Apotheker-Chef: „Wir werden uns an Lieferengpässe gewöhnen müssen“

Seit etwa eineinhalb Jahren spitzt sich die Situation mit vergriffenen Arzneien hierzulande zu und es wird noch schwieriger

Das richtige Medikamente zu bekommen, wird immer mehr zum Problem. © Robert Kneschke - stock.adobe.com

Dass einmal ein Medikament vergriffen ist, ist für Patienten schon seit Jahren nichts Neues. Doch die Situation ist mittlerweile auch für Apotheken unerträglich. Etwa 230 Produkte sind laut Medizinmarktaufsicht bei der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungs- sicherheit (AGES) derzeit in Österreich nicht erhältlich.

Weil ein Lieferengpass nicht gemeldet werden muss, können es weit mehr sein. „Seit etwa eineinhalb Jahren spitzt sich die Situation immer mehr zu“, bestätigt OÖ-Apothekerkammer-Präsident Thomas Veitschegger. Er fürchtet, dass die Lage für die Patienten aber noch schlimmer werden wird.

Produktionsverlagerung und Preisdruck

Hauptursachen sind zum einen, dass in Österreich Medikamente im internationalen Vergleich sehr günstig sind, und zum anderen, dass viele Produktionen nach China oder Indien ausgelagert wurden. So rühren etwa Lieferschwierigkeiten bei einem gängigen Blutdruck-Medikament daher, dass es beim Produktionsprozess in China zu einer Verunreinigung gekommen war.

Ein hierzulande nicht lieferbares Brustkrebs- bzw. Rheuma-Medikament muss aus dem Ausland beschafft werden, was einige Tage Zeitverzögerung bedeutet. Und bei einem Wirkstoff gegen Krätze, die derzeit wieder voll im Kommen ist, „ändert sich die Lage laufend“, schildert Veitschegger dem VOLKSBLATT. Bei einem Epilepsie-Präparat sei nun zumindest geklärt, dass die Krankenkasse die Kosten für das aus Deutschland gelieferte Produkt übernimmt.

Der Apotheker-Chef sieht das Gesundheitsministerium gefordert, dass es auch für die verschreibenden Ärzte eine rechtzeitige Information gibt, wenn bestimmte Produkte nicht lieferbar sind.

Online-Apotheken sind keine Alternative, weil sie keine rezeptpflichtigen Arzneien nach Österreich liefern dürfen.

Die Arzneimittelknappheit hat in der Zwischenzeit auch dazu geführt, dass einzelne Apotheken bestimmte Produkte aufkaufen und ins Ausland exportieren, wo mehr Profit gemacht werden kann. Diese nach EU-Recht zulässige Praxis könne nur durch ein Exportverbot unterbunden werden. „Aber solange es derartige Preisunterschied innerhalb der EU gibt, wird es zu eklatanten Verschiebungen kommen. Wir werden uns daher daran gewöhnen müssen, dass die Versorgung schwieriger wird“, betont Veitschegger.

Auch andere Länder von Engpässen betroffen

Während die hierzulande fehlenden Arzneien oft aus Deutschland oder Frankreich angefordert werden, meldet auch das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte einen extremen Anstieg bei Lieferengpässen. 2017 lag die Zahl der nicht lieferbaren Produkte bei 108, 2018 waren es bereits 268 und im Vorjahr 271. Denn für Deutschland vorgesehene Medikamente wandern wiederum nach England.

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