Auf Besuch in der alten Pultheimat

Dennis Russell Davies mit Filharmonie Brno stürmisch gefeiert

Dennis Russell Davies und „seine“ Brünner begeisterten im Linzer Brucknerhaus.
Dennis Russell Davies und „seine“ Brünner begeisterten im Linzer Brucknerhaus. © R. Winkler

Erst vor ein paar Jahren hat Dennis Russell Davies seine Zelte bzw. sein Pult in Linz abgebrochen, und schon zog es ihn in einem Orchesterkonzert am Mittwoch mit dem Prädikat „Das besondere“ versehen, nach Linz, wo er 15 Jahre eine lange Erfolgskette seiner Dirigiertätigkeit aufbaute.

Wesentliche Impulse durch Russell Davies

Seine jetzige Wirkungsstätte ist die Filharmonie Brno, ein seit langem auch hier geschätzter Klangkörper, dem sein Pultchef wesentliche Impulse verlieh. Das Dirigieren ging ihm auch leicht von der Hand in einem vorwiegend tschechischen Programm, wie man es bei der feurigen böhmischen Musizierart des Orchesters schon aus Tradition erwarten durfte. Enttäuscht wurde man nicht. Die Brünner zeigten stimmenweise den ganzen Abend ihre Stärke. Russell Davies setzte immer wieder genug animierende Akzente und ging im Programm auch an aktuellen Gedenkanlässen in diesen Tagen nicht vorbei.

Viktor Ullmann, österreichisch-ungarischer Herkunft, lebte von 1898 bis 1944 und wurde 1942 Opfer des Nationalsozialismus. 1939/40, bei Beginn der Judenverfolgung im „Protektorat Böhmen und Mähren“, schrieb er seine „Slawische Rhapsodie für Orchester und obligates Saxophon“ op. 24. Der Schönberg-Schüler betonte auch später seine relative Unerschütterlichkeit gegenüber politischen Repressalien und sah darin eher eine inspirierende Wirkung auf sein Schaffen. Die Rhapsodie bestätigt dies in ihrer erstaunlichen Größe an Formbeherrschung und einer Unverkennbarkeit seines Personalstils zwischen Tradition und Moderne, die Ullmanns Werk als polytonal kennzeichnet. Der verpflichtende Saxofonpart, brillant dargeboten von Jiri Klement, verleiht dem Stück allerdings eine Spur gedämpft tonierten Charakter.

Tonalität war bei Dvorak keine Frage für den Zugang zur Sinfonie Nr. 6 D-Dur op. 60 aus 1880. Das Werk zählt trotzdem ungerechterweise eher zu den Raritäten im Konzertprogramm, offenbar weil es von der berühmten Fünften Dvoraks „Aus der Neuen Welt“ gerne verdrängt wird. Diesmal blühte die „Sechste“ durch Russell Davies‘ zeichenstarkes Dirigat auf. Der pastorale Charakter kam so klar zum Ausdruck wie der mitreißende Furiant im Scherzo und die Überfülle an Klangbildern im Finale.

Groß besetzt, wobei auch die Orgel mitmischte, erklang die Orchester-Rhapsodie (1915-18) „Taras Bulba“ des zweiten, jüngeren tschechischen Komponisten Leos Janacek mit der überwundenen Romantik, stilistisch urwüchsig und unverkennbar originell durch die für Janacek typischen Sprachmelodien. Eine sinfonische Dichtung nach Gogols bekanntem Kosakenroman, dessen Hauptgestalten aus der Musik charakteristisch hervortraten. Ein Qualitätsbeweis für das Orchester und seinen noch neuen Pultmeister, der ab der nächsten Saison 2020/21 zudem eine Chefdirigentenstelle in Leipzig übernehmen wird. Die Brünner fühlten sich bestens bei Russell Davies, und er schwelgte so sehr in seinem Glück, dass er noch eine schmissige slawische Tanz-Zugabe servierte.

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