Aufschwung statt Hunger in der Oase der Hoffnung

Noch ist Äthiopien eines der ärmsten Länder der Welt, aber es könnte zum Modell für Afrika werden

Von Manfred Maurer

Kriege, Terror und Despoten prägen das Bild von Afrika. Ein Land führt vor, dass es auch anders gehen könnte. Österreich ist an der vielversprechenden Entwicklung beteiligt.

„Die Lage hat sich in den meisten Landesteilen entspannt“ — die Reiseinformationen auf der Homepage des Außenministeriums in Wien spiegeln eine positive Entwicklung wider.

Positiv? Äthiopien ist mit einem Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von 910 Dollar eines der ärmsten Länder der Welt. Der österreichische Vergleichswert ist 52 Mal höher. Ein Drittel der 100 Millionen Äthiopier hat weniger als einen Euro am Tag zum Leben. Zehn Prozent der Bevölkerung sind dauerhaft auf internationale Nahrungshilfe angewiesen, wenn der Regen ausbleibt auch schon einmal 25 Prozent.

Und trotzdem weist eine von Österreich mitfinanzierte Studie des Berlin Institutes gerade dieses Land am Horn von Afrika als Hoffnungsträger aus. Denn: „Äthiopien gehört zu den am stärksten wachsenden Volkswirtschaften der Welt.“ 2015 markierte die äthiopische Wirtschaft mit einem Plus von 10,2 Prozent gar den Weltrekord, auch heuer werden gut acht Prozent BIP-Wachstum erwartet. So hat sich binnen zehn Jahren das BIP pro Kopf nahezu verdreifacht.

Wie Äthiopien das geschafft hat? Eine erste Voraussetzung für die Wende zum Besseren war 1991 das Ende der kommunistischen Diktatur, die sich nach dem Sturz von Kaiser Haile Selassie imo Jahr 1974 in Addis Abeba etabliert hatte. Seither und vor allem in den vergangenen 20 Jahren ging es trotz inneren und äußeren Konflikten bergauf.

„Langfristige Entwicklungspläne der Regierung haben, mit ausländischer Hilfe, das Leben vieler Menschen verbessert und die Armut mehr als halbiert“, resümiert die Studie. Durch den Ausbau des Gesundheitssystems sei die Kindersterblichkeit zurückgegangen. Dank hoher Bildungsinvestitionen gibt es heute 25 mal mehr Schulen als vor 20 Jahren. Die Getreideerträge haben sich mehr als verdoppelt. Diese Fortschritte zeitigen einen weiteren positiven Effekt: Die Geburtenziffer sinkt rasant, das Bevölkerungswachstum wird gebremst. Die Studienautoren sprechen von einer „demografischen Dividende“ und ziehen schon Vergleiche mit dem rasanten Aufstieg der asiatischen „Tigerstaaten“.

Der Weg zum afrikanischen Singapur ist natürlich noch ein weiter. Aber der Aufschwung in dem Schwerpunktland der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (siehe Stichwort) wird zusätzlich begünstigt durch eine erfreuliche politische Entwicklung.

Seit April sorgte der neue Regierungschef Abiy Ahmed für eine Reihe von positiven Überraschungen. Der 42-Jährige entließ politische Gefangene und schloss Frieden mit Eritrea, das sich 1993 von Äthiopien abgespalten hatte. Ein blutiger Krieg, in dem auch das benachbarte Somalia mitgemischt und der Zehntausende Flüchtlinge nach Europa vertrieben hat, endete vor zwei Monaten mit einen historischen Friedensschluss.

Unumkehrbar ist die Entwicklung freilich nicht: „Ohne internationale Hilfe kann der erhoffte Aufstieg kaum gelingen“, sagt der Berliner Institutschef Reiner Klingholz und warnt: „Wenn Äthiopien scheitert, wäre die Stabilität der ganzen Region am Horn von Afrika in Gefahr“.

Der von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) für Dezember in Wien organisierte EU-Afrika-Gipfel sollte dazu beitragen, dass in den Reiseinformationen des Außenministeriums zu Äthiopien auch dieser Hinweis einmal überflüssig wird: „Dennoch kann sich die Sicherheitslage jederzeit unvorhersehbar wieder verschlechtern.“