Beckett und Rodeo-Kapitalismus

    „Nachtspiel Linz“ variiert „Warten auf Godot“ in der Tribüne Linz

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    Von Christian Pichler

    Es gibt Schlimmeres als an Samuel Beckett, den Autor des Scheiterns („Wieder versuchen./Wieder scheitern./Besser scheitern.“), zu scheitern. Das Scheitern des Schauspielkollektivs „Nachtspiel Linz“ ist allerdings ein elementares. Beckett schrieb „Warten auf Godot“, heute ein Klassiker des absurden Theaters, in den Jahren 1948/49. Noch in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu Krieg und Vernichtungslagern.

    Der Mensch des Menschen Bestie

    Kommunikation unmöglich, der Mensch des Menschen Bestie. Was bestenfalls noch funktioniert, ist schwärzester Humor.

    Just in diese Theater-Anordnung, in der Sätze keine Bedeutung haben, in der jeder „Sinn“ zerbröselt ist, platziert das Nachtspiel Linz seine Botschaft: Erderwärmung und Zerstörung der Biosphäre die zentralen Probleme dieses, des 21. Jahrhunderts. Höllisch dumm, Zeit zu vergeuden mit vertrottelten Nationalismen und blanker Gier nach Profit. Wahr gesprochen. Dieser „Message“ stimmte wohl ein Großteil des Publikums zu, Premiere der frei gejazzten Version von „Warten auf Godot“ war am Donnerstag in der Tribüne Linz.

    Zwei Schauspieler und zwei Schauspielerinnen, Abkömmlinge des Landestheaters Linz, betreten anfangs noch gewohnte Godot-Pfade. Die Bühne eine angedeutete Müllhalde, Papierfetzen und Plastikflaschen.

    Etwas seitlich platziert ein Planschbecken, darüber ein weißer Plastiksack, aus dem es hin und wieder tröpfelt. Sie formen, die Körper eng aneinander gedrückt, eine Skulptur. Sind sie ein Baum? Ist der Baum jetzt da oder nicht? — Schön absurde Spielerei, Beckett-Style. Die vier (im Programmheft werden nur die Nachnamen genannt: Von Arx, Büchner, Doerig, Weichert; Regie und Konzept: Dulisch) teilen unter sich die Sprechrollen der Hauptfiguren Estragon und Wladimir auf. In der herkömmlichen Interpretation zwei Landstreicher, die auf ihn warten: Godot (Gott?). Ein sinnloses Unterfangen, die Zeit totgeschlagen mit ebenso sinnlosen Gesprächen.

    Reitend wird über die Eurozone debattiert

    Den Humor Becketts hat das Quartett in wunderbar komischen Momenten eingefangen. Die Pausen, das Schweigen, der staubtrockene ins Leere laufende Witz. Sehr witzig auch der Mittelteil, eine Neuschöpfung. Auf in Museen gebräuchlichen Klappstühlen reitend und durchgebeutelt, wird rasend über die Rettung der Eurozone debattiert. Angeklagt „Überschussländer“ wie Deutschland und Österreich, exportierte Arbeitslosigkeit. Ein Rodeo-Kapitalismus, der früher oder später alle Beteiligten abwirft. Dann aber ein Vortrag als Tiefpunkt, Reden werden geschwungen, Karikatur eines (Brecht’schen) Theaters. Ist das noch ernst zu nehmen?

    Wahre Worte, tollpatschig platziert. Nach knapp zwei Stunden (ohne Pause) trotzdem fetter Applaus.

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    Vorstellungen noch am 13., 19., 23. und 24. 1., jeweils um 20 Uhr. Karten unter Tel.: 0699/11 399 844