Arbeitslosigkeit sank weiter – Rekord bei offenen Stellen

Trotz hoher Energiepreise und Ukraine-Krieg setzt sich die Arbeitsmarkterholung weiter fort. Die Mai-Arbeitslosenquote belief sich auf 5,7 Prozent, der niedrigste Wert seit 14 Jahren. Erneut gab es einen Stellenrekord. „Diese Entwicklung ist auf die Kombination aus saisonalen Effekten und weiterhin guter Konjunktur in Verbindung mit unseren Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik zurückzuführen“, erklärte Arbeitsminister Kocher (ÖVP) am Mittwoch.

Die Zahl der Arbeitslosen und Schulungsteilnehmer lag Ende Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat um 20,6 Prozent niedriger. 311.543 Personen waren arbeitslos gemeldet oder in AMS-Schulung, das sind um 80.817 weniger als vor einem Jahr. Auch gegenüber dem Vormonat sanken die Zahlen, Ende April gab es 327.308 Menschen ohne Job. Die Zahl der Langzeitbeschäftigungslosen im Mai sank gegenüber dem Vorjahresmonat um knapp 38 Prozent auf rund 90.000. Weiters standen 9.763 sofort verfügbaren Lehrstellen insgesamt 4.522 sofort verfügbare Lehrstellensuchende gegenüber.

Beim Arbeitsmarktservice (AMS) waren Ende Mai über 138.000 offene Stellen als sofort verfügbar gemeldet. „Dieser Wert stellt nach den Rekordwerten der vergangenen drei Monate erneut ein Allzeithoch an offenen Stellen am österreichischen Arbeitsmarkt dar“, so Arbeitsminister Kocher.

Der Stellenmonitor des ÖVP-Wirtschaftsbund zählt aktuell sogar mehr als 281.000 offene Stellen, davon 40.000 im Tourismus. Beim Wirtschaftsbund-Stellenmonitor werden mit Hilfe eines Softwareprogramms alle Online-Stellenausschreibungen in Österreich gezählt und auswertet.

Wirtschaftsvertreter warnen schon seit längerem vor den negativen wirtschaftlichen Auswirkungen des Arbeitskräftemangels: „Die Sommersaison steht vor der Türe und die Tourismusbetriebe finden keine Arbeitskräfte. Jetzt muss rasch gehandelt werden“, so Wirtschaftsbund-Generalsekretär Kurt Egger in einer Aussendung. Als Sofortmaßnahme könnte man die Kontingente für Tourismus-Saisonniers von außerhalb der EU auf 4.000 verdoppeln, sagte Egger. Laut AMS gab es Ende Mai rund 36.000 Arbeitslose und Schulungsteilnehmer, die zuvor im Bereich Beherbergung und Gastronomie gearbeitet haben.

Angesichts des Rekords bei den offenen Stellen forderte die Industriellenvereinigung erneut, Anreize zu setzen, um die Mobilität arbeitssuchender Menschen innerhalb Österreichs zu stärken und die überregionale Vermittlung zu forcieren. Auch müsse man beschäftigungsfördernde Maßnahmen, wie Eingliederungsbeihilfe und Kombilohn weiter ausbauen, und die Arbeitslosenversicherung „dringend reformieren“. „Es ist hoch an der Zeit, zu handeln“, so IV-Generalsekretär Christoph Neumayer.

Die Arbeiterkammer fordert von den heimischen Unternehmen, mehr in die betriebliche Ausbildung zu investieren. „Junge Menschen auszubilden und Erwachsene weiterzubilden bzw. umzuschulen sind die wichtigsten Maßnahmen, um die Wirtschaft mit qualifizierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu versorgen und diesen ein gutes Arbeitsleben zu ermöglichen“, sagte AK-Präsidentin Renate Anderl. Unternehmen müssten „endlich lernen, auch mittel- und langfristig ihren Personalbedarf zu planen“.

Die Wirtschaftskammer drängt aufgrund „des ausgetrockneten Arbeitsmarkts“ auch auf eine umfassende Reform der Arbeitslosenversicherung. „Es ist daher höchst an der Zeit, dass wir mit der Arbeitsmarktreform mehr Beschäftigungsanreize setzen“, so WKÖ-Generalsekretär Karlheinz Kopf. Auch gebe es bereits mehr als doppelt so viele offene Lehrstellen wie Lehrstellensuchende. „Die Vorwürfe der Arbeiterkammer, die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe würde abnehmen, sind daher völlig unbegründet.“

Für den Wifo-Arbeitsmarktökonomen Helmut Mahringer gibt es „keinen Königsweg“, sondern „viele Puzzlesteine“ für die Linderung der Personalnot. Heimische Unternehmen profitierten in den 2010er-Jahren von einem großen Arbeitskräfteangebot, weil viele geburtenstarke Babyboomer-Jahrgänge noch beruflich aktiv waren und aus Osteuropa viele Arbeitskräfte nach Österreich strömten. Diese Phase sei zu Ende, sagte Mahringer zur APA. Die Betriebe müssten ihren Fokus nun auf andere Arbeitskräfte-Reserven im Inland legen, etwa Arbeitslose, Ältere oder Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Auch Frauen in Teilzeit könnten eventuell bei besserer Kinderbetreuung länger arbeiten. Außerdem müsse man stärker auf die Weiterbildung der Arbeitskräfte setzen, so der Wifo-Ökonom. Auch die Personalsuche in anderen EU-Ländern sei eine Möglichkeit.

Zur Kurzarbeit waren Ende Mai 49.492 Personen vorangemeldet. „Im Vergleich zum Vormonat bedeutet das einen Rückgang um 3.096 Personen bei den Voranmeldungen zur Kurzarbeit“, so Arbeitsminister Kocher. Diese Entwicklung zeige, „dass die Zahl der Voranmeldungen zur Kurzarbeit derzeit noch kaum von den wirtschaftlichen Auswirkungen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine beeinflusst“ werde.

AMS-Vorstand Johannes Kopf rechnet damit, dass die Arbeitslosigkeit noch weiter sinken wird. „Der österreichische Arbeitsmarkt zeigt sich damit praktisch unbeeindruckt von den aufgrund des Krieges, der hohen Energie- und Rohstoffpreise sowie der Störungen der Lieferketten deutlich nach unten revidierten Konjunkturprognosen“, sagte Kopf. Es werde „im Juni wohl erstmals seit langem wieder weniger als 300.000 Arbeitssuchende“ geben.

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