Auf der Reise ins Erwachse nendasein

Spannender Saisonstart: Junges Theater zeigt „Tschick“ nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf

Der eher Vorsichtige und der Draufgängertyp: Maik (l.) und Tschick rasen durch die Gegend.
Der eher Vorsichtige und der Draufgängertyp: Maik (l.) und Tschick rasen durch die Gegend. © Petra Moser

Von Melanie Wagenhofer

Zeit war es, den hochgelobten Jugendroman von Wolfgang Herrndorf aus 2010 auch einmal in Linz auf die Bühne zu hieven: „Tschick“ in der Bühnenversion von Robert Koall (ab 13) begeisterte bei der Premiere auf der Studiobühne am Donnerstag mit der richtigen Mischung aus Unterhaltung und Ernsthaftigkeit und engagierten jungen Darstellern, die ihr Talent unter Beweis stellen und bei ihrem ersten Einsatz als neue Ensemblemitglieder des Jungen Theaters zu punkten wissen.

Der 14-jährige Schüler Maik (Friedrich Eidenberger), ein wohlstandsverwahrloster Außenseiter, der in der Schule von seinen Kollegen eine Zeit lang „Psycho“ genannt wurde, reflektiert als Erzähler die aufregendste Zeit seines Lebens, jenen Sommer, als ihn sein auch nicht gerade beliebter Schulkollege Tschick (Alexander Köfner) — die Abkürzung steht für den schwer auszusprechenden russischen Namen Tschichatschow — mit auf eine besondere Reise genommen hat. Maik langweilte sich unglücklich verbliebt in den Ferien alleine zuhause, als Tschick plötzlich mit einem „geliehenen“ Lada vor seiner Haustür stand. Die beiden brausen los in Richtung Walachei, ins Nirgendwo, in die erste große Freiheit auf dem Weg zum Erwachsenwerden und begegnen dabei jeder Menge schräger Figuren.

Gelungener Einstand für drei neue Ensemblemitglieder

Friedrich Eidenberger ist als Maik ein selbstreflektierter, unaufgeregter Erzähler, wenn er dem Publikum von seinem großen Abenteuer berichtet und ein neugieriger, ein wenig unbeholfener Teenager, der sich mitreißen lässt und in jugendliche Sorglosigkeit verfällt, wenn er diese auf der Bühne in der Rückblende erlebt. Alexander Köfner zeigt als „wilder, abgebrühter Hund“ Tschick auch sensible Seiten. Für das ungewöhnliche Gespann wird die aufregende Fahrt zum Besten, was den beiden Einzelgängern je passiert ist. Einfach unvergesslich.

Das Trio auf der Bühne ist mit Sofie Pint komplett, die alle weiteren Figuren mit sichtbarer Spielfreude übernimmt, einmal die kecke Ausreißerin Isa auf der Müllkippe ist, ein anderes Mal der kauzige Jäger, der von der großen Liebe schwärmt und den Burschen „Carpe diem“ zuruft.

Die ganze Welt auf der kleinen Bühne

Ein Sofa wird auf der Linzer Bühne zum geborgten Vehikel, bewegliche Wände markieren Schauplatzwechsel (Bühne und Kostüme: Angelika Daphne Katzinger). Die Landschaften und Orte, durch die die beiden Helden des Road-Movies kommen, entstehen durch die Kraft des gesprochenen Wortes und die tollen Videoprojektionen der Linzer Künstlerinnen System Jaquelinde. Die ganze Welt auf kleiner Bühne und noch mehr, wenn Tschick und Maik in die Sterne schauen und sich fragen: „Glaubst du, da ist noch irgendwas?“ und ihrer von Filmen wie „Starship Troopers“ inspirierten Fantasie freien Lauf lassen. Es geht um Freundschaft, erste Liebe, den Umgang mit Fremden und gesellschaftlichen Regeln, alles, was junge Menschen auf dem Weg zum Erwachsensein beschäftigt, und das alles transportiert in einer Jugendsprache, die das Zielpublikum erreicht. Dafür, dass die Botschaften bei den Adressaten ankommen, sorgen in der kurzweiligen Inszenierung von Tanja Regele auch schnelle Wechsel, Witz und Action. Nach knapp eineinhalb Stunden, die auf der Straße des Lebens rasend vergingen, wurde das Abenteuer heftig beklatscht. Die Lektüre der Buchvorlage zählt ohnehin schon in vielen Schulen zur Pflicht, der Besuch des Stückes sollte es auch sein.

Termine auf der Studiobühne bis 26. März 2020; in den Kammerspielen: 25.9.; 3., 4., 7., 8., 11., 15. und 16. 10.; Karten: Tel. 0732/76 11-400

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