Bachmann-Preis-Autorin Marwan glaubt an Autoren als Eremiten

Slowenische Autorin schreibt mittlerweile auch auf Deutsch © APA/HARALD SCHNEIDER

Im Herbst 2019 debütierte die aus Slowenien stammende Autorin Ana Marwan mit ihrem auf Deutsch geschriebenen tragikomischem Roman „Der Kreis des Weberknechts“ im Otto Müller Verlag, im Vorjahr erschien ihr erstes Buch in ihrem Heimatland. Beide Bücher sollen nun vice versa in die andere Sprache übersetzt werden. Zuvor stellt sich die 41-Jährige aber noch der Jury beim Bachmann-Preis in Klagenfurt.

Dass sie dort nun auf Einladung von Klaus Kastberger liest, war in ihrem Autorinnenleben nicht unbedingt vorgesehen: „Ich bin zwiegespalten“, lacht die Slowenin im APA-Interview: „Der Bachmann-Preis war zwar immer irgendwie Wunsch, andererseits widerspricht er meinem Glauben, dass Schriftsteller Eremiten sind, die irgendwo in einem dunklen Zimmer schreiben, weil sie sich nicht zeigen wollen.“ In Klagenfurt als Person aufzutreten und sich porträtieren zu lassen, sei für sie eine Herausforderung. „Was ich am Schreiben so mag ist, dass man so lange daran arbeiten kann, bis man zufrieden ist. Wenn man sich in Echtzeit präsentieren muss, hat man nur einen Versuch.“

Schlussendlich habe sie sich aber gefreut, als der Otto Müller Verlag sie zur Teilnahme ermuntert habe. „Es war eine schöne Gelegenheit, wieder arbeiten zu müssen. Ich mag Fristen und Aufgaben“, so Marwan. Schließlich habe sich durch die Anschaffung eines Hundes, mit dem sie in den Wäldern in der Nähe ihres Hauses in Niederösterreich oft spazieren geht, eine Textidee herauskristallisiert. „Es war für mich etwas ganz Neues, die Seele des Hundes zu entdecken, die mir das Herz aufgemacht hat und mich in einer Art sensibel gemacht hat, mit der ich nicht mehr gerechnet habe.“ Fast täglich habe sie sich anekdotenhafte Notizen darüber gemacht. „Als ich das in eine Geschichte verwandeln wollte, ist aber plötzlich etwas entstanden, wo der Hund gar nicht mehr vorgekommen ist“, schmunzelt Marwan, die somit gar nichts über ihren Text verraten habe. „Ich mag Schaffensprozesse, wo am Ende etwas Ungeplantes entsteht.“

Obwohl sie erst im Alter von 25 Jahren nach Österreich kam, habe sie sehr schnell den Wunsch verspürt, auf Deutsch zu schreiben (“Bis dahin hatte ich auf Slowenisch nur einmal mit sieben Jahren ein Gedicht in einer Bezirkszeitung veröffentlicht”). Deutsch konnte sie schon aus der Schule, wo die Sprache Pflichtfach war. „Es war für mich wie bei einem Tischler, der das ganze Leben Tische aus Birken macht und dann plötzlich die Gelegenheit bekommt, Eiche auszuprobieren“, umschreibt sie ihre ersten Gehversuche mit deutschen Texten. „Ich habe bemerkt, dass ich mich teilweise freier ausdrücke, weil Wörter neu und rein waren und ich keinen Ballast von vergangenen Emotionen und Kontexten damit verbunden habe.“ Sehr wohl sei der Ausdruck am Anfang limitiert gewesen: „Ich habe nur gesagt, was ich konnte. Das war auch sehr spannend.“ Und erfolgreich: 2008 wurde sie für ihre Kurzgeschichte „Deutsch nicht ohne Mühe“ mit dem Exil-Literaturpreis „Schreiben zwischen den Kulturen“ ausgezeichnet.

Dennoch gebe es Texte, die sie lieber auf Slowenisch schreibt, so wie ihren 2021 erschienenen Roman „Zabubljena“. Der Literaturbetrieb in Slowenien sei ein gänzlich anderer als in Österreich, wo Autoren für verkaufte Exemplare bezahlt werden. „In Slowenien wird man pro Zeichen bezahlt, was nicht selten dazu führt, dass dickere Bücher erscheinen“, lacht Marwan, die übrigens kaum zeitgenössische Literatur konsumiert. „Ab circa 1970 höre ich auf, weil ich Angst habe, mich mit anderen zu vergleichen oder beeinflusst zu werden.“ Und so schwärmt sie eher von Elias Canetti oder Thomas Bernhard. Auch Ingeborg Bachmanns „Der Fall Franza“ habe sie sehr beeindruckt.

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Angst vor negativem Juroren-Feedback beim Bachmannpreis habe sie nicht: „Mit negativen Reaktionen habe ich generell im Leben viel Erfahrung. Man kann es nicht allen recht machen, daher glaube ich, dass ich auch mit Kritik zu meinen Werken gut umgehen kann“, so Marwan, der es auch nicht um einen Karriereschub geht: „Heutzutage gibt es einen Überfluss an Reizen. Ich glaube, dass ein Einzelner in diesem Meer untergeht, was ich aber gar nicht schlecht finde.“ An dauerhaften Riesenerfolg glaubt sie nicht. „Wenn man mit einem Werk Seelenverwandte angesprochen hat, bleiben sie vielleicht bei einem. Sonst ist es eine Glückssache, ob man jemanden erreicht oder nicht.“

bachmannpreis.orf.at

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