Archäologen entlockten antikem Theaterensemble Geheimnisse

Blick auf die Theaterterrasse von Aigeira über den Korinthischen Golf © APA/ÖAW-ÖAI/Ch. Kurtze

Rund 150 Kilometer von Athen entfernt, an der Nordküste der Peloponnes, liegt das Theater der antiken Stadt Aigeira. Die Erforschung des Areals begann vor rund 100 Jahren, bis zum Jahr 1988 wurde es auch vom österreichischen Experten Wilhelm Alzinger unter die Lupe genommen. Seine Funde motivierten nun weitere heimische Archäologen zu Untersuchungen, die kürzlich zur Entdeckung weiterer Gebäude und Einsichten in kleinräumige Politik mit großer Ausstrahlung führten.

Alzinger, eine der prägendsten Archäologenpersönlichkeiten der Grabung Aigeira, erforschte ab 1972 den Theaterbereich, entdeckte hier mehrere Gebäude und ergrub zahlreiche Artefakte, die nach dessen Ableben im örtlichen Museum verblieben. Im Jahr 2014 galt es, die alten Fundkisten in ein neues Depot zu übersiedeln, sagte Alzingers Nachfolger in Aigeira, Walter Gauß, im Gespräch mit der APA. Dem Mitarbeiter des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) fiel gleich nach der Sichtung des alten Fundmaterials auf, „dass da zum Teil sehr interessante Funde drinnen sind“. Darunter sind Metall- und Keramikfunde, Wandmalereien, aber auch Tierknochen.

Gauß und Kollegen erstellten daraufhin in jahrelanger Arbeit die nun vorliegende abschließende Publikation. An bestimmten Stellen führten die Archäologen zwischen 2016 und 2018 auch Nachuntersuchungen vor Ort durch. Unterstützt wurden die Grabungen mit geophysikalischen Untersuchungen, die Experten tiefer und großflächiger in den Boden blicken ließen, als das mit Grabungen alleine der Fall gewesen wäre. Tatsächlich kamen in dem „relativ weitläufigen Areal“ auf einer Anhöhe über dem Meer, an einer Stelle, wo es die Forscher nicht erwartet hatten, die Reste von mindestens einem weiteren, großen Gebäude zum Vorschein. „Um welche Art Gebäude es sich handelt, können wir nur aufgrund der Messbilder aber nicht sagen“, so Gauß.

Über drei Gebäude abseits des Theaters wusste man schon zuvor Bescheid, allerdings war ihre genaue Lage und ihre zeitliche Stellung unbekannt. Sie konnten nun wiedergefunden und dem „hellenistischen Ensemble des Theaters“ zugeordnet werden. Hier handle es sich – entgegen der früheren Annahme – aber nicht um eine nach einem „Masterplan“ erbaute Gebäudeserie. Es handle sich eher um einen Ausbau des ursprünglichen Ensembles in den rund 150 Folgejahren.

Der Ort war einst ein öffentliches Zentrum der antiken Stadt Aigeira. Ein solches habe vermutlich Aktivitäten von mehreren Bauherren angezogen. Interessant sei hier, dass das antike Aigeira im 3. Jahrhundert v. Chr. dem „Achaiischen Bund“ beigetreten ist. Die Region lag damals im politischen Spannungsfeld zwischen der aufstrebenden römischen Republik und Makedonien. Diese wechselnden Machtverhältnisse dürften sich in dem Ensemble widergespiegelt haben.

Der „Achaiische Bund“ war als ursprünglich Gegenbewegung zu den Ambitionen Makedoniens anzusehen, erklärte Gauß. Es könnte sein, dass der Beitritt zum Zuzug neuer Bevölkerungsgruppen geführt hat. Ebenso ist auch vorstellbar, dass andere Mächte jener Zeit, eventuell auch die Makedonier selbst, Neubauten oder die aufwendigen Umbauten am Theater und anderen Bauten finanzierten, „um eine günstige Stimmung zu erzeugen und ein Statement zu setzen“, so der Archäologe.

Beim Bau des Theaters ging man übrigens recht pragmatisch vor: So wurde das spätere öffentliche Zentrum zunächst als Steinbruch genutzt. Das Abbaumaterial verwendete man gleich, um die Grundsubstanz der dortigen Gebäude hochzuziehen. „Von der Kosten-Nutzen-Rechnung her war das eine tolle Sache“, so Gauß. Genutzt wurde das Areal dann relativ lange, verlor aber im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. seine Stellung als städtisches Zentrum. Es fungierte zunächst noch als Werkstattareal, wurde aber im 7. Jahrhundert endgültig aufgegeben. Heute kann die laut dem ÖAI-Experten zu den interessantesten Bauensembles hellenistischer Zeit auf der Peloponnes zählende Theaterterrasse von Aigeira in den Sommermonaten wieder besucht werden.

doi.org

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