Anarchischer Witz: „Karoline und Kasimir“ im Volkstheater

Sie haben uns gewarnt. Ödön von Horváths Volksstück „Kasimir und Karoline“ sei nur ein Vorwand, um Publikum anzulocken, „a starting point, a jumping-off“ für ein ganz offenes Projekt, plaudern die zwei Schauspieler (Elias Eilinghoff und Bence Mezei) vor dem auf der Bühne verdoppelten Theaterportal aus der Schule. „It could be a big failure – and probably will be. But big!“ Groß wurde „Karoline und Kasimir – Noli me tangere“ im Volkstheater Wien tatsächlich: ein großer Erfolg.

Das Nature Theater of Oklahoma (Kelly Copper und Pavol Liška) ist die Anarchistentruppe des Theaterbetriebes. Mit Begeisterung gehen sie aufs Ganze. Ob es ein Elfriede-Jelinek-Roman als verfilmtes Festivalprojekt mit Laien an Originalschauplätzen ist („Die Kinder der Toten“ für den steirischer herbst 2017) oder eine vierstündige Mischung aus Countrymusical und Gespensterballett („Burt Turrido. An Opera“ bei den Wiener Festwochen 2021) – stets ist das US-Duo Garant für Experiment und Irritation. Auch bei ihrem Debüt am Volkstheater durfte man sich daher nicht einfach bloß eine weitere Horváth-Inszenierung erwarten.

Obwohl: Auch das könn(t)en sie. In einer aberwitzigen Kurzversion präsentieren sie – mit dem ungarischen Tänzer und Performer Bence Mezei als Vorleser – einen Teil des Plots des auf dem Oktoberfest spielenden Stücks in einer Art kommentierter Stummfilmversion mit einem fünfköpfigen Ensemble ganz buchstäblich in Heavy Rotation: Nicht nur werden für die dauernden Rollenwechsel permanent die Accessoires ausgetauscht (Elias Eilinghoff und Lavinia sind das Titelpaar, Samouil Stoyanov und Julia Franz Richter der Merkl Franz und seine Erna, Frank Genser der Zuschneider Schürzinger), auch die Auf- und Abgänge sind als ständige Drehbewegungen choreografiert. Alles ist künstlich hier. Und macht trotzdem Spaß. Oder gerade deswegen.

„Karoline und Kasimir – Noli me tangere“ heißt der inklusive Pause knapp dreistündige Abend, der am Freitag Premiere hatte. „Out 1: Noli me tangere“ hieß ein 1970 von Jacques Rivette in Starbesetzung (Jean-Pierre Léaud, Bulle Ogier, Eric Rohmer etc.) gedrehtes dreizehnstündiges Filmepos, in dem zwei Theatertruppen die beiden Aischylos-Stücke „Sieben gegen Theben“ und „Der gefesselte Prometheus“ proben und sich dabei total verzetteln. Auch im Volkstheater wird am Anfang massig Hintergrund- und Recherchematerial angekündigt, und tatsächlich biegt das Geschehen schon bald in Richtung der Biografie des Dichters ab, von dem – ähnlich wie bei Ingeborg Bachmann – eine breite Öffentlichkeit zumindest die Umstände seines Todes kennt: Er wurde am 1. Juni 1938 bei einem Gewitter auf den Champs-élysées von einem Ast erschlagen.

Also widmet man sich auf der Bühne Horváths angeblicher Todesahnung und seiner Angst vor Gewittern („Ich hätte Meteorologe, nicht Schriftsteller werden sollen“), lässt ihn in seinem Pariser Hotel einer Spiegelfigur begegnen (Stoyanov und Genser machen das ganz großartig) und mit seinem Beruf hadern („Schriftsteller: blödeste Säugetierspezies in der Geschichte des Universums. Aussterben vorprogrammiert.“). Horváth hat immer wieder Ideen für seinen nächsten Roman „Adieu, Europa!“, aber nie einen Stift zur Hand, um seine Einfälle aufzuschreiben. Horváth geht ins Kino und sieht dort den neuen Disney-Streifen „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Und nun beginnt dieser Theaterabend endgültig abzuheben und sich in lichte Höhen der Unterhaltung zu schwingen.

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Denn jetzt folgt ein Höhepunkt auf den anderen: „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, auf Rollschuhen nachgespielt; eine furiose, mehrminütige und zurecht mit Szenenapplaus gefeierte Tanzeinlage des Ensembles, das keuchend und schwitzend nahezu bruchlos in ein Pariser Straßencafé wechselt, wo Horváth den Regisseur Robert Siodmak trifft, um mit ihm über die Verfilmung seines Romans „Jugend ohne Gott“ zu sprechen. Das große Wort am Tisch führt aber Siodmaks Assistentin (Julia Franz Richter), die zu furiosen Monologen über die anziehende Verkommenheit und Provinzialität von Wien oder über das Antifeministische in „Schneewittchen“ anhebt, während an den Kaffeehaustischen rundherum lauter eigentlich störende Miniszenen inszeniert werden.

Wer so effektsicher ist, lässt sich den tragischen Dichtertod nicht entgehen. Das Gewitter zieht auf. Der Blitz schlägt ein und lähmt den Dichter, der mit anderen unter einer Kastanie Schutz gesucht hat. Als ein mächtiger Ast einer vom Blitz getroffenen Ulme herabstürzt, ist er nicht in der Lage, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Er hat das Unglück kommen gesehen, war aber unfähig zum Handeln. Eine vielfach treffende Schlussmetapher. Das Volkstheater dagegen ist nun endlich in Schwung gekommen. Prächtige Premierenstimmung und langer, begeisterter Schlussapplaus.

(S E R V I C E – „Karoline und Kasimir – Noli me tangere“, Uraufführung nach Ödön von Horváth, Ein Stück von Nature Theater of Oklahoma, Deutsch von Ulrich Blumenbach, Regie: Pavol Liška und Kelly Copper, Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Kostüme: Mona Ulrich, Dance Captain: Bence Mezei. Mit Elias Eilinghoff, Frank Genser, Bence Mezei, Lavinia Nowak, Julia Franz Richter, Samouil Stoyanov, Jürgen M. Weisert. Volkstheater Wien. Nächste Vorstellungen am 1., 3. und 23. März. Karten: 01 / 52 111-400, )

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