Ausstellung im Künstlerhaus zeigt Mechanismen von Erinnerung

Was haben die zum Falten von Nelken für den 1. Mai nötigen Handgriffe, Gesten einer Löwendompteurin und das ruhige Fließen der Donau gemeinsam? Sie sind Resultate spezifischer Auseinandersetzungen mit kollektiven und persönlichen Erinnerungen und Teil der Ausstellung „Autoarchive Reloaded“, die heute, Mittwoch, Abend (online, versteht sich) in der Wiener Künstlerhaus Factory eröffnet wird. Im Zentrum stehen private Archive und die Weitergabe von Wissen.

Die Künstlerinnen Om Bori, Veronika Burger und Christina Werner haben sich im Rahmen eines Open Calls des Künstlerhauses im weitesten Sinn mit Archiven als Wissensspeicher auseinandergesetzt. Die Resultate könnten unterschiedlicher nicht sein. Auf den Körper als Archivmedium setzt etwa die Wienerin Veronika Burger. Sie hat eine typische sozialdemokratische Geste rekonstruiert. Dabei geht es aber nicht um die gereckte Faust, sondern um die Handbewegungen, die zum Falten der roten Papiernelken für den Maiaufmarsch nötig sind. Eine App (unter ) und ein eigener Arbeitsplatz ermöglicht das selber Üben und Weitergeben der Bewegungserinnerung, eine Video-Installation zeigt drei Hand-Models beim Falten. Der Witz dabei: Gearbeitet wird ganz ohne Material. Statt realen Papierblumen entstehen also Luftobjekte, deren Aussehen der eigenen Fantasie überlassen bleibt. Ganz ausgestorben sind die Papiernelken laut Burger aber noch nicht. Alljährlich würden noch an die 300 Nelken vor dem 1. Mai ehrenamtlich gefaltet, versichert die Künstlerin beim APA-Rundgang.

Für ihre mehrteilige Arbeit „A Lion Tamer Story“ hat die in Wien lebende Schweizerin Christina Werner Fragmente der Biografie ihrer Mutter verwendet, in die sie jedoch Fake-Elemente eingeschmuggelt hat. „Es gibt schon Funken Wahrheit, welche, bleibt aber offen“, so die von der Fotografie kommende Künstlerin. Es geht um eine Frau mit Migrationsgeschichte, die gerne Löwendompteurin geworden wäre. Fotos treffen in der mehrteiligen Installation auf im 3-D-Drucker hergestellte Löwinnenköpfe, einen Satinvorhang und ein Video, in dem eine Performerin jene Gesten der Macht praktiziert, die zum Arbeitsalltag einer Löwenbändigerin gehören würden.

Nicht aufs Glatteis, sondern ans Donauufer führt dagegen die Arbeit der Berliner Medienkünstlerin Om Bori. Für ihre achtminütige Drei-Kanal-Videoinstallation „Maria-Josefin-Margarete“ hat sie sich mit den Biografien ihrer Urgroßmutter, der Großmutter und der Großtante befasst. Dass die von Kriegs- und Fluchterfahrungen geprägten Lebensgeschichten durch die Donau wie ein Roter Faden verbunden sind, arbeitet sie in den Bildern wie im Display heraus.

Archive sind nichts Statisches, sondern dynamisch, einem ständigen Prozess des Weiterarbeitens unterworfen, lautet das Fazit der Ausstellung „Autoarchive Reloaded“, die Staunen und Schmunzeln gleichermaßen macht. Dazu gibt es ein in Kooperation mit Saloon Wien und der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs entwickeltes Begleitprogramm.

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(S E R V I C E – „Autoarchive Reloaded“, Ein Projekt von Veronika Burger, Om Bori und Christina Werner in der Künstlerhaus Factory, Wien 1, Karlsplatz 5, 18.3. bis 7.4., tgl. 10-18 Uhr, )

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