Auf den Punkt gebracht

Da wird gerollt, gedrückt, gestrichen und gesucht. Dien Chan (Dien = Gesicht, Chan = Diagnostik) nennt sich die vietnamesische Methode, der die Akupressurpunkte der Traditionellen Chinesischen Medizin und besondere Topografien am Kopf zugrunde liegen. Der Linzer Arzt und TCM-Mediziner Ngoc Levan gibt sein Wissen darüber in Kursen weiter. So lassen sich bestimmte Beschwerden zuhause selbst behandeln. VOLKSBLATT-Redakteurin Melanie Wagenhofer im Selbstversuch beim Dien-Chan-Seminar.

Beim ersten Erblicken der vielen Punkte (es sind an die 500!), die die Methode im Gesicht kennt, bleibt mir beinahe der Atem weg. Keine Ahnung, wie ich das je erfassen, geschweige denn einzelne Punkte, die mit Zahlen benannt sind, je finden soll. Jedes Organ, jeder Körperteil, jede einzelne Stelle hat eine Entsprechung im Gesicht. An einem Punkt können auch mehrere unterschiedliche Beschwerden behandelt werden. Das kennt man aus Akupunktur und Akupressur. Auch bei der Fußreflexzonenmassage stimuliert man den ganzen Körper an den Füßen.

Koordinatensystem

Der entsprechende Punkt im Gesicht wird zunächst großflächig, dann punktgenau mit besonderen Werkzeugen bearbeitet.

Die einzelnen Punkte sind bei Dien Chan in ein Koordinatensystem eingeschrieben, Nase, Augen, Brauen und Abstände zwischen den einzelnen Gesichtsmerkmalen sind zusätzliche Orientierungspunkte. Prof. Bui Quoc Chau, der die Heilmethode in den 1980ern entwickelt hat und sie allen zugänglich machen wollte, legt noch eine Ebene drüber: Und zwar schreibt er den menschlichen Körper gleich mehrfach an verschiedenen Stellen des Kopfes ein. Am Oberkopf, von der Stirn bis zum Kinn, auch seitlich, auf der Wange, sitzt noch einmal ein Menschlein im Gesicht. Drückt und stimuliert man gezielt und richtig die entsprechenden Stellen auf diesen eingeschriebenen Körpern, dann lässt sich ebenfalls eine Verbesserung von Beschwerden erzielen. Ist die betreffende Stelle empfindlich und schmerzt, dann hat man quasi die Schwachstelle gefunden und kann damit beginnen, sie zu bearbeiten. Im wahrsten Sinne damit auf den Leib rücken kann man Beschwerden von Schlaflosigkeit bis Organschwäche, von Müdigkeit bis Verstopfung und von Bluthochdruck bis Allergien. Man muss nur wissen, wie und wo. Bei allen Beschwerden spielen immer auch Emotionen eine Rolle, denn schlechte Gefühle können auch krank machen. „Loslassen ist eines unserer Probleme“, sagt Levan.

Besondere Werkzeuge

Um die richtige Intensität, den richtigen Druck zu erreichen, und den sollte der Behandelte durchaus spüren, bedient sich die Methode verschiedener größerer und kleinerer Werkzeuge: mörserartige sind ebenso darunter wie welche mit Rollen, glatte oder stachelige, ein Mini-Rechen mit drei Zacken oder ein sogenannter Schaber. Letzterer sei sehr gut, um Erkältungen zu behandeln, erklärt Levan und erinnert sich, dass seine Mutter in Vietnam, als er ein kleiner Bub war, schmerzhaft auf seinem Rücken schabend damit zugange war. „Wenn eine Entzündung noch oberflächlich war, konnte man sie damit rechtzeitig gut ausleiten.“ Bei all den Behandlungen öffnen Tigerbalsam oder Eukalyptusöl, in die man die Werkzeuge taucht, die Poren auf der Haut und sorgen für größere Wirksamkeit.

Der richtige Druck

Dr. Levan behandelt zunächst jene Körperstellen, die Beschwerden verursachen, mit einem Roller.

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Doch von vorne: Dr. Levan zeigt vor, dass man zunächst einmal die schmerzende Region direkt bearbeitet. Also, bei Nackenschmerzen wird zuallererst der Nacken selbst behandelt. Mit einem kleinen Mörser streift man von oben nach unten — mit etwas Druck. Dann sucht man sich die Entsprechungen im Gesicht und behandelt die Stellen vorerst großflächiger mit einem breiteren Werkzeug. Am Höhepunkt geht es dann in die Tiefe, mit einem Stift wird fester auf die Entsprechung im Gesicht gedrückt (schnelles Drücken), immer wieder, etwa 30 Mal bei einem Durchgang, idealerweise mehrfach am Tag. Alternativ kann man einen Punkt auch 30 Sekunden lang durchgehend drücken (langsames Drücken) oder im Bereich des Punktes kurze Striche ziehen. Letzteres ist empfehlenswert, wenn die Haut sehr dünn anmutet.

Auch Einführungen in Methoden wie Moxen, bei dem mit einer Art Zigarre bestimmte Körperstellen erwärmt werden, und Zungendiagnose gibt Levan, der in seiner Praxis zudem mit Kräutermedizin und Akupunktur arbeitet. Vielen jungen Paaren hilft er bei Kinderwunsch.

Erfolgreicher Selbstversuch

Die ersten Selbstversuche laufen noch zögerlich ab, bin ich an der richtigen Stelle? Levan justiert geduldig nach und meine Freundin hat gar keine Skrupel, mich bei der Punktsuche ihr Engagement spüren zu lassen. Für zuhause gibt es ein ausführliches Skriptum samt Koordinatensystem. Am Sonntag gehe ich mit zwei Spezialpflastern an den Ohren aus dem Seminar, die stimulieren Punkt 0, und ich fühle mich den ganzen Tag nicht müde. Mal sehen, ob ich die Sache dann auch künftig auf den Punkt bringen kann

www.tcm-dienchan.at

Von Melanie Wagenhofer –  Fotos: Andreas Röbl

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