Atomare Abhängigkeitskatastrophe

Westliche Atomwirtschaft basiert auf russischem Billig-Uran — Embargo auch Sicherheitsfrage

Viele Atomkraftwerke in Europa und den USA laufen mit billigem Uran aus Russland.
Viele Atomkraftwerke in Europa und den USA laufen mit billigem Uran aus Russland. © Thieury - stock.adobe.com

Rufe nach einem Uranembargo gegen Russland ertönen viel leiser als jene nach einem Boykott anderer Energieträger. Das hat „gute“ Gründe.

Mit überwältigender Mehrheit hat das EU-Parlament vor gut einem Monat ein umfassendes Energieembargo gegen Russland gefordert. Nicht nur Öl, Kohle und Gas, auch russisches Uran solle boykottiert werden.

Der weitgehende Verzicht auf russisches Öl ist schon fix, jener auf Gas zumindest mittelfristiges Ziel. Doch bezüglich eines Uranembargos herrscht Stille. Während am vergangenen Wochenende sogar ein Besuch des russischen Außenminister Sergej Lawrow in Serbien an gesperrten Lufträumen der Nachbarstaaten scheiterte, hat Uran freien Flug.

Trotz Flugverbots für russische Maschinen im EU-Luftraum durfte im März eine russische Il-76-Transportmaschine in der Slowakei mit einer Sondergenehmigung landen, um die beiden Atomkraftwerke in dem Land mit neuen Brennelementen zu versorgen. In der ersten Aprilwoche erhielt Ungarn Brennelemente aus Russland.

EU ohne Uranabbau

Das besonders eifrig auf einen Öl- und Gasboykott drängende Frankreich lässt ähnliches Engagement in Bezug auf Uran missen. Kein Wunder: Das Land mit den nach USA zweitmeisten Atomreaktoren der Welt produziert mehr als 70 Prozent seines Stroms nuklear. Und das in enger Kooperation mit Russland. Erst im November 2021 hatte Framatome, Tochter der staatlich dominierten Energiegesellschaft EDF, mit der russischen Rosatom ein Abkommen über die gemeinsame Entwicklung von Kernbrennstoffen verlängert. Bei Atomenergie ist Frankreich wie der Rest Europas völlig abhängig von Russland oder anderen Krisenregionen. Von den einst 247 Uranminen auf französischem Boden wurde die letzte 2001 geschlossen. Seit November 2021, als in Rumänien die Crucea-Mine wegen Insolvenz der nationalen Urangesellschaft zusperren musste, gibt es in der EU keine eigene Uran-Produktion mehr.

2020 kamen laut Euratom je 20 Prozent des in der EU verheizten Urans aus Russland und dem ebenfalls politisch instabilen Niger, weitere 22 Prozent von Moskaus engen Verbündeten Kasachstan und Usbekistan. Ein Argument für den Einkauf in dieser Region ist der laut Euratom Supply Agency (ESA) um ein Drittel niedrigere Preis.

Das ist auch für AKW-Betreiber in den USA ein schlagendes Argument. 16 Prozent des Urans der USA kommen aus Russland, weitere 40 Prozent von Putins Vasallen Kasachstan und Usbekistan. Ein vom republikanischen Senator John Barrasso Mitte März im Kongress eingebrachter Gesetzentwurf für ein Verbot von Uranimporten aus Russland bringt die Biden-Administration in die Bredouille. Denn die Energiewirtschaft hat erfolgreich für eine Ausnahme des Urans vom Energieembargo lobbyiert.

Energieministerin Jennifer Granholm schloss im Senat einen Uranboykott zwar nicht völlig aus, verwies aber auf das Abhängigkeitsproblem: „Wenn wir uns von Russland abnabeln, wollen wir sicherstellen, dass wir in der Lage sind, die Flotte weiter über Wasser zu halten.“ Das wird schwierig. Denn es geht nicht nur um in Russland gefördertes Uran. So gehört die kanadische Bergbaugesellschaft Uranium One seit 2013 Rosatom und dem russischen Finanzministerium. Durch den Deal wurde der Staatskonzern „auf einen Schlag zu einem der weltweit mächtigsten Uranbergbau-Player“, wie die Berliner Rosa-Luxemburg-Stiftung im kürzlich gemeinsam mit Greenpeace herausgegebenen „Uranaltlas“ anlyiert.

Temelin: Neues Experiment?

Vereinzelt gibt es aber in Europa immerhin Versuche, der fatalen Abhängigkeit zu entfliehen. Tschechen etwa will im AKW Temelin (nicht aber in den vier Reaktoren des AKW Dukovany) ab 2024 statt Brennstäben des russischen Lieferanten Twel jene das US-Konzerns Westinghouse bzw. der französischen Framatome in die Reaktoren schieben. Ähnlich will Bulgarien beim Atommeiler Kosloduj vorgehen.

Abgesehen davon, dass westliche Brennstäbe aufgrund der vielfältigen Verflechtungen mit Rosatom nicht zwingend frei von russischem Uran sein müssen, bedeutet deren Einsatz in AKW russischer Provenienz ein technisches Risiko. Es geht um insgesamt 18 Reaktoren in Osteuropa, die bislang nur mit den sechseckigen Brennstäben von Rosatom zu betreiben sind. Ein Umstieg auf runde Stäbe aus Frankreich oder den USA ist nicht nur eine Frage des Formats.

In Temelin wurde der Wechsel auf Westinghouse-Brennstoff schon einmal versucht. Der Atomkraftexperte Wolfgang Kromp hat als damaliger Chef des Wiener Instituts für Sicherheits- und Risikowissenschaften (ISR) das Scheitern miterlebt. Das Problem: Bei einer Überhitzung können sich die Brennstäbe so verformen, dass es zu einem schweren Unfall kommen kann. „Dieser Effekt war so stark, dass die Tschechen das monatlich testen und viele Brennelemente austauschen mussten“, so Kromp zum Volksblatt, „weshalb sie zu den russischen Brennstäben zurückkehrten.“ Das war 2007. Jetzt soll das Experiment wiederholt werden.

Ein Atomausstieg als Alternative ist kein Thema: „Da sind sich alle einig, dass man über die Atomenergie nichts kommen lassen soll. Wir haben ja jetzt sogar erfahren, dass Atomenergie grün ist“, sagt Kromp mit Blick auf die von Österreich bekämpfte EU-Taxonomieverordnung.

In Ukraine droht Super-Gau

Am gefährlichsten sei aber derzeit die Situation in der Ukraine. Kromp sieht „eine große Gefahr, dass es zu einem Super-Gau kommt — wegen der Infrastruktur, die flöten geht.“ Da Kernkraftwerke von einer weitverzweigten Infrastruktur — Wasserkanäle, Stromleitungen — abhängig seien, müsse ein Reaktor gar nicht direkten getroffen werden, um einen Atomunfall auszulösen. Kromp: „Ich fürchte nichts mehr als schwere Unfälle in Atomkraftwerken, Krieg in Staaten mit Atomkraftwerken ist daher ein No-Go.“

Die Atomwirtschaft bremsen solche Ängste nicht. Im Gegenteil: Der durch diesen Krieg forcierte Ausstieg aus Öl- und Gas bedeutet Aufwind für die Atomlobby.

Eine Analyse von Manfred Maurer

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