Autobiografisches Plädoyer eines großen Maestros

Franz Welser-Möst: Als ich die Stille fang. Ein Plädoyer gegen den Lärm der Welt. Notiert von Axel Brüggemann. Brandstätter Verlag, 192 Seiten, € 22,00
Franz Welser-Möst: Als ich die Stille fang. Ein Plädoyer gegen den Lärm der Welt. Notiert von Axel Brüggemann. Brandstätter Verlag, 192 Seiten, € 22,00 ©

Pünktlich zum 60. Geburtstag erschien im Brandstätter-Verlag Franz Welser-Mösts autobiografisches Werk „Als ich die Stille fand“, notiert von Axel Brüggemann, Untertitel: „Ein Plädoyer gegen den Lärm der Welt“.

Allein schon die Struktur des Buches ist außergewöhnlich. Es gliedert sich in „Die Lehre der Musik“, „Die Orte der Musik“, „Märkte der Musik“ und „Künstler und die Musik“. Dazwischen gibt es Kommentare, vom Autor als „Wanderung“ bezeichnet. Dabei nutzt Welser-Möst auch die Gelegenheit, um allgemeine, durchaus philosophische Gedanken um den Musikbetrieb und darüber hinaus einzubauen.

Es beginnt mit dem Autounfall, der den 18-jährigen Violinschüler aus der geplanten Bahn warf, freilich ohne zu wissen, dass damit die Karriere als Dirigent erst möglich wurde. Unmittelbar nach dem Crash schildert Welser-Möst eine erste existenzielle Stille, die ihn umhüllte. In launiger Weise wird sein Lehrer am Linzer Musikgymnasium, Balduin Sulzer, geschildert, der ihm mit unkonventionellen Methoden den Weg wies. In diesen Jahren sei ihm erstmals bewusst geworden, dass sich der Lärm in einer zunehmend lauten Welt in (musikalische) Harmonien ordnen kann, weil uns der Klang ein Bewusstsein für die Stille schenke.

Auch Rückschläge werden angesprochen, z. B. seine Lehrjahre in London, die ihn beinahe zum Aufgeben der Dirigiertätigkeit gebracht hätten. Gerettet habe ihn ein Angebot von Alexander Pereira aus Zürich, wo er als Chef der Oper dreizehn Jahre verbrachte und ihm der Aufbau eines gigantischen Repertoires ermöglicht worden sei.

In der Oper gebe es, so Welser-Möst, zwei Schöpfungsakte. Im Gegensatz zu einem Roman oder einem Bild, das auch noch nach Jahrhunderten so dasteht, wie es geschaffen wurde, sei im Musiktheater jede Neuinszenierung zeitbezogen zu betrachten, auf die Aktualität des Stückes zu achten usw. Also einem zweiten Schöpfungsakt zu unterziehen. Auch dürfe man nicht den gesellschaftlichen Wandel außer Acht lassen.

Zurück zur Stille. Zu den schönsten Momenten jenseits der Musik zählt für den Frühaufsteher das Werden eines neuen Tages. Da sei er richtig „bei sich“ und genieße die Ruhe, die eigentlich gar keine sei — man müsse eben nur zuhören können.

Auch auf seine Differenzen mit der abgelaufenen Staatsopern- direktion kommt Welser- Möst zu sprechen, die zu seinem Rücktritt aus dieser Funktion führten. Dabei haben persönliche Animositäten gar keine Rolle gespielt, vielmehr habe er seine Visionen und künstlerischen Vorhaben nicht mehr umsetzen können, ohne, wie er schreibt, sich zu verbiegen.

Die Erwähnung der Kritik oder – besser gesagt – der Kritiker, geschieht nicht ohne Distanz und Zitate wie etwa von Georg Kreisler: „Es gehört zu meinen Pflichten, Schönes zu vernichten“ — freilich manchmal nicht ganz zu Unrecht, wie Welser-Möst immerhin einräumt.

Und immer wieder ist bei ihm der Geist der Stille ein großes Thema, etwa wenn er seinen Rückzugsort, die eigene Bibliothek, erwähnt. Auch sind immer wieder seine Anfänge in Linz Thema mit den Dirigenten Kurt Wöss und Theodor Guschlbauer, die ihn geprägt haben. Als Oberösterreicher sind wir ja immer geneigt, den Dirigenten als „Einen von uns“ zu sehen, bloß weil er hier geboren wurde. Das würde allerdings zu kurz greifen. Vielmehr hat man es, das geht auch aus diesem Buch klar hervor, in Franz Welser-Möst mit einem überaus vielseitig gebildeten Menschen charismatischer Natur zu tun, und das nicht nur in musikalischer Hinsicht. Das Buch liest sich zudem vergnüglich, bewundernswert auch der Stil. Es sollte in keinem musikinteressierten Haushalt fehlen und ist gerade auch für junge, heranreifender Künstler wertvoll.

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