Angst-Atmosphäre bei Arzt-Premiere im Landestheater Salzburg

Ein Stück voller Hysterie, Neurose und Kontrollwahn. Eine Atmosphäre der Angst, vermengt mit einem diffusen Ohnmachtsgefühl. Und Gefahr im Verzug als Topos: Mit „Die Anschläge von nächster Woche“ zeichnet der Oberösterreicher Thomas Arzt das morbide Psychogramm einer durch Paranoia gespaltenen, sich einigelnden Gesellschaft, von innen heraus zersetzt durch Vorurteile und Sündenbocksuche. Die Premiere im Landestheater Salzburg wurde am Sonntag mit langem Applaus quittiert.

Aufgezogen wie ein Whodunit mit Rahmenerzählung entfalten sich die schlaglichtartigen Erinnerungen des Hauptdarstellers Armin Stummer, gespielt von Skye MacDonald, im Zwiegespräch mit der übereifrigen Ermittlerin Göttinger (Britta Bayer), die ihn und seine mutmaßlichen Machenschaften zu ihrer Obsession erklärt. Auf Schritt und Tritt folgt sie Stummer auf seiner Route entlang der Schneise der Verwüstung, die der Terror seit dem Massaker im Pariser Bataclan durch das paralysierte Europa gezogen hatte. Mitten hinein in die Höhle des Löwen, in den Hort der Angst, die die Figuren eine nach der anderen Schachmatt setzt.

Die gekonnte Inszenierung von Hausregisseurin Christina Piegger am Salzburger Landestheater vermittelt Beklommenheit und die dumpfe Ahnung von Massenpanik. Eine böse Vorahnung, die den Abend durchzieht und durchwuchert wie die verkrüppelten Gewächse der Angst, die der zynische Magier Tartini, Stummers zwielichtiger Arbeitgeber, zu psychedelischem Techno in den ekstatischen Äther emporsteigen lässt. Dieses Stück ist nicht und deshalb doch gerade für schwache Nerven.

Es ist die Geschichte einer Entfremdung. Einer Entfremdung von sich selbst und einer Welt, die außer Ablehnung, Klischee und Ressentiment nichts übrig zu haben scheint für all jene, die nicht so richtig hineinpassen wollen in ihr vages Ideal. Für die Gescheiterten. Gestrandeten. Es ist die Geschichte einer Selbstaufgabe. Einer Selbstflucht. Einer Selbstlüge. Es ist die Geschichte eines zwischen Schizophrenie, Hirngespinst und kriminellem Mastermind pendelnden Anatol Stiller, wie ihn einst Max Frisch auf die Bühne hievte. Nur dass Stiller diesmal Stummer heißt.

In den Salzburger Kammerspielen verdichtet sich diese Persönlichkeitsspaltung des Protagonisten Stummer zur eindrücklichen Drohkulisse. Die nackte Angst spiegelt sich im monochrom-puristischen Bühnenbild, dem Projektionen abstrakter Formen düsteres Leben einhauchen. In den über die Bühne tanzenden Pixeln, die sich in wiederkehrenden Sprechchor-Sequenzen zu jenem Text verdichten, den das Schauspiel-Ensemble im emotionslosen Stakkato ins Publikum feuert – Phantome der Furcht. Und natürlich in der virtuosen Personifikation der Angst durch den in seinem durchsichtigen Seidenhemd auf abstoßende Art frivol wirkenden Mentalisten Tartini, gespielt vom dekorierten Schauspieltalent Gregor Schulz.

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Und so bleibt von einer sprunghaften, aber übersichtlichen Rochade der Figuren auf der sparsam bestückten Bühne die eindringliche Botschaft: Vor dem Terror kommt die Angst. Die Angst vor dem Andersartigen: „Wenn die Angst sich verkrustet – das sind Stämme, die sägt keine Vernunft mehr nieder“, sinniert Armin Stummer im Mittelteil des Stücks. Und diesen Mut braucht es, um den Auswüchsen der Panik zu widerstehen, das will uns Arzt vermitteln. Um das Heute und Morgen zu formen, das unseren vor Einschüchterung klammen und ängstlich zitternden Fingern zu entgleiten droht. Oder, um es mit den Worten von Eva, Stummers leiderprobter Partnerin und der Mutmacherin dieses Stücks (Sarah Zaharanski) zu sagen: „Die Lage ist nicht. Sie wird gemacht“.

(S E R V I C E – „Die Anschläge von nächster Woche“ von Thomas Arzt, Österreichische Erstaufführung amSalzburger Landestheater; Inszenierung, Bühne und Kostüme: Christina Piegger; Videoproduktion: WE ARE VIDEO, Armin: Skye MacDonald; Eva: Sarah Zaharanski; Göttinger: Britta Bayer; Michailov: Martin Trippensee; Tartini: Gregor Schulz; Weitere Aufführungen am 1., 2., 8. und 12. April sowie am 3. Mai. )

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