Bayreuther „Walküre“ von Wotan-Unfall überschattet

Tomasz Konieczny vor seinem Bühnenunfall als Wotan © APA/Festspiele Bayreuth/Enrico Nawrath

Die Familienaufstellung geht weiter: Nach dem Vorabend „Rheingold“ am Sonntag wurde der neue Bayreuther Festspielring in der Regie des jungen österreichischen Regisseurs Valentin Schwarz am Montag mit der „Walküre“ fortgesetzt. Und die Arbeit lässt bereits jetzt den ersten Schluss zu, dass sich derzeit in Bayreuth der erste wirkliche „Ring“ des 21. Jahrhunderts entfaltet. Schwarz setzt die Wagner-Welt radikal und umstandslos ins Heute.

Seine Ästhetik ist die eines großen Familiendramas, in dem die Konflikte, das mystische Geschehen und die Philosophie des „Ring des Nibelungen“ konsequent auf eine Familiensaga fokussiert werden. Kompromisse gibt es ebenso wenig wie Rücksichtnahme auf historisierende Requisiten oder Librettoanweisungen.

Beispielsweise lieferte der junge Wagner-Shootingstar Lise Davidsen die bereits erwartete, nicht schneidende, sondern atemgewaltige Leistung ab – als hochschwangere Sieglinde. So wird bei Schwarz Sieglinde nicht erst von ihrem Zwillingsbruder Siegmund in andere Umstände gebracht, sondern sie trifft auf diesen, als sie bereits im 9. Monat schwanger ist. Ob damit Brutaloehemann Hundling der Vater des Kindes ist, das später zu Siegfried heranreifen wird und also der Held damit gar kein Inzestprodukt, das bleibt abzuwarten. Wagners Werk und Schwarz’ Beitrag halten da noch Überraschungen bereit.

Und das ist beileibe nicht die einzige. Die Walküren sind schönheitschirurgisch behandelte, oberflächliche „Weibchen“, die statt Pferden Lustknaben halten. Göttin Freia hat sich nach ihrem Entführungstrauma durch die Riesen umgebracht, womit die Götterwelt ob der fehlenden, lebensverlängernden Goldäpfel eigentlich eh schon angezählt wäre. Und Wotan lässt am Ende Fricka abblitzen und verabschiedet sich ins Landstreicherdasein des Wanderers. Das ist in der Opernwelt in diesem radikalen Schnittansatz bezüglich einer Vorlage ungewohnt, aber stimmig. Wie es weitergeht, wird man sehen – wer würde sich schon nach den ersten zwei Folgen einer Streamingserie ein fundiertes Urteil erlauben?

Der Abend war allerdings überschattet vom Bühnenunfall von Staatsopernliebling Tomasz Konieczny. Der 50-jährige Pole ließ sich als Wotan im 2. Aufzug in einen Fernsehsessel fallen – der unter ihm zusammenbrach. Der Bassbariton ließ sich nichts anmerken und biss die Zähne zusammen. Vor dem 3. Aufzug musste der Bayreuth-Pressesprecher allerdings verkünden, dass sich Konieczny bei dem Zusammenbruch derart verletzt habe, dass er sich nicht in der Lage sehe, den Abend zu beenden. Sein deutscher Kollege Michael Kupfer-Radecky – heuer eigentlich als Gunther in der „Götterdämmerung“ engagiert – sprang spontan ein und spielte die Partie nicht nur zu Ende, sondern empfahl sich mit schneidigerem, angriffigerem Timbre auch als der wutschnaubende Wotan des letzten Aufzugs. Ob Konieczny nun am Mittwoch im „Siegfried“ singen wird können, ist derzeit noch unbekannt.

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Überhaupt scheint die Wotan-Rolle heuer unter keinem guten Stern zu stehen. Schließlich hatte den Part ursprünglich der österreichische Starbass Günther Groissböck übernehmen sollen, der aber bereits im Vorjahr aus persönlichen Zweifeln abgesagt hatte. Es sprang für ihn der Schwede John Lundgren ein, der dann im vergangenen Juni „aus persönlichen Gründen“ zurückzog, worauf Egils Silins im „Rheingold“ und Konieczny für die „Walküre“ und den „Siegfried“ einsprangen.

Am anderen Ende des Stimmspektrums fand sich Montagabend Klaus Florian Vogt mit seinem charakteristisch leicht-lyrischen Timbre, das als Siegmund zugleich eine phänomenale Wortverständlichkeit garantiert. Letzteres gilt auch für Georg Zeppenfeld, der mit seinem ungemein beweglichen Bass als Hundling brillierte und lediglich nicht direkt die richtige Statur hat für einen vollschlanken Waldmann. Einzig Iréne Theorin als Brünnhilde fiel hier ab – mit schneidender Klangfarbe und fehlender Verständlichkeit.

Ganz den eingeschlagenen Weg der Transparenz setzte indes Cornelius Meister im Graben fort. Weniger bläserlastig als im „Rheingold“, dafür jeden Moment von Einzelinstrumenten auskostend, ist der Meister-„Ring“ eine nahezu frühromantische Interpretation der Partitur. Übervolles Pathos oder Klangamalgam sucht man hier, wenn man es denn sucht, vergebens. Nun heißt es bis Mittwoch ausharren, wenn das Bayreuther Binge-Watching mit dem „Siegfried“ weitergeht.

Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen: Die Walküre“ bei den Bayreuther Festspielen. Musikalische Leitung: Cornelius Meister, Regie: Valentin Schwarz, Bühne: Andrea Cozzi, Kostüme: Andy Besuch. Mit Siegmund – Klaus Florian Vogt, Hunding – Georg Zeppenfeld, Wotan – Tomasz Konieczny, Sieglinde – Lise Davidsen, Brünnhilde – Iréne Theorin, Fricka – Christa Mayer, Gerhilde – Kelly God, Ortlinde – Brit-Tone Müllertz, Waltraute – Stéphanie Müther, Schwertleite – Christa Mayer, Helmwige – Daniela Köhler, Siegrune – Stephanie Houtzeel, Grimgerde – Marie Henriette Reinhold, Rossweisse – Katie Stevenson. Weitere Aufführungen am 11. und 26. August. bayreuther-festspiele.de

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