Ukraine warnt vor russischer Offensive im Osten

Nach dem Russland zugeschriebenen Raketenangriff auf einen Bahnhof im Osten der Ukraine mit Dutzenden Toten untermauern die Behörden ihre Warnung vor einem größer angelegten russischen Angriff in der Region. Unweit der umkämpften ostukrainischen Stadt Rubischne wurde offenbar ein Lager mit Salpetersäure durch Beschuss beschädigt. „Wenn Sie in einem Gebäude sind, schließen Sie Türen und Fenster!“, warnte der Gouverneur des Gebiets Luhansk, Serhij Hajdaj, am Samstag.

Menschen in Bombenschutzkellern sollten diese nicht verlassen. Gleichzeitig veröffentlichte er ein Video mit einer dicken rötlichen Wolke, die von Salpetersäure stammen soll. Hajdaj sprach von russischem Beschuss. Die prorussischen Separatisten von Luhansk machten dagegen ukrainische Kräfte für den Chemieunfall verantwortlich. Die Berichte waren nicht unabhängig überprüfbar. Salpetersäure kann unter anderem gesundheitsschädigende Dämpfe freisetzen.

Im benachbarten Lyssytschansk forderte der Chef der militärischen Stadtverwaltung die verbliebenen Bürger zu Flucht auf. „Leider lässt der Beschuss nicht nach“, sagte Olexander Sajika in einer Videobotschaft. Es sei überall gefährlich. Das Gebiet Luhansk werde jedoch nicht aufgegeben. Auch Hajdaj forderte in einer TV-Ansprache am Samstag die Zivilbevölkerung erneut dazu auf, die Region zu verlassen. „Sie ziehen Truppen zusammen für eine Offensive und der Beschuss hat in den vergangenen Tagen zugenommen“, sagte der Gouverneur von Luhansk. Noch immer hielten sich etwa 30 Prozent der Bewohner in Städten und Dörfern in Luhansk auf, obwohl bereits zur Evakuierung aufgerufen worden sei.

Präsident Wolodymyr Selenskyj verurteilte den Angriff auf den Bahnhof von Kramatorsk in der an Luhansk grenzenden Region Donezk als ein weiteres Kriegsverbrechen. In einer Videobotschaft rief er zu einer weltweiten Reaktion auf. Der Bahnhof wurde nach Angaben des Regionalgouverneurs Pawlo Kyrylenko von einer ballistischen Kurzstreckenrakete vom Typ Totschka-U getroffen. Diese habe Streumunition enthalten. Streumunition, auch Clustermunition genannt, wird nicht zielgerichtet eingesetzt.

Importe russischer Energie müssten gestoppt und alle russischen Banken vom weltweiten Finanzsystem abgeschnitten werden. „Jede Verzögerung bei der Lieferung von Waffen an die Ukraine, jede Ablehnung können nur bedeuten, dass die betreffenden Politiker der russischen Führung mehr helfen wollen als uns.“

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In zahlreichen Städten im Osten der Ukraine ertönte Luftalarm. Die Region ist neben dem Süden nach dem Rückzug russischer Soldaten aus Gebieten bei der Hauptstadt Kiew zum Mittelpunkt russischer Militäraktionen geworden. Bei dem Angriff auf den Bahnhof von Kramatorsk am Freitag wurden nach ukrainischen Angaben mindestens 52 Menschen getötet. Es waren demnach vor allem Frauen, Kinder und Ältere, die auf der Flucht vor der erwarteten russischen Offensive im Osten waren.

Sie enthält viele kleinere Bomben und entfaltet dadurch einen sehr großen Wirkungsradius. Sie ist besonders gefährlich, weil nicht zwischen zivilen und militärischen Zielen unterschieden wird. Streumunition ist gemäß einer Konvention von 2008 verboten. Russland hat diese Konvention nicht unterzeichnet und bestritten, dass solche Waffen in der Ukraine eingesetzt würden.

Pentagon-Sprecher John Kirby hatte zuvor erklärt, Russlands offizielle Dementis nach dem Angriff auf den Bahnhof seien nicht überzeugend. „Unsere Einschätzung ist es, dass das ein russischer Angriff war und dass sie eine ballistische Kurzstreckenrakete genutzt haben, um ihn auszuführen“, sagte er.

Die Angriffe russischer Einheiten im Donbass im Osten der Ukraine gehen ukrainischen Angaben zufolge weiter. Die russischen Truppen konzentrierten sich darauf, die Orte Rubischne, Nischne, Popasna und Nowobachmutiwka zu übernehmen und die volle Kontrolle über die Stadt Mariupol zu erlangen, berichtete die Agentur Unian unter Berufung auf den Bericht zur militärischen Lage des ukrainischen Generalstabs am Samstagmorgen.

Russlands Armee bestätigte neue Angriffe in den ukrainischen Gebieten Dnipro und Poltawa. Unweit der südostukrainischen Stadt Dnipro sei in der Nacht auf Samstag ein Waffenlager mit Raketen beschossen worden, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministerium, Igor Konaschenkow. In Myrhorod im zentralukrainischen Poltawa richtete sich ein Angriff demnach gegen einen Flugplatz. Von ukrainischer Seite hieß es, dabei seien zwei Menschen verletzt worden.

Die russische Regierung, die von einem militärischen Sondereinsatz in der Ukraine zu deren Entmilitarisierung und Entnazifizierung spricht, hat Angriffe auf Zivilisten wiederholt bestritten. Die Ukraine und westliche Staaten bezeichnen die am 24. Februar begonnene russische Invasion als nicht provozierten Angriffskrieg. Mehr als vier Millionen Menschen sind inzwischen ins Ausland geflohen. Tausende wurden getötet oder verletzt. Städte wurden in Schutt und Asche gelegt, ein Viertel der Bevölkerung wurde obdachlos gemacht.

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