Ana Marwans „Wechselkröte“ gefiel der Bachmann-Preis-Jury

Ana Marwan darf sich in Klagenfurt Preishoffnungen machen © APA/GERT EGGENBERGER

Mit ihrem Text „Wechselkröte“ hat die 1980 im slowenischen Murska Sobota geborene und heute im niederösterreichischen Wolfsthal lebende Autorin Ana Marwan am Freitagfrüh den zweiten Lesetag bei den 46. Tagen der deutschsprachigen Literatur eröffnet – und die Jury damit weitgehend für sich eingenommen. Marwan dürfte am Sonntag bei der Preisvergabe wohl nicht leer ausgehen.

Der in Marwans Text titelgebende Froschlurch, übrigens „Lurch des Jahres 2022“, wie Juror Michael Wiederstein anmerkte, hat sich in einem verschmutzten Pool angesiedelt und wird von der Erzählerin geborgen und im Wald ausgesetzt. Der vielschichtige Text ist voller Überraschungen – auch für die mit Briefträger, Gärtner und „Poolmann“ verhandelnde Erzählerin, die schwanger wird, obwohl sie die Pille nimmt. Sie stellt sich ihr Kind vor – in den verschiedensten Lebensaltern, bis hin zu 60 und einem unwilligen Besuch bei ihr im Altersheim, „und ich denke mir: Dafür habe ich dich bekommen?“

„Ich fand den Text extrem interessant“, meinte Mara Delius, die „ein sehr feinsinnig aufgebautes, großartiges Porträt einer Eremitin“ in dem Text entdeckte, den Vea Kaiser ebenfalls „sehr gelungen“ fand. Sie lobte die Dekonstruktion zweier Mythen: Haus am Land und Frau mit Kind. „Großartige Sätze“, aber auch ein Zerfallen des Textes in zwei Teile, ortete Philipp Tingler, große Durchdachtheit und starke Sogwirkung lobte Insa Wilke, die sich sehr beeindruckt zeigte. „Sprachlich sehr reif und gut gearbeitet“, befand Brigitte Schwens-Harrant, eine „ganz gelungene Komposition“ sah Michael Wiederstein. „Ein Gänsehauttext!“, fand Klaus Kastberger, der die Spannung zwischen Idylle und Horror lobte, die sich durch den (von ihm eingeladenen) Text ziehe.

Einen harten Text mit dem Titel „Vae Victis“ (lat. „Wehe den Besiegten“) las Behzad Karim-Khani, der 1977 in Teheran geboren wurde und seit 1986 in Deutschland lebt. Der Betreiber der Lugosi-Bar in Berlin-Kreuzberg, der von Philipp Tingler eingeladen wurde, schildert darin die Einlieferung des jungen Saam ins Gefängnis. Schon beim Transport entschließt er sich, von Anfang an sein Schicksal dabei selbst in die Hand zu nehmen, und schlägt einen deutlich schwereren Mithäftling brutal zusammen. Eine noch längere Strafe und Einzelhaft ist die Folge, aber auch eine höhere Überlebenschance in dieser Umgebung. Ob er dabei auch seinen Verstand behalten kann, bleibt fraglich. Der Text ist ein Auszug aus dem Debütroman „Hund, Wolf, Schakal“, der bereits im August bei Hanser Berlin erscheint.

Einen Genretext, der gleichzeitig aber auch seine Begrenzungen erkennen lasse, ortete Juryvorsitzende Insa Wilke. Unmotiviert zusammen komponiert fand Wiederstein Stellen eines offenbar größeren Textes, der durch Eingriffe eines Lektors „doppelt so gut“ werden würde. „Große Probleme mit den Perspektivwechseln“ hatte auch Vea Kaiser, die gleichzeitig die beschreibenden Elemente lobte. Ein „faszinierendes Gewebe aus unglaublicher Härte und großer Feinheit“ nahm Tingler in dem Text wahr, der sprachlich unglaublich virtuos gearbeitet sei: „Das ist das, was ich von Literatur erwarte.“ Kastberger konnte „durchaus nachvollziehen, dass man den Text gut findet“, hatte aber ein „Problem mit der Credibility des Textes“, der nur angemaßt wirke: „Zuviel Testosteron!“

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Ein „Porträt des Verschwindens“ las der 1971 in Bagdad geborene und heute in Frauenfeld in der Schweiz lebende Autor und Übersetzer Usama Al Shahmani, der von Michael Wiederstein nominiert worden war. Schon im August erscheint sein neuer Roman „Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt“. Wie schon am ersten Tag bei Eva Sichelschmidt spielt auch hier die Großmutter der Erzählers eine wichtige Rolle. Sie ist Analphabetin und lässt sich auch von ihrer Freundin, der Apothekerin Aschuak, die arabischen Buchstaben nicht beibringen, obwohl sie ihr extra verzierte Buchstaben aus Holz anfertigen ließ. Als das erste Gedicht ihres Enkels in der Zeitung veröffentlicht wird, fährt sie sanft mit dem Zeigefinger über die gedruckte Namenszeile: „Ich möchte deinen Namen spüren, sagte Großmutter.“

„Ich könnte diesem Autor noch viel länger zuhören“, lobte Juror Kastberger etwa die unterschiedlichen Vermittlungsformen von Geschichte und Erinnerung in den Figuren von Enkel und Großmutter, sowie den immer wieder durchschimmernden Witz und Humor. „Sehr schön erzählt“, fand das Schwens-Harrant, während Tingler eine volle Breitseite abschoss: Der Text strotze vor Konventionalität. „Dieser Test ist so konventionell, als hätte ein Algorithmus ihn geschrieben.“ Betulich und konventionell fanden den Text Mara Delius und Vea Kaiser, „ruhig und einfach“ nannte es hingegen Wiederstein – und damit geradezu revolutionär für die von Pathos geprägte Literaturtradition von Iran und Irak. Ambivalent zeigte sich Insa Wilke bei ihrer Beurteilung.

Die nachmittägliche Leserunde eröffnete die in Wien lebende Burgenländerin Barbara Zeman, auf Einladung von Brigitte Schwens-Harrant beim Wettlesen mit dabei, mit ihrem Text „Sand“. Es geht um eine Reise nach Chioggia, in die Lagune von Venedig, die von der Erzählerin mit ihrem männlichen Begleiter, dem Künstler Josef, unternommen wird. Im Gepäck befindet sich u.a. Lydia Tschukowskajas Roman „Untertauchen“ über das Verschwinden von Menschen während der Stalin-Zeit, aus dem immer wieder zitiert wird. Bei den Spaziergängen am Strand, bei einem Ausflug nach Venedig, begegnen ihnen kaum Menschen. Es ist außerhalb der Saison.

Vea Kaiser lobte „die große Qualität des Vortrags“, mit dem die „durchrhythmisierte Prosa“ zur Wirkung komme. Bewundernswert fand Mara Delius, wie sehr es Zeman gelinge, Stimmung zu erzeugen. Diese Art von empfindsamen, hermetischen Texten sorge dafür, dass keine Tür aufgemacht, sondern in einen Spiegel geschaut werde, meinte Tingler, der das „ein bisschen nervtötend“ fand. „Für meine Begriffe fährt ein bisschen zu viel mit auf dieser Reise“, merkte Kastberger an, der den Text überladen fand und die dramaturgische Spannung vermisste. Einen „melancholischen Text“ ortete Wiederstein, der Text sei überfrachtet und unterspült – was seltsamer Weise aufgehe. Das Unheimliche und das Kunstvolle des Textes hob Schwens-Harrant hervor, die vielen Ebenen gefielen auch Insa Wilke. Verwundert darüber, dass „ein so lyrischer, stiller Text für so viel Krawall sorgen“ könne, zeigte sich am Ende Moderator Christian Ankowitsch.

Die Deutsche Mara Genschel beschloss mit ihrem raffinierten, bewusst mit amerikanischem Zungenschlag gelesenen Text, der den, auf den Film von Alfred Hitchcock anspielenden, durchgestrichenen Titel „Das Fenster zum Hof“ trägt, den zweiten Lesetag. Die 1982 in Bonn geborene und heute in Berlin lebende Autorin und Performerin las auf Einladung von Insa Wilke – und der Text, ein ironischer Werkstattbericht eines Autors, der aus den USA nach Berlin eingeflogen wurde, um an einem „Tatort“-Plot zu arbeiten, weil das „die Deutschen einfach nicht hinbekommen“, bekommt mehrfach einen anderen Titel – etwa „Das ‚andere‘ Fenster“, denn vis-a-vis des Arbeitszimmers arbeitet die Lyrikerin Martha Gescheul unter Beobachtung des in Cowboystiefeln an eigenen Plot arbeitenden Autors, der beschließt, er müsse unbedingt in die gegenüberliegende Wohnung eindringen, um seinem Drehbuch den nötigen Twist zu verliehen.

„Eine großartige, gelungene Performance“, fand Vea Kaiser. „Spannend und überraschend“, fand Kastberger, dass der Text im Vortrag „zu einer unmittelbaren Wirkung“ kam. Für Mara Delius lenkte die Performance dagegen eher vom Text ab, auch Schwens-Harrant zeigte sich nicht davon überzeugt. Die Jury war teilweise nicht begeistert, durch die Diskussion über das Performative des Vortrags Teil seiner Inszenierung zu werden. Die Autorin griff daraufhin – als Erste dieses Jahrgangs – selbst in die Diskussion ein und betonte Richtung Philipp Tingler, es sei ein Style und keine Performance, was sie geboten habe: „Ich hab hier nichts anderes gemacht als gelesen und mich schick gemacht.“ Da verging der Jury ganz schnell die Lust. „Du kannst einen Text nicht logisch besprechen, wenn in ihm ein Pferd einfach zu einem Auto wird“, meinte Wiederstein.

Morgen, Samstag, lesen Leona Stahlmann (10 Uhr), Clemens Bruno Gatzmaga (11 Uhr), Juan S. Guse (12.30 Uhr) und zum Abschluss der junge Österreicher Elias Hirschl (13.30 Uhr). Heuer muss danach die Jury mittels geheimer Punktevergabe über die Preisträger entscheiden, die am Sonntagmittag bekannt gegeben werden.

bachmannpreis.orf.at

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