Anderes Geschmackserlebnis

Warum essen manche Menschen mehr als andere? Einer Studie aus den USA zufolge könnte es mit dem Body-Mass-Index zusammenhängen, dass Essen übergewichtigen Menschen länger und besser schmeckt als Normalgewichtigen. Besonders adipöse Menschen haben eine andere Geschmackswahrnehmung.

Erwachsene mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 25 werden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als übergewichtig eingestuft, bei einem BMI über 30 spricht man von Adipositas (Fettleibigkeit).

Rund 15 Prozent der Österreicher sind adipös, Tendenz steigend. Deshalb hat die WHO Adipositas zum größten weltweiten chronischen Gesundheitsproblem Erwachsener erklärt.

Das erste Stück schmeckt am besten

Von den 290 Probanden der US-Studie war eine Hälfte normalgewichtig, jeweils ein Viertel übergewichtig oder fettleibig. Sie durften so viel Schokolade essen, wie sie wollten, und bewerteten dabei das Geschmackserlebnis und ihr Sättigungsgefühl. Maria Leibetseder, Klinische Psychologin am Klinikum Rohrbach, erklärt die hirnphysiologischen Zusammenhänge: „Je mehr man von ein- und demselben Lebensmittel konsumiert, desto weniger Verlangen danach verspürt man. Würde man z. B. immer Reis essen, langweilen sich mit der Zeit die Geschmackssensoren und das Gefühl, genug zu haben, stellt sich ein. Man spricht von der wahrnehmungsspezifischen Sättigung.“

Die Studie zeigt, dass bei Adipösen das Gefühl der Sättigung viel später eintritt als bei Normalgewichtigen. Sie bewerteten die Schokolade als besser schmeckend und ihr Verlangen danach nahm langsamer ab. Ein weiterer Aspekt: Je mehr Energie die Nahrung hat (z. B. Burger, Schokolade), umso weniger wird das Sättigungsgefühl aktiviert, und die Personen konsumieren mehr.

Außerdem steigt der Appetit bei einem Wechsel auf ein anderes Nahrungsmittel oder auf einen neuen Geschmack wieder an. Dies ist auch der Grund dafür, dass bei einem Buffet mit reichlicher Auswahl die Nahrungszufuhr deutlich zunimmt.

Die Erkenntnisse können für die Entwicklung effektiverer Therapien gegen Adipositas hilfreich sein, insbesondere bei Esssucht, an der fünf Prozent der Adipositas-Erkrankten leiden. So könnte durch die wiederholte Aufnahme ähnlicher Mahlzeiten die Gesamtessensmenge verringert und zum Zweck der Gewichtsabnahme genutzt werden. Doch nicht nur eine falsche Wahrnehmung kann zu Übergewicht führen.

Unser Sättigungsgefühl wird auch maßgeblich vom Magen bestimmt: Er meldet sich, wenn er voll ist. Wer nicht achtsam und in Ruhe isst, ignoriert dieses Signal oft. Internistin Renate Hagenauer vom Klinikum Rohrbach betont: „Besonders wenn wir vor dem Fernseher, am Computer oder beim Zeitunglesen essen, sind wir abgelenkt und beachten das sich einstellende Sättigungsgefühl nicht.

Dann essen wir nicht nur größere Mengen, sondern vergessen auch, wann und wie viel wir gegessen haben.“ Sie plädiert dafür, die Aufmerksamkeit auf jeden einzelnen Bissen zu richten. So prägen wir uns im „Essens- gedächtnis“ auch deutlicher ein, was und welche Mengen wir zuletzt gegessen haben, was wiederum wichtig für eine ausgewogene Energieaufnahme ist. Der Speiseplan sollte möglichst abwechslungsreich sein. Dadurch erhält der Körper auch die notwendigen Vitamine und Mineralstoffe sowie eine ausgewogene Mischung aus Kohlenhydraten, Eiweiß und Fett.

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