Anders als die anderen Kinder

Eines von 100 Kindern ist in seinem Sozialverhalten völlig anders. Es vermeidet den Blickkontakt, zeigt nicht auf Objekte, um sein Interesse daran mit anderen zu teilen und spielt am liebsten alleine – auf eine eigenwillige Art. Alles Anzeichen für eine Autismusspektrumsstörung. Mit dem Early Start Denver Modell werden im Autismuskompetenzzentrum der Barmherzigen Brüder in Linz große Fortschritte erzielt.

Privatdozent Daniel Holzinger bei einer bei einer Beobachtung des Kommunikationsverhaltens. © AKZ BB Linz

Text: Michaela Ecklbauer

„Bis zum zweiten Lebensjahr hat sich Efe normal entwickelt, dann fiel uns auf, dass er nicht zu sprechen begann, auch das Essen war eine große Herausforderung“, erzählt seine Mutter Ayse Seven. Immer, wenn sich der Kleine etwas nicht vorstellen konnte, hat er einen Wutanfall bekommen. „Ich konnte mit ihm nicht Einkaufen gehen, geschlossene Räume waren undenkbar und Menschenansammlungen sowieso. Wenn gesungen wurde, hat sich Efe die Ohren zugehalten oder laut geschrien. Mir blieb nichts anderes übrig, als derartige Situationen zu vermeiden, weil ich sie weder dem Kind, noch den anderen Menschen und auch nicht mir antun wollte“, schildert Ayse die vielen Alltagsdramen Einen Tag vor Efes drittem Geburtstag wurde im Autismuskompetenzzentrum die Diagnose „Autismusspektrumsstörung (ASS) bei guter kognitiver Fähigkeit diagnostiziert“. Ein Jahr lang konnte Efe als eines von rund 20 Kindern pro Jahr an der intensiven Förderung nach dem Early Start Denver Modell (ESDM) teilnehmen. „Dabei wird mit dem Kind dreimal pro Woche intensiv gearbeitet – je eineinhalb Stunden zu Hause, im Kindergarten und im Zentrum. Gemeinsam mit den Eltern werden Therapieziele festgelegt und konsequent an der Umsetzung gearbeitet“, erläutert Priv.-Doz. Daniel Holzinger, Leiter des Zentrums für Kommunikation und Sprache: „Eines der Anzeichen ist das fehlende Mitteilen von Gefühlen über Mimik und Blickkontakt, wenn wir in einer Testsituation z. B. einen Frosch oder Hasen plötzlich auftauchen lassen. Selbst ein einjähriges typisch entwickeltes Kind reagiert überrascht, erfreut oder ängstlich auf die Situation und sucht den Blickkontakt zur Mutter oder zum Therapeuten, letzteres fehlt bei Kindern mit ASS.“

Efe konnte sich anfangs nicht zwischen zwei Spielzeugen entscheiden. Der damals Dreijährige hat aber in einem halben Jahr nicht nur gelernt, auf eines zu zeigen, sondern auch seine Sprache entwickelt. Als die Therapeuten feststellten, dass er keine zwei gleichen Bilder zusammenlegen konnte und herausfanden, dass er Dinosaurier liebt, bastelten sie Spielmaterial. Konnte es in den ersten Therapiestunden passieren, dass Efe eine halbe Stunde nicht aus seinem Kinderwagen stieg, war dies bald überwunden.

Enorme Fortschritte durch intensive Therapie

Efe hat durch die intensive Therapie und danach noch ein weiteres Jahr durch eine Gruppentherapie, enorme Fortschritte gemacht. Im September kam der mittlerweile Siebenjährige nun in die zweite Klasse Volksschule. Das erste Jahr hat er sogar als Zweitbester in seiner Klasse absolviert, ist seine Mutter stolz. „Efe hat eine Integrationsklasse besucht und kam überall gut mit. Er ist zwar ein bisschen langsam, aber er kann lesen und schreiben, vorausgesetzt er will. Manchmal ist er unterfordert. Wir üben mit ihm auch mit der Stoppuhr.“ Heute spielt der Siebenjährige gerne mit seiner Schwester Defne (6) oder Freunden, aber es braucht immer einen gewissen Anstoß, alleine weiß er sich nicht so viel anzufangen. Die Hitze mag er gar nicht und beim Essen ist Efe extrem skeptisch. „Zuerst muss die Farbe stimmen, dann der Geruch und die Konsistenz, erst dann probiert er neue Speisen aus. Wenn ihm aber etwas schmeckt, dann will er immer einen Nachschlag“, schildert seine Mama. Auch im Hort kommt der Bub gut zurecht, nur wenn etwas zu lange dauert, etwa beim Einkaufen oder anderen Aktivitäten, dann verliert er rascher als andere Kinder das Interesse.

Im Zuge der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen sollte das ungewöhnliche Verhalten auffallen, manchmal wird es erst in der Schule bemerkt. Oft sind die Kinder durch ihr Anderssein, wie ein Besserwissertum, von Mobbing betroffen. Vor allem Menschen mit Asperger-Syndrom können ein beachtliches Erinnerungsvermögen, logisches Denken und den Blick für Details haben. Ihr Interesse ist aber meist auf wenige Spezialaufgaben beschränkt, der Umgang mit Gleichaltrigen wird zum Problem. Es kommt auch vor, dass Asperger-Autismus erst im Erwachsenenalter diagnostiziert wird. „Die Betroffenen können in einem bestimmten Bereich hochbegabt sein, haben aber dennoch gravierende Probleme im Umgang mit anderen. Meist sind sie erleichtert, durch die Diagnose endlich den Grund zu erfahren, warum sie ständig wo anecken“, sagt Holzinger. Ihr Verhalten ist großteils genetisch bedingt, Regeln des Sozialverhaltens oder scheinbar selbstverständliche Fertigkeiten wie Smalk-Talk lassen sich aber durch Training aneignen.

Frühzeitige Therapie kann viel bewirken

Je früher die Diagnose gestellt und mit dem Kind gearbeitet wird, desto besser sind die Ergebnisse, zeigt die Erfahrung mit ESDM. „Wir arbeiten daher mit Kindern, die bei der Aufnahme ins Programm maximal drei bis dreieinhalb Jahre alt sind. Aufgrund der begrenzten Ressourcen gibt es leider auch eine Wartezeit“, schildert Holzinger: „Aber es gibt für alle Eltern bald nach der Diagnosestellung ein Angebot, im Elterntraining viel Wissenswertes im Umgang mit ihren Kindern zu erfahren. Dabei ist auch der Erfahrungsaustausch unter den Eltern extrem wichtig.“

Beim ESDM-Intensiv-Training wird zunächst abgeklärt, wo das Kind steht. Dann setzen sich Therapeuten und Eltern gemeinsam viele kleine Ziele, die erreicht werden sollen. Als Beispiel schildert Doz. Holzinger: „Wenn ein Kind etwas haben will, zeigt es für gewöhnlich mit der Hand darauf, nimmt Blickkontakt mit der Bezugsperson auf und spricht auch dazu. Ein autistisches Kind muss dieses Verhalten Schritt für Schritt lernen und oft in den unterschiedlichsten Alltagssituationen üben, damit es dann richtig sitzt. Es muss lernen, dass es, wenn es eine Aktion setzt, dadurch eine Reaktion auslöst. Belohnt wird es, wenn das Verhalten klappt, durch ein Lob verbunden mit stärkerer Körpersprache.“ Für Eltern haben die Experten, jede Menge Tipps parat, z. B. in ein Glas nur einen Schluck Getränk füllen, so dass das Kind immer wieder mitteilen muss, wenn es den nächsten Schluck will. „Das Kind kann lernen, Spaß an der Kommunikation mit anderen zu haben. Wichtig ist auch, dass das Erlernte mit unterschiedlichen Bezugspersonen funktioniert“, sagt Holzinger.

Tipps für Eltern

Die wichtigsten Hinweise, dass im Alter von eineinhalb bis zwei Jahren eventuell eine Autismusspektrumsstörung vorliegt:

  • das Kind reagiert nicht (oder selten), wenn es mit seinem Namen gerufen wird
  • fehlender oder stark eingeschränkter Blickkontakt
  • das Kind zeigt nicht mit dem Zeigefinger auf einen Gegenstand, den es haben möchte, oder um ein Gegenüber auf diesen hinzuweisen
  • kein Herzeigen von Gegenständen
  • ausbleibende Sprachentwicklung oder der Verlust von Wörtern
  • eingeschränkte Interessen und oft stereotype Tätigkeiten z. B. ständiges Drehen der Räder eines Spielzeugautos.
  • Bei Kindern im Kindergartenalter ist es das Sozialverhalten mit Gleichaltrigen, das am meisten auffällt, zum Beispiel häufiges Alleinspiel und wenig spontane oder ungeeignete Kontaktaufnahme mit anderen.