Aus dem Vergessen geholt

Gut 150 Oberösterreicher haben sich am 13. März auf den Weg nach Dachau gemacht, um der Landsleute, die hier in der Nazizeit inhaftiert waren und zum Teil nicht zurückgekehrt sind, zu gedenken. Jägerstätter-Biografin Erna Putz hatte die von der Katholischen Aktion OÖ, dem Evangelischen Bildungswerk OÖ und der Kirchenzeitung organisierte Gedenkreise initiiert, nachdem sie, wie berichtet, mit ihren Recherchen bereits mehr als 1000 oö. Dachau-Häftlinge dem Vergessen entrissen hat. Mit dabei auch Angehörige von einstigen KZ-Häftlingen, die den schweren Zeiten ihrer Lieben im ehemaligen Konzentrationslager bewusst nachgespürt haben.

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Tor am Eingang zur KZ-Gedenkstätte. © dpa/Hase

Von Melanie Wagenhofer

„Mein Großvater hat nur ganz wenig über seine Zeit in Dachau gesprochen“, sagt der Linzer Theologe Severin Renoldner, der mit seinem Cousin Alfons, seiner Frau und seinen beiden Kindern nach Dachau gekommen ist. Danach gefragt, habe der Großvater harmlose Dinge erzählt und in seinen Erinnerungen fast nur über die Gestapo-Haft geschrieben. Der gebürtige Innviertler Alois Renoldner war Gendarmeriemajor und gehörte damit neben Politikern jener Berufsgruppe an, die die Nazis unmittelbar nach dem Einmarsch einer Säuberung unterzogen haben. Bereits am 13. März 1938 wurde er auf Betreiben eines Vorgesetzten, der zuvor schon illegaler Nazi war, verhaftet und saß ab August 38 in Dachau ein. Monatelang dachte Renoldner, es würde zu einer Anklage kommen, aber es gab keine konkreten Anschuldigungen.

Grausames Aufnahme-Ritual

Schon die Aufnahme war ein grausames Ritual, sein Großvater sei dabei dreimal umgefallen, berichtet Renoldner. Eine Prozedur, die bis zu 36 Stunden dauern konnte. Dabei wurden die Häftlinge oft mit Schlägen und Tritten malträtiert und mit kaltem Wasser übergossen und viele dabei immer wieder ohnmächtig. Während des Zählappells habe sein Großvater still gebetet. Renoldner erlebte auch eine berüchtigte Nacht im Jänner 1939 mit, bei der die Häftlinge elf oder zwölf Stunden bei großer Kälte draußen stehen mussten — die Strafe für einen Ausbruch. Wenn einer der Häftlinge umgefallen ist, durften ihm die anderen nicht aufhelfen, sonst wären sie erschossen worden.

Im Zuge einer Österreicher-Amnesty kam Renoldner im Februar 1939 frei. „Man hat in Dachau Platz gebraucht“, schildert sein Enkel den Grund. An dem Tag, als er nach Hause zurückkam, habe sein Großvater dagestanden in einem Anzug, der an seinem mager gewordenen Körper herabhing und als sein Sohn auf ihn zugelaufen kam und ihn umarmen wollte, schaffte er es nur, ihm die Hand zu reichen. Was er erlebt hatte, war so furchtbar, dass er nicht darüber sprechen konnte. Außerdem habe Renoldner einen Eid leisten müssen, Stillschweigen zu bewahren, so sein Enkel. Als er sich dann doch seinem Bruder anvertraute, musste dieser ihm schwören, nichts weiterzugeben. „Manchmal ist ein Kamerad aus dieser Zeit zu ihm gekommen, dann hat sich der Großvater mit ihm zurückgezogen und die beiden haben hinter geschlossenen Türen miteinander gesprochen.“ Nach dem Krieg war Alois Renoldner Gendarmerie-Oberst im besetzten Mühlviertel, er starb 1966 im Alter von 82 Jahren.

Wie es den Häftlingen in Dachau ergangen ist, weiß der evangelische Diakon Klaus Schultz, der Besucher seit mehr als zwei Jahrzehnten durch die Gedenkstätte führt. Die Entmenschlichung begann im sogenannten Schubraum. Auf der einen Seite mussten sich die Inhaftierten nach Anfangsbuchstaben sortiert aufstellen, auf der anderen Seite warteten SS-Leute. Die Häftlinge wurden gewzungen, ihren Austritt aus der Krankenversicherung zu unterschreiben: „Damit verzichteten sie auf jede medizinische Hilfe“, erklärt Schultz. Aus dem Namen wurde eine Nummer, die der Häftling nicht einmal behielt, wenn er in ein anderes Konzentrationslager überstellt wurde, was häufig vorkam. Die Entwürdigung ging mit der Entledigung aller Kleider und allen Besitzes weiter, im Duschraum mussten die Inhaftierten mit eiskaltem Wasser duschen und es wurden ihnen die Haare geschoren — und das selbst im Winter bei offenen Fenstern. Dann wurden Häftlingsuniformen verteilt, ungeachtet der passenden Größe musste jeder anziehen, was er bekommen hat. Der dicke Stoff der Kleidung wurde kaum jemals trocken. Wer erkrankte, war zusätzlich in Gefahr, nämlich in die Selektion zu geraten, die das Todesurteil bedeutete: Mehr als 2000 KZ-Häftlinge wurden von Dachau nach Hartheim geschickt.

Dachau, das bereits seit März 1933 bestand, galt als Modelllager für alle anderen. Es war das erste Konzentrationslager, hier wurden Lagerkommandanten ausgebildet. Dachau war kein Vernichtungslager, aber es gab nirgendwo sonst so viele politische Morde. Mehr als 200.000 Menschen waren bis 1945 in dem Männerlager und seinen Außenlagern inhaftiert, rund 42.000 kamen dort zu Tode. Nach außen gab man sich harmlos. Die SS lud sogar Organisationen wie das Rote Kreuz zur Besichtigung des Vorzeigelagers ein. Natürlich ohne Kontakt zu Häftlingen.

Der riesige Appellplatz wurde eigentlich für 5000 Menschen konzipiert. Doch es wurden immer mehr Häftlinge. Bis zu 32.000 schleppten sich morgens und abends hierher zum berüchtigten Zählappell, Kranke und Tote mittragend. Nach etwa eineinhalb Stunden wurden die Häftlinge morgens zur Arbeit eingeteilt und geschickt (Kiesgrube, Fabrik, Gärtnerei, Kommune …). Eine Prozedur, getragen von Schikanen der SS-Leute, die abends nach einem zwölfstündigen Arbeitstag auch stundenlang dauern konnte. So überfüllt wie der Appellplatz waren auch die Baracken. Brachen Krankheiten aus — am gefürchtetsten war Flecktyphus —, dann wurden Baracken mit Betroffenen einfach abgesperrt und gewartet, bis es vorbei war. Immer wieder seien Häftlinge in den geladenen Zaun freiwillig in den Tod gesprungen, so Schultz.

43 Priester aus OÖ

Laut Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes waren bisher die Namen von rund 300 Oberösterreichern bekannt, die in der Nazizeit in Dachau inhaftiert waren. Erna Putz hat bei ihren Recherchen herausgefunden, dass es mehr als 1000 Oberösterreicher, darunter 104 Personen jüdischer Abstammung, waren, die dieses Schicksal teilten. Putz: „Die ersten Verhaftungen fanden statt, noch bevor Hitler in Oberösterreich war.“ In Dachau saßen besonders viele Priester und Ordensleute ein, vor allem aus Polen. 43 Priester stammten aus Oberösterreich,19 überlebten Dachau nicht. Erna Putz erinnert etwa an Pfarrer Matthias Spanlang aus St. Martin im Innkreis: Spanlang, der bereits am 13. März 1938 verhaftete wurde, weil er öffentlich seine Ablehnung des Nationalsozialismus ausgedrückt hatte, wäre nach einem Jahr in Dachau freigegangen. Als die SS die Ortsparteileitung von St. Martin nach ihm befragte, hieß es, er wäre ein Unruhestifter, so Putz: „Von da an war er Freiwild.“ Der Vorgang wiederholte sich, jedes Mal lehnten die politisch Verantwortlichen von St. Martin die vorgeschlagene Freilassung ab: Am 5. Juni 1940 verstarb Spanlang im KZ Buchenwald, wohin er im Herbst 1939 überstellt worden war. Über die näheren Todesumstände gibt es keine Gewissheit.

Den Opfern ihre Namen wieder geben

Viele Angehörige von ehemaligen KZ-Häftlingen hätten es dankbar aufgenommen, dass jemand darüber spricht, so Putz, dass diese Menschen aus der Vergessenheit geholt und ihnen wieder ihre Namen gegeben werden. Putz wünscht sich, dass nicht nur das Dachauer Gedenkbuch weiter vervollständigt wird, sondern eines für Oberösterreich angelegt und auch die oö. Insassen anderer Konzentrationslager dokumentiert werden.
Wo einst die Baracken standen, deuten große Felder gefüllt mit Steinen diese heute an. Am Ende der Allee stehen weithin sichtbar und mahnend die Gedenkstätten verschiedener Religionsgemeinschaften, eine evangelische Kirche, die katholische Todes-Angst-Christi-Kapelle, vor ihr ein Glockenturm mit einer ganz besonderen Glocke: Sie wurde von ehemaligen österreichischen KZ-Häftlingen gespendet und wird jeden Tag zur gleichen Zeit geläutet. Das berührendste Mahnmal ist das jüdische, dessen düsteres Inneres nur Kerzenlicht und eine kleine Öffnung, durch die ein schmaler Streifen Licht dringt, erhellen. Nach der feierlichen Verlesung eines Teiles der Namen der oö. Opfer versammelten sich die Teilnehmer der Gedenkreise zum Gebet in der jüdischen Gedenkstätte. Bei der anschließenden Messe, die Bischof Manfred Scheuer mit dem evangelischen Superintendenten Gerold Lehner und dem Wilheringer Abt Reinhold Dess zelebrierte, kam jener Kelch zum Einsatz, den der Steinerkirchner Pfarrer Heinrich Steiner, der von 9. Dezember 1940 bis zur Befreiung am 29. April 1945 in Dachau einsaß, von dort mit nach Hause gebracht hat. Die Feier fand in der Kirche der Schwestern von Karmel statt, die sich gleich neben der Gedenkstätte niedergelassen haben, um ein Zeichen zu setzen, dass das Grauen nicht das letzte sein dürfe, was an diesem Ort zu finden sei.
Ähnlich wie den Renoldners erging es auch der Tochter von Isidor Blau, die nicht namentlich genannt werden möchte. Ihr Vater habe nie über seine Zeit in Dachau gesprochen. Der jüdische Pferdehändler war gleich nach dem Anschluss verhaftet und sofort ins KZ Dachau überstellt worden. Die Kinder wurden noch 1938 mit einem Kindertransport nach England gebracht, die Mutter schaffte es schließlich, den Vater im Juli 39 freizubekommen und mit ihm nachzukommen. 1948 kehrte die Familie nach Österreich zurück. Gemeinsam besuchte die Familie das ehemalige Lager, das seit 1965 eine Gedenkstätte ist: Seine Tochter erinnert sich daran, dass alle geweint, aber niemand darüber gesprochen habe. Für sie ist es wichtig, an diesen Platz zurückzukehren. „Hat man nicht auch eine Verpflichtung, hierherzukommen?“