Angriffe im Wahlkampf: „Habe eine dicke Haut entwickelt“

Sebastian Kurz spricht im Interview über seine Ziele und verrät, wie er auch in fordernden Zeiten Energien tanken kann

Man habe viel erreicht und auch noch viel vor, nennt Kurz im Interview etwa eine Pflegereform, eine weitere konsequente Linie in Migrationsfragen sowie ein nachhaltiges Klimaschutzkonzept. © Wakolbinger

Die anstehenden Neuwahlen, ein Wahlkampf mit vielen Untergriffen gegen seine Person, davor die Ibiza-Affäre des früheren FPÖ-Chefs und die Auflösung der Regierung durch Freiheitliche und SPÖ.

Im VOLKSBLATT-Interview verrät ÖVP-Chef Sebastian Kurz, wie er all dies persönlich erlebt hat und spricht über seine weiteren Ziele.

VOLKSBLATT: Wie sind Sie mit dem bisherigen Wahlkampf zufrieden?

KURZ: Wir haben uns bewusst dazu entschieden, einen kurzen, aber intensiven Wahlkampf zu führen, weil die Menschen vom Dauerwahlkampf genug haben. Ich habe ein tolles Team, das hinter mir steht, und seit Anfang September versuchen wir jetzt die Menschen von unserem Weg der Veränderung zu überzeugen. Unsere Auftakt-Tour war ein voller Erfolg. Wir waren in drei Tagen in neun Bundesländern unterwegs und der Zuspruch, den wir von den Menschen in den Ländern und Regionen erfahren haben, gibt Zuversicht, dass unser Weg der Veränderung noch nicht zu Ende ist. Was sich jedoch schon seit einigen Wochen abzeichnet, ist, dass der politische Mitbewerb alles tut, um uns zu verhindern. Wir begrüßen jede Form des sachlichen Diskurses, was wir jedoch ablehnen, sind die ständigen Schmutzkübel.

Im Wahlkampf kann es untergriffig werden. Wie gehen Sie mit persönlichen Anfeindungen um?

Mir macht Politik und der inhaltliche Diskurs viel Freude. Auch wenn es in der politischen Auseinandersetzung schon mal hitziger zugeht, habe ich immer Respekt vor anderen Meinungen. Politik sollte ein Wettstreit um die besten Ideen, aber kein Feld des gegenseitigen Anpatzens sein. Derzeit zeichnet sich jedoch ab, dass das Schlechtmachen anderer und die Verbreitung von Skandalen, wo keine sind, schwerer gewichtet werden als Inhalte. Ich bleibe meinem Stil treu: Diese Art der Politik lehne ich ab.

Wie gehen Familienmitglieder und Freunde damit um?

Ich habe das Glück, eine Familie und eine Handvoll enger Freunde zu haben, die immer hinter mir stehen und mir auch in herausfordernderen Zeiten den Rücken stärken. In meiner politischen Tätigkeit habe ich gelernt, die ständigen Schmutzkübel nicht zu nahe an mich herangehen zu lassen. Meine Eltern und meine Lebensgefährtin haben jeden Schritt meiner politischen Laufbahn mit mir miterlebt und folgen meinem Beispiel, sich von Diffamierungen nicht unterkriegen zu lassen.

Bekommt man in der Politik eine dickere Haut?

Wenn man etwas verändern möchte, muss man damit rechnen, dass man nicht immer überall auf Wohlwollen stößt. Ich habe persönlich gelernt, mich nicht darüber zu definieren, was über mich in der Zeitung steht oder was Meinungsumfragen sagen, ich habe eine dicke Haut entwickelt. Ich überlege mir vorher sehr gut, was ich tue, hole mir viele Meinungen ein – aber wenn einmal etwas entschieden ist, dann ziehe ich es durch.

Sie betonen stets, den begonnenen Weg weitergehen zu wollen. Wo liegt das Ziel dieses Weges?

Ziel des Weges ist es, eine Veränderung zustande zu bringen, die das Land nach vorne bringt und für mehr Gerechtigkeit für die Menschen sorgt. Wir wollen Österreich zurück an die Spitze bringen. In den letzten eineinhalb Jahren haben wir viel umgesetzt. Wir haben erstmals seit 65 Jahren keine neuen Schulden gemacht, kleine und mittlere Einkommen entlastet, etwa mit dem Familienbonus, und viele Reformen auf den Weg gebracht, die den Menschen bereits jetzt eine spürbare Entlastung bringen. Wir haben aber noch viel vor. Von einer Pflegereform über eine konsequente Linie in Migrationsfragen bis hin zu einem nachhaltigen Klimaschutzkonzept – wir gehen unseren Weg weiter und werden alles dafür tun, die Menschen darauf mitzunehmen.

Würden Sie sagen, dass Ihre erste Regierung eine Trendwende eingeleitet hat?

Was die Regierungsarbeit der vergangenen eineinhalb Jahre ausgemacht hat, ist, dass wir es als Volkspartei geschafft haben, einen neuen Stil im Umgang miteinander zu etablieren. Das Reformtempo gibt uns recht: Anstatt sich mit ständigen Streitereien aufzuhalten, ist es uns in Regierungsverantwortung gelungen, das Wohl des Landes und der Menschen in den Fokus zu rücken und lang geforderte Reformen endlich in Umsetzung zu bringen.

Tut es Ihnen leid, dass die Koalition so ungeplant beendet wurde?

Um es noch einmal festzuhalten: Die Neuwahlen waren kein Wunsch, sondern eine Notwendigkeit. Natürlich hätten wir gerne die Regierungszusammenarbeit fortgeführt, weil wir in den vergangenen eineinhalb Jahren inhaltlich viel weitergebracht haben für dieses Land. Ich habe die Zusammenarbeit mit der FPÖ immer als sehr wertschätzend empfunden. Mit Ibiza wurde aber eine Grenze überschritten, die ein Weitermachen wie bis-her nicht mehr möglich gemacht hat.

Wie haben Sie die erste Zeit nach der Abwahl empfunden?

Nach der Veröffentlichung des Ibiza-Videos und der unausweichlichen Ausrufung der Neuwahl hat sich sehr bald abgezeichnet, dass sich eine rot-blaue Allianz bilden wird, um mich abzuwählen. Was mich wirklich gewundert hat, ist, dass FPÖ und SPÖ nicht nur mir, sondern gleich der gesamten Bundesregierung das Misstrauen ausgesprochen haben. Die vier Experten, allesamt untadelige Personen, waren da gerade einmal fünf Tage im Amt. Mich hat schon gewundert, wie sehr hier die Parteitaktik vor die Staatsräson gestellt wurde. Aber: Mir persönlich ging es nie um Titel oder Ämter, insofern hat mich das persönlich nicht sehr getroffen.

Ihre erste Regierung hatte eine hohe Umsetzungsgeschwindigkeit. Wie kann man das künftig beibehalten?

Mein Ziel ist es, egal in welcher Regierungskonstellation, ein sachliches Miteinander aufrechtzuerhalten. Sich in Streitigkeiten zu verstricken, bringt keinem etwas und führt nur dazu, dass notwendige Reformen blockiert werden. Wenn man immer sagt, was einen am anderen stört, ist ein Regieren fast nicht möglich. Ich bleibe meinem Stil treu, werde andere nicht anpatzen und immer wertschätzend im Umgang bleiben. So ist ein Finden von Kompromissen für die Umsetzung von notwendigen Projekten auch leichter zu bewerkstelligen. Und ja, sollte ich wieder Bundeskanzler werden, werden wir keine Zeit verlieren, unsere Projekte umzusetzen.

Orten Sie die Möglichkeit, dass es eine Koalition ohne ÖVP gibt?

Was in diesem Wahlkampf zu beobachten ist, ist, dass sich SPÖ und FPÖ nach dem Ibiza-Video in Gemeinsamkeiten gefunden haben. Wenn sie können, werden sie alles tun, um eine Koalition an uns vorbei zu schmieden. Es gibt auch Stimmen in der SPÖ, die eine Koalition mit Grün und Neos wollen. Sollte sich das ausgehen, wird es so kommen. Umso wichtiger ist es jetzt, nichts dem Zufall zu überlassen. Wir müssen so stark werden, dass ohne uns keine Koalition möglich ist.

Ist die ÖVP durch die Klimaschutz-Debatte nun grüner?

Wir haben schon vor Jahrzehnten das Konzept der öko-sozialen Marktwirtschaft entwickelt. Klimaschutz ist ein Thema, das uns alle betrifft. Die Folgen des Klimawandels machen sich tagtäglich direkt vor unseren Augen bemerkbar. Insofern ist der Schutz unseres Klimas und der Umwelt eines der bedeutendsten Zukunftsthemen. Unser Ziel ist es, dass Österreich bis 2045 CO2-neutral wird. Man darf sich hier jedoch keinen Illusionen hingeben. Entscheidend wird im Kampf gegen den Klimawandel sein, wie sich Länder wie China oder Indien entwickeln.

Bleibt in der Phase des Intensivwahlkampfes Zeit zum Regenerieren? Wobei können Sie gut abschalten?

Die Wochen vor einer großen Wahl sind immer eine Ausnahmesituation. Da kommt es schon vor, dass die Tage länger werden und Schlaf zu kurz kommt. Wir wollen als stärkste Kraft aus dieser Wahl hervorgehen. Dieses Ziel müssen wir bis zum 29. September mit voller Kraft verfolgen. Was danach kommt, sehen wir dann.

Wie werden Sie den Wahltag verbringen?

Ich werde am Vormittag wählen gehen. Danach verbringe ich den Tag wie immer mit meiner Familie. Danach werde ich den Abend mit meiner Familie, meinem Team und meinen Wegbegleitern und Unterstützern ausklingen lassen.

Mit ÖVP-Chef SEBASTIAN KURZ sprach Christian Haubner

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