Begegnung „panierter“ Seelen

    theaterSPECTACEL Wilhering: Premiere der Tragikomödie „Indien“

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    Die Kloszene in „Indien“ mit Bösel (Martin Dreiling) und Fellner (Joachim Rathke)
    Die Kloszene in „Indien“ mit Bösel (Martin Dreiling) und Fellner (Joachim Rathke) © erblehner.com

    Von Philipp Wagenhofer

    Indianer würden oft rumsitzen und stundenlang nichts reden, dann falle ein Wort, ein wichtiges — etwa „Uff!“ —, das alles sage. Samstagabend hatte die Tragikomödie „Indien“ von Josef Hader und Alfred Dorfer in der ausverkauften Scheune des Stiftes Wilhering Premiere. Als Theaterstück, aufgeführt vom theaterSPECTACEL. Und vom Publikum mit viel Applaus begleitet.

    „Wir dachten, dieser Stoff schreit nicht direkt nach einer Verfilmung — der erste Teil spielt in Wirtshäusern, der zweite im Spital“, sagte mir Josef Hader 1993 vor der Kinopremiere von „Indien“. Regisseur Paul Harather sei aber von den Emotionen des Stücks sehr angetan gewesen, von den tragischen und komischen Momenten, so Hader. Der Film wurde zum österreichischen Klassiker.

    Sie gurken von Kaff zu Kaff, öden sich an

    „Indien“ handelt von zwei Beamten, die sich per Schnitzel durch die „panierte“ Landschaft heimischer Gaststätten fressen. Also eigentlich müssen sie Landgasthäuser unter die Lupe nehmen. „Denen schreib‘ i a Bewertung — nächstes Jahr haben die nur mehr Flüchtlinge.“ Sie können sich nicht riechen, der Schnösel Fellner (Joachim Rathke) und der Prolo Bösel (Martin Dreiling), gurken von Kaff zu Kaff, öden sich an, erst der Alkohol löst die Antipathie.

    „Wir wollten in der ersten Hälfte die Ereignislosigkeit, die diese zwei Figuren beherrscht, vermitteln“, sagte mir Hader damals. In Wilhering hat sich Regisseurin Doris Happl (nicht zum ersten Mal hier tätig) diese Zeit nicht genommen, dieses Innehalten, diese Pausen der Sprachlosigkeit … Sie hat gestrafft, Lokalkolorit beigesteuert und die deftigen Sprüche total in den Vordergrund gerückt. Dabei ist es ja die Mischung aus tragisch und komisch, aus ordinär und sensibel, aus grauslich und schön, die dieses Stück ausmacht. „Indien“ habe diese komische Mischung, die das Leben auch hat, so Josef Hader. Und dieser Mix hätte in Wilhering subtiler ausfallen können.

    Zudem hat Joachim Rathke anfangs Schwierigkeiten, dem Schnösel die richtige Sprache zu verpassen. Er wirkt überzogen, künstlich, gar sehr theatralisch. Das freilich legt sich mit der Zeit, nach der Pause, die dem Stück zwei Stunden Dauer beschert, ist auch er glaubwürdig. Exzellent gelingt der Bösel von Martin Dreiling, der den „Koffer“ treffend plausibel macht. Bei ihm passen Artikulation und Dosierung sofort. Diverse Nebenjobs — wie die Wirte — erledigt Franz Steinberger adäquat.

    Man müsse den einen zeigen und den anderen nicht, meinte Hader zur legendären Kloszene. „Dadurch entsteht sooo ein Effekt, wenn Bösel … aus dem Klo kommt. Man kann sich fast vorstellen, welcher Luftschwall einem entgegenkommt — und beide umarmen sich.“ Doris Happl zeigt auf der karg ausgestatteten Bühne beide. Freundschaftlich stellt Bösel fest, dass Fellner der erste Mensch seit seiner Mutter sei, neben dem er sch….. könne.

    Das berührende Schicksal dieser Freundschaft, Fellners letale Krebserkrankung, kriegen Dreiling und Rathke im letzten Drittel — berührend und schwarzen Humor vermittelnd — bestens hin. Freilich ist im Film dieser Abschnitt facettenreicher. Dennoch versöhnt das Finale. „Gefühlsmäßig ist ana Aschn in ana Urne weniger eng als ana Leich in an Sarg.“