Auf den Spuren der Berggorillas

In unseren Breiten bekommt man Gorillas nur im Tierpark hinter Gittern zu sehen. Doch in Uganda kann man diese majästetischen Tiere bei geführten Touren auf 2500 Meter Seehöhe in ihrer gewohnten Umgebung beobachten – ein beeindruckendes Erlebnis, das jegliche Strapazen bei der Anreise rechtfertig.

Text und Fotos: Karin Weilguny
Schon die Vorbereitung der Reise an den Äquator war ungewöhnlich aufregend. Zunächst hieß es während des Frühjahres Kondition aufzubauen. Und wie meistens im Leben, hindert einem der innere Schweinehund daran, rechtzeitig damit zu beginnen.
Als nächstes war das Thema mit den Stöcken zu klären. Bergschuhe und Wanderstöcke gehören wie selbstverständlich zu meiner üblichen Wanderausrüstung für die österreichischen Alpen. Doch wie kommt man mit diesen Stöcken durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen? Dr. Google wusste natürlich Abhilfe. Schnell wurden noch rechtzeitig zerlegbare Stöcke angeschafft und dazu lange Lederhandschuhe, so wie sie die Ladies in Rosamunde Pilcher’s Englischen Gärten tragen, um sich nicht an den spitzen Dornen zu verletzen. In den Reiseunterlagen, die mir zugingen, wurden diese Handschuhe empfohlen, damit man sich beim Tracking durch den dichten, unwegsamen Regenwald an den groben Hölzern keine Schnittwunden zuzieht, oder gar Bekanntschaft mit irgendwelchen beißenden oder ätzenden Regenwaldbewohnern macht.
Was das Reisegepäck anging, so war die Rucksackvariante einer two-in-one-Lösung die beste Entscheidung. Denn schließlich benötigte ich neben einem jeeptauglichen knautschbaren Softschalengepäckstück, auch einen kleinen Tagesrucksack für die Tracking-Touren durch die Nationalparks dieses saftig grünen, Ostafrikanischen Hochlandes.
Unsere fünfzehntägige Rundtour begann und endete in Entebbe, am nordwestlichen Schilfgürtel des Viktoria-Sees. Nichts von dem, was ich in diesem schönen Land am Äquator gesehen und erlebt habe, möchte ich missen. So waren die eindrücklichen Bootsfahrten durch das Vogelschutzgebiet der Mabamba- Sümpfe und die Beobachtung des Schuhschnabels ebenso aufregend wie die Fotojagd auf gähnende Flusspferde am Nil, oder später die träge am Ufer rastenden Krokodile entlang des Kazinga-Kanals. Spektakulär bleiben auch die brodelnde Gischt der gigantischen Murchison Falls und die zahlreichen Wildbeobachtungen mit dem Jeep in Erinnerung. Herden an Elefanten, die an uns vorbeizogen, ließen mich vor Ehrfurcht den Atem anhalten. Die langhalsigen Rothschild-Giraffen mit ihren unbefleckten, weißfarbenen Unterläufen, labten sich an den saftigen Blättern hochgewachsener Buschbäume.

Tiere präsentieren sich wie in Universum-Serien

Witzig zu beobachten waren auch die Warzenschweine, die sich zum Fressen auf die Vorderläufe knien mussten, da ihre Wirbelsäule zu steif ist, um die Schnauze bis zum Boden strecken zu können. Totale Erregung nahm uns ein, als wir einen Leoparden beim vormittäglichen Nickerchen störten und er sein Schlafquartier im Geäst eines nahen Baumes verließ, um im hohen Steppengras vor unserer Kamera in Deckung zu gehen. Hyänen, übergroße Waldschweine, eine siebenköpfige Löwenfamilie deren Löwenbabies ausgelassen vor uns im Gras herumtollten, Wasserbüffel, zahlreiche Antilopenarten, Zebras, Geier, Adler, Pelikane und vieles mehr bekamen wir vor die Linse. Es schien so, als präsentierte sich live der Inhalt aller Universum-Serien zusammen vor uns. Doch der Besuch bei den Primaten im Regenwald war das absolute Highlight dieser Uganda-Reise.
Zur Einstimmung auf den Dschungel stand am Ende der ersten Urlaubswoche zunächst das Schimpansen-Tracking am Programm. In Wahrheit war diese Tour ein Hineinschnuppern in eine blickdichte Urwaldlandschaft. Denn bereits nach einer halbstündigen Wanderung in ziemlich ebenem Gelände bekamen wir Sichtkontakt zu einer fröhlich im Geäst der nahen Bäume herumturnenden Schimpansenmutter mit zwei ihrer Primatenkinder. Sie alle labten sich an den üppig saftigen Beeren, unbeeindruckt vom Fotoshooting das am Fuße der Bäume zu ihren Ehren abgehalten wurde. Beeindruckend auch der Umstand, dass wir Menschen rund 98 Prozent übereinstimmende Erbmasse mit den Schimpansen aufweisen. Dass diese – so wie wir – neben Beeren und Grünpflanzen auch Fleischfresser im Kleintierterrain sind, steht als weiteres Indiz für eine evolutionstechnische Verwandtschaft zum Menschen.


Das Tracking zu den Berggorillas in rund 2500 Metern über dem Meeresspiegel hingegen war wesentlich anspruchsvoller. Der Auf- und Abstieg in den Bergen des Bwindi Nationalparks über schmale Pfade, durch dicht bewaldetes teils unwegsames Gelände ging – obgleich wir lediglich eine Berglandschaft von rund 400 Höhenmetern rauf und runter überwinden mussten – nahe an meine körperliche Grenzen. „Bwindi“ bedeutet dunkel/undurchdringlich. Um uns einen Weg durch dieses Dickicht der ineinander verwobenen Grünpflanzen, Farnen und Lianen zu bahnen, nahmen unsere beiden Tracking-Guides Macheten zu Hilfe.

Mühsame Annäherung an die Silberrrücken

Ob hier Schlangen waren, wurde ich nach meiner Rückkehr gefragt. Ich hatte wirklich keine Ahnung. Meine Konzentration fokussierte sich einzig und alleine darauf, sich nicht in den Schlingpflanzen und Lianen zu verheddern, sich eine gangbare Bahn durch das Dickicht zu schlagen und dabei nicht auf dem feuchten lockeren Boden den Hang abwärts zu rutschen. Wie sehr bereute ich in diesem Moment, nicht häufiger und intensiver Bergtouren in die höher gelegenen Alpen unternommen zu haben! Und wie froh war ich, der Empfehlung des Reiseleiters gefolgt zu sein, und einen erfahrenen, sogenannten „Packer“ angeheuert zu haben! Er trug nicht nur meinen Rucksack durch die üppige Regenwaldvegetation, sondern führte mich an der Hand durch das unwegsame Gelände, zog und zerrte mich Steilhänge hinauf oder stützte meine Hand, damit ich auf dem

Zu Beginn des Trackings wurden wir über Verhaltensregeln aufgeklärt. Dazu gehörte auch, dass man den direkten Blickkontakt zu den Primaten vermeiden sollte. Doch ich konnte nicht anders. Vis á vis stehend hatte ich sein Gesicht ca. drei Meter vor mir. Friedlich war sein Gesichtsausdruck. Aufmerksam sein Blick, mit beinahe traurigen Augen, die mich sofort in seinen Bann zogen. Tief blickten wir uns in die Augen. Es schien so, als würde dieser ca. 26 Jahre alte Silberrücken einer habituierten, also an vorbeikommende Menschen gewöhnten Gorillafamilie, unsere Gruppe aufmerksam beobachten bevor er uns seine übrigen Familienmitglieder vorstellte.

Familienchef präsentierte muskulösen Rücken

Wir verhielten uns still, völlig eingenommen von dieser ehrfürchtigen Situation. Plötzlich teilte sich der Busch und mit einem Höllentempo rauschte ein weiterer Silberrücken an uns vorbei, sodass der feuchte Boden unter unseren Füßen bebte. Kurz darauf erschien am Hang hinter mir ein Weibchen mit zwei kleinen Gorillakindern, die sich ihren Weg durch den Busch in die Nähe des unterhalb fließenden Baches bahnten. Unsere Kameras glühten. Die Kleinen turnten von Liane zu Liane und verschwanden im Dickicht am anderen Ufer. Dann erhob sich der Familienoberste. Imposant präsentierte er seinen muskulösen Rücken als schein er uns nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass er der Chef sei. Er bedeutete uns ihm über den Bach zu folgen, was wir schließlich auch taten.
Drüben angekommen erwartete uns eine gemütlich rastende weitere Gorillafamilie mit einem ungefähr vier Jahre alten Kleinkind und einem rund sechs Monate alten Gorillababy. Der Boss lag etwa drei Meter abseits am Bauch im feuchten Gras und beobachtete uns und die gesamte Szenerie genau, ohne sich nur einen Zentimeter zur bewegen. In der folgenden halben Stunde war ich definitiv auf einem Adrenalinkick. Das Familienleben der Primaten, an dem ich teilhaben durfte spielte sich ähnlich ab wie eine Sonntagsidylle unter Menschen. Mama-Gorilla durchforstete das Fell von Junior-Silberrücken nach Läusen und beide waren sehr angetan voneinander. Baby Gorilla zog sich unermüdlich an einer Liane hoch, fiel wieder herunter und startete von Neuem, so wie ein sechs Monate altes Baby sich unermüdlich an den Stäben der Gehschule hochzieht, um wieder am Popo zu landen. Mama-Gorilla bedeutete schließlich dem vierjährigen Gorilla sich um sein Geschwisterl zu kümmern. Fortan spielten die beiden miteinander und der größere half dem Baby sich an der Liane festzuhalten. Es war ein unglaublich schönes Erlebnis hier auf Tuchfühlung so nahe an die Gorillafamilie heranzukommen.
Mit Wehmut musste unsere Gruppe schließlich wieder den Rückzug antreten. Im Bwindi Nationalpark leben rund dreihundert Berggorillas in achtundzwanzig Familienverbänden. Dreizehn Familien wurden von den Guides an Menschen gewöhnt. Jedoch dürfen Menschengruppen lediglich maximal zu acht Personen und nur eine einzige Stunde in die Nähe der geschützten Gorillafamilien, damit diese ihre urtümlich Art zu Leben nicht verlieren und sich nicht zu sehr an Menschen gewöhnen. Doch diese Stunde ist und bleibt unvergesslich!

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