung des Jubiläumsjahres wird am Sonntag, 30. September, 10 Uhr, ein Festgottesdienst im Stift Schlägl gefeiert. Am Nachmittag (15.30 Uhr) findet ein Konzert statt, um 17 Uhr eine Pontifikalvesper mit dem neuen Generalabt.
Am 7. Oktober lädt das Stift alle Stiftspfarren zur Wallfahrt und zum „Tag der offenen Tür“.
Führungen im Stift gegen Anmeldung wochentags um 10.30 und 14 Uhr, sonntags 11 und 14 Uhr

www.stift-schlaegl.at