Beethoven-Jahr 2020: “Man kommt an ihm nicht vorbei”

“Willensstark, emotional und unbeugsam”: So charakterisiert die Historikerin und Kuratorin im Wien Museum, Lisa Noggler-Gürtler, im APA-Interview das Musikgenie Ludwig van Beethoven, dessen Geburtstag sich heuer zum 250. Mal jährt. Um das Jubiläum gebührend zu feiern, wurde in Wien 2020 zum Beethoven-Jahr erklärt.

Beethoven war ein Star seiner Zeit – und in seinem Schaffen sowohl für die Musiker als auch für die Zuhörer “bahnbrechend”, weiß Noggler-Gürtler, die sich intensiv mit dem Komponisten, der an zunehmender Taubheit litt, auseinandergesetzt hat. So hat er sich gegen die zu jener Zeit herrschenden Musikgepflogenheiten aufgelehnt und Neues geschaffen – etwa was die Länge von Opern, Sätzen oder die Emotionalität angeht. “Die damaligen Instrumente klangen anders als heute, und die Konzerträume waren viel kleiner – die Musik, die Beethoven komponierte, wirkte dementsprechend lauter. Im Vergleich müsste einem Konzert mit 35 Musikern im alten Universitätssaal zu Beethovens Zeit heute in der Berliner Philharmonie ein Orchester von 1.000 Musikern gegenüberstehen.”

Auf die Frage, mit welchem Star der heutigen Zeit man Beethoven am ehesten vergleichen könnte, fällt Noggler-Gürtlers Wahl auf die US-Sängerin Billie Eilish. “Billie Eilish geht einfach konsequent einen anderen Weg. Sie folgt nicht dem Mainstream, macht andere Musik und lässt nicht beirren, wie man auszuschauen hat.” Beethoven sei in manchem – wenn auch nicht in allem – vergleichbar: “Er war nicht wirklich zuordenbar.”

Mit Blick auf Beethovens Schaffen hält sie es ohne Frage für wert, dass dem Musiker gleich ein ganzes Gedenkjahr gewidmet wird. Denn seine Bedeutung für die Musikgeschichte ist unbestritten: “Sofort nach Beethovens Tod ging es damit los, ob sich die nachfolgenden Musiker an ihm orientieren oder sich von ihm komplett abwenden. Man kommt an ihm nicht vorbei. Das ist auch dem geschuldet, dass er in der Musik vieles verändert, neu und anders gemacht hat. Aber auch, dass nach ihm Grenzüberschreitungen in der Musik möglich waren, die vorher nicht möglich waren.”

Geboren wurde Beethoven Mitte Dezember 1770 im deutschen Bonn, wo er auch aufwuchs. Erst als junger Erwachsener kam er nach Wien – vorerst um Unterricht bei Joseph Haydn zu nehmen. Und er blieb. Zeit seines Lebens zog er in der Residenzstadt der Habsburger bzw. im Umland (je nach Quelle und Zählart) zwischen 40 und 70 Mal um. Wobei: Dieses Nomadenleben sei zur damaligen Zeit nicht ungewöhnlich gewesen, versicherte Noggler-Gürtler. Viele jener, die in Miete lebten, packten zwei Mal im Jahr – im Frühling und im Herbst – ihr Hab und Gut, um die Wohnung zu wechseln. Wobei die Historikerin auch eingestand: “Man nimmt schon an, dass Beethoven nicht der einfachste Nachbar war. Alleine sein Komponieren, aber auch sein schlechter werdendes Gehör haben ihn zu einem lauten Zeitgenossen werden lassen.”

Einige der ehemaligen Wiener Wohnstätten Beethovens werden mittlerweile vom Wien Museum verwaltet. Dazu zählen das Pasqualati-Haus auf der Mölkerbastei und das “Beethoven-Museum” in der Probusgasse in Döbling, das Noggler-Gürtler kuratierte. An beiden Standorten können die Räumlichkeiten zu den Öffnungszeiten besucht werden. Das ebenfalls zum Wien Museum gehörende “Eroica-Haus” in der Döblinger Hauptstraße ist hingegen auf unabsehbare Zeit geschlossen.

Das Beethoven-Jahr läuft bis zum 16. Dezember – dem wahrscheinlichen Geburtstag des Künstlers. Allein im ersten Halbjahr stehen mehr als 200 Veranstaltungen am Programm. Dabei wird Beethoven in allen Facetten durchleuchtet: kulturell, musikalisch, geschichtlich, wissenschaftlich. Beteiligt sind sämtliche große Kulturinstitutionen angefangen von der Staatsoper bis hin zum Kunsthistorischen Museum und dem Wien Museum. Aber auch viele kleinere Einrichtungen wie die Bezirksmuseen oder Volkshochschulen leisten einen Beitrag.

Für Noggler-Gürtler ist Beethoven jedenfalls ein viel geschätztes Ausnahmetalent. Für sie war der Komponist “willensstark, emotional und unbeugsam – weil er sich von bestimmten Dingen auch nicht abbringen ließ.”

(Das Gespräch führte Dorit Ausserer/APA)

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