Ausladendes Gemälde der spätromantischen Epoche

Salzburger Festspiele: Camerata Salzburg und Sängerin Elisabeth Kulman glänzen unter dem Dirigat von Sir Roger Norrington

Festspiel-Highliht: Sängerin Elisabeth Kulman und die Camerata unter Roger Norrington
Festspiel-Highliht: Sängerin Elisabeth Kulman und die Camerata unter Roger Norrington © Salzburger Festspiele/Marco Borrelli

Von Bernadette Schmoigl

Im Großen Saal des Mozarteums, einem der schönsten in ganz Salzburg, versammelte sich im Rahmen der Festspiele ein Publikum, das Erlesenes liebt. Die Camerata Salzburg, bestehend aus außerordentlich fähigen Musikern, bestach durch kammermusikalische Individualität, wunderbare Klangschöpfungen und Begeisterungsfähigkeit. Mit Dirigent Sir Roger Norrington geriet der Abend zu einem ausladenden Gemälde der spätromantischen Epoche.

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Gesang, der auf Gefühlswolken schwebt

Am Beginn stand Richard Wagners 1870 entstandene einsätzige Symphonie „Siegfried-Idyll“. Cosima Wagner notierte dazu, das Werk stelle „unbewusst unser ganzes Leben“ dar. Wagners „Fünf Gedichte für eine Frauenstimme und Klavier“ kamen im Jahre 1857 zur Erstaufführung. Seine damalige Muse Mathilde Wesendonck, nach eigenen Aussagen „erste und einzige Liebe“, hatte die Gedichte „von den Schmerzen und Träumen“ geschrieben. Hans Werner Henzes feine, intellektuelle Instrumentierung ließ den Gesang von Elisabeth Kulman wundersam auf diesen Gefühlswolken schweben. Ihre farbenreiche Altstimme wiederum trug den Zuhörer tief in das romantische Geschehen hinein. Gekonnt meisterte die großartige Sängerin die Anforderungen an Stimmumfang und kammermusikalisches Musizieren.

Seine Krönung erfuhr der Abend durch Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ op. 4. Dem Streichsextett, in nur drei Wochen im September 1899 entstanden, liegt ein Gedicht des damals sehr bekannten spätromantischen Literaten Richard Dehmel zugrunde. Die fünf Strophen des Gedichtes schildern eine Waldszene mit einem Paar. Sie liebt ihn, erwartet jedoch von einem anderen ein Kind und klagt sich selber an. Die Stimme des Mannes tröstet, er nimmt das Kind als Eigenes an. „Du wirst es mir von mir gebären, du hast den Glanz in mich gebracht du hast mich selbst zum Kind gemacht.“ Schönbergs Übersetzung der Worte in Musik führt durch den anfänglich „kahlen, kalten Hain“ bis zum erleuchteten Ende — „ihr Atem küsst sich in den Lüften zwei Menschen geh’n durch hohe, helle Nacht“.

Fesselnde, liebevolle Interpretation

Die fesselnde, liebevolle Interpretation durch die Camerata und Roger Norrington wurde mit nicht enden wollenden Standing Ovations belohnt. Eine Draufgabe war nicht mehr möglich. Dirigent und Musiker fielen einander in die Arme — verklärte Nacht. Wer sie nicht erlebt hat, ist zu bedauern, der Saal war leider nicht ausverkauft. Die blaue Blume blühte in Salzburg, dieses Mal jenseits der großen Show.