„Angenehm, das Korsett auch einmal abzulegen“

Startenor Piotr Beczala bringt Mitte Mai neues Album „Vincero!“ auf den Markt: „Eine schwere Geburt"

War von 1992 bis 1997 am Linzer Landestheater engagiert: Piotr Beczala.
War von 1992 bis 1997 am Linzer Landestheater engagiert: Piotr Beczala. © Johannes Ifkovits

Startenor Piotr Beczala ist wie viele Berufskollegen von den aktuellen Coronasperren getroffen. Mitten in der Ausnahmezeit bringt der 53-Jährige nun mit „Vincero!“ ein neues Album auf den Markt.

Beczala im Interview über das Schlampen bei Puccini, das Brüllen mancher im Verismo und den positiven Aspekt daran, dass ältere Sänger nun in die Schule stürmen könnten.

MARTIN FICHTER-WÖSS: „Vincero!“ erscheint am 15. Mai, also immer noch inmitten der Coronakrise. War eine Verschiebung nie Thema?

PIOTR BECZALA: Heutzutage läuft ohnedies vieles über die Streamingdienste. Und die Menschen sind ja jetzt großteils daheim und haben so viel Zeit, Musik zu hören, wie sonst selten. Außerdem war das Album eine schwere Geburt. Eigentlich wollte ich es schon im Sommer 2018 aufnehmen — als dann der Anruf mit dem Angebot kam, den „Lohengrin“ in Bayreuth zu machen. Deshalb bin ich erst vergangenen Herbst dazugekommen und bin jetzt einfach froh, dass die Aufnahme im Kasten ist.

Mit den Partien auf „Vincero!“ sind Sie natürlich in nächster Zeit nicht auf einer Bühne zu erleben …

Es ist schade, dass ich die Platte mit keiner Opernproduktion verknüpfen kann. Eine Verismo-Produktion ist in absehbarer Zeit nicht geplant. Aber ich baue das Programm des Albums natürlich bei meinen Konzerten ein.

Der Verismo ist für Sie eher Neuland. Läuten Sie einen Fachwechsel ein oder erweitern Sie einfach Ihr Spektrum?

Ich sehe das als Erweiterung. Für mich besteht kein Grund, auf „Faust“ oder „Werther“ zu verzichten, nur weil ich jetzt „Adriana Lecouvreur“ oder „Tosca“ singe. Vom Stimmgewicht ist das nicht weit auseinander. Auch ist bei „Werther“ viel Horizontales im Musikaufbau zu spüren, weil er letztlich sehr veristisch geschrieben ist.

Zugleich merkt man Ihrer Interpretation auch an, dass Sie stilistisch eher die Verschmelzung und die Kontinuitäten suchen …

Die Verbindung der Stile ist realiter gegeben. Die Werke wurden ja alle Ende des 19. Jahrhunderts komponiert. Das darf man nicht ausblenden. Natürlich hat der alte Verdi als Grandseigneur in seinem Bereich den nachwachsenden Verismo als die Sprache der jüngeren Generation abgelehnt. Und doch empfinde ich etwa auch bei der „Aida“ gewisse Phrasierungen als veristisch, bei aller Strenge. Dennoch ist klar, dass einem Verdi wenige Möglichkeiten gibt, bei der Interpretation zu schlampen. Bei Puccini ist das anders.

Sie sind ein Sänger, der bekannt ist für elegante, beinahe mit Understatement auftretende Interpretationen. War es für Sie reizvoll, einmal die veristische Dramaqueen zu geben?

Ich stehe seit 28 Jahren auf der Bühne und habe schon viel Mozart mit eng geschnürten Schuhen gesungen. Da ist es angenehm, dieses Korsett auch einmal abzulegen — aber gelernt ist gelernt. Ich versuche, den Verismo in meiner Art zu interpretieren. Diese Musik wurde in einer Zeit komponiert, in der das heute mit Verismo assoziierte Gebrülle gar nicht existierte! Ein Caruso hat diese Arien noch sehr lyrisch gesungen. Dass sich Leute heute teils auf das Spingere, den Druck, spezialisiert haben, hat oft damit zu tun, dass sie nichts anderes können. Man braucht eine großartige Technik, um Verismo zu singen. Man kann sich aber auch mit einer Naturstimme und ohne Ausbildung durchschummeln. Die sich auskennen, merken das sofort, aber es ist eine große Gefahr bei diesem Repertoire, der Stimme schnell Schaden zuzufügen.

Bei Beherrschung der Technik sind diese Arien aber durchaus gut für die Stimmhygiene?

Es tut gut, einmal auf diese basalen Instinkte der Stimme zurückzugreifen. Eine sehr robuste, nicht-künstliche Tongebung ist gesund. Ich gehe davon aus, dass es in meinem Falle klappt. (lacht) Ich greife da auf meine Erfahrung mit den lyrischen Partien zurück.

Nicht nur Ihnen als Sänger, auch dem veristischen Orchester wird der Ganzkörpereinsatz abverlangt. Besteht da nicht die Gefahr, sich gegenseitig hochzuschaukeln?

Es besteht immer die Gefahr, dass man mit dem Orchester kämpft. Die Balance muss hier der Dirigent herstellen. Aber laute Musik gibt es überall. Zugleich ist das auch der Lakmustest. Bei der „Tosca“ muss man als Cavaradossi während der Folterszene hinter der Bühne schreien. Hat man dabei technische Probleme, dann ist das der untrügliche Beweis, dass man im falschen Fach singt. An der New Yorker Met gab es zuletzt einen Schreiassistenten, der die Schreie gemacht hat …

Sie sind wie die meisten Künstler von den Coronasperren direkt betroffen. Sehen Sie bei aller Mühsal der aktuellen Lage die Zukunft Ihrer Branche dennoch optimistisch?

Ich bin etwas skeptisch, wie viele von uns Sängern wieder zu ihrer alten Form finden werden. Wie viele werden die Zeit finden, in der Quarantäne zu üben? Vielleicht werden einige Kollegen, deren Karriereende absehbar ist, sich entscheiden, den Hut drauf zu hauen. Vielleicht strömen sie in Scharen in den Bildungsbereich und verdrängen da die Professoren, die nichts anderes machen, als dort die Sessel warm zu halten. Es gibt in keinem Land eine gute Gesangsschule. Das liegt v. a. daran, dass da manche Leute unterrichten, die wenig können und selber kaum gesungen haben. Wenn hier Sänger hinkämen, die jahrzehntelange Erfahrung auf der Bühne haben, sähe das anders aus. Die hätten bessere Voraussetzung als Gesangslehrer, die nur ihre Komplexe weitergeben, aber ihre Netzwerke haben. Das könnte sich immerhin positiv auf die Zukunft der Oper auswirken.

Mit Startenor PIOTR BECZALA sprach Martin Fichter-Wöß

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