Bärendienst

Kommentar von Manfred Maurer

Thilo Sarrazin hat wieder — die Prognose ist nicht gewagt — einen Bestseller gelandet. Die schon vor Erscheinen des Buches hochkochende Erregung fördert den Verkauf garantiert. Schon der Titel „Feindliche Übernahme: Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ macht klar: Hier will einer provozieren.
Widerspruch erntet das Noch-SPD-Mitglied völlig zu Recht: Ein Pauschalurteil über „den Islam“ ist ebenso unmöglich wie eines über „das Christentum“, dessen Spektrum ja auch von evangelikalen Tea-Party-Fundis in den USA über Putin-hörige Orthodoxe in Russland bis hin zur Fraktion der Herz-Jesu-Sozialisten reicht.
Allerdings trifft Sarrazins sich mit der Generalisierung selbst ad absurdum führende Analyse auf ein bestimmtes Spektrum des Islam sehr wohl zu. Das Diktum von der „feindlichen Übernahme“ findet sich auch zwischen den Zeilen deutscher Verfassungsschutzberichte, in denen etwa „die Einführung einer islamischen Gesellschaftsordnung“ als „Fernziel“ der Milli-Görüs-Bewegung beschrieben wird. Solche Gruppierungen repräsentieren keinesfalls „den Islam“, verfügen jedoch über einen relevanten Einfluss (auch in der türkischen Gemeinde in Österreich). Sarrazin erweist allerdings all jenen, die sich mit diesen Fundis kritisch auseinandersetzen, einen Bärendienst. Denn sein Buch verhilft der Islamophobie-Keule, welche Milli Görüs & Co. als Ersatz für Argumente schwingen, nur zu noch mehr Schlagkraft.

Hier geht es zum Artikel: Der nächste Aufreger – Thilo Sarrazin provoziert mit Buch über Islam