Backe, backe Quarantänekuchen

Wie sich ein VOLKSBLATT-Redakteur „Dahoam“ als Neo-Jindrak versucht

Was tun, wenn einem dieses vermaledeite Virus Hausarrest eingebrockt hat? Endlich den Keller aufräumen.

War eh schon Zeit. Man ahnt gar nicht, in welche Schatzkammer sich so ein Untergeschoß durch die Jahre verwandelt.

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Ganz hinten unter einer Menge Kram stoße ich auf eine verstaubte Schachtel. Sie birgt einen Hit der 1980er Jahre, einen Urahn des neumodischen Thermomix: eine Küchenmaschine, die wirklich alles konnte. Obst entsaften, Zwiebel hacken, Gemüse schneiden und Teig kneten. Ein Wunderding, das man einmal unbedingt haben musste, und jetzt nach Jahren originalverpackt wiederentdeckt wird.

Erst der Quarantänetrott setzt kühne Gedanken frei. Man könnte doch… Nein, kann ich nicht! Hab’ ich doch noch nie gemacht: einen Kuchen backen. Selber, ganz alleine!?

Corona kills Rollenbild

Man hat sich in fast 60 Lebensjahren schon so mancher Herausforderung gestellt, Kuchen buken aber stets die Frauen. Mann kann das nicht. Denkt nicht einmal daran. Bis jetzt. Denn der Schatz aus dem Keller schreit: „Probier mich doch, jetzt hast du Zeit!“

Aber ich hamsterte nicht nur kein Klopapier, sondern auch keine Eier, ohne die es aber keinen Kuchen gibt. Stimmt nicht, sagt die Google-Tante und findet unzählige Rezepte für „Kuchen ohne Ei“.

Küchenwaage wozu?

Okay, ich habe Butter und Milch, Mehl und Zucker, aber keine Küchenwaage im Männerhaushalt. „Dann nimm halt die aus dem Badezimmer“, sagt mein krisenbedingt im Improvisationsmodus laufendes Großhirn. Auch dieses Problem wäre somit gelöst.

Also 100 Gramm weiche Butter und 170 Gramm Zucker von der Wundermaschine schaumig rühren lassen. Während das Backrohr auf 180 Grad hoch heizt, mit der Körperwaage vage gemessene 250 Gramm Mehl mit Backpulver vermischen und in den Butterzuckerbrei rühren. Es ist weniger kompliziert, als gedacht. Eigentlich ein Klacks!

Wie bei Mutti

Die Teigmasse schmeckt tatsächlich so wie jene, die der kleine Fredi vor 50 Jahren vom Quirl schlecken durfte, wenn Mutti Kuchen zauberte. Es kann also gar nicht anders sein: Da entsteht gerade ein Gesellen-, nein: ein Meisterstück.

40 Minuten Backzeit für Fantasie: Bin ich vielleicht ein verkanntes Zuckerbäckernaturtalent, sozusagen ein Altbackender, der demnächst sein Kuchen-Startup gründen wird? Leo Jindrak, der Linzer Konditoren-Bundesinnungsmeister, wird sich bald warm anziehen müssen, wenn der Neo-Jindrak seinen Backofen anwirft!

Aufgehverbot?

Den Teig im Rohr treiben indes keine hochfliegenden Pläne. Er hält sich strikt an die Quarantäneregeln und quillt nicht durch übermäßiges Aufgehen aus der Backform. Er ist eben kein Blender, der sich aufplusternd in den Vordergrund drängt, sondern er will seine inneren Werte sprechen lassen.

Ja, eh gut...: Maurers erster selbst gebackener Kuchen.
Ja, eh gut…: Maurers erster selbst gebackener Kuchen. ©Maurer

Das darf er auch nach Ablauf der Back- und Abkühlzeit. Der erste selbst gebackene Kuchen ist wie das Baby, dessen Eltern es auf jeden Fall wunderschön finden. So verzückt auch dieser Kuchen den Gaumen seines Schöpfers.

Backkunstbanausen

Dennoch sprechen zwei Gründe gegen das Verteilen von Kostproben: Erstens soll man ja derzeit nicht vor die Tür gehen und, zweitens, finden sich da draußen sicher keine Gourmets, welche diese höchste Form der Backkunst richtig einzuordnen vermögen. Dieser außergewöhnliche Kuchen wird sicher nicht fehlurteilenden Banausen zum Fraße vorgeworfen!

Ganz objektiv betrachtet könnte man auch sagen: Wenn die Coronakrise überstanden ist, holt sich der Neo-Jindrak seinen Kuchen wieder beim Leo Jindrak. Aber das Rezept kriegt der nicht!

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